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Vergesst uns nicht!

Diese Jugend von heute! Kritik an der Jugend ist sprichwörtlich, sie ist ebenso schnell geübt wie gesellschaftlich akzeptiert. Kritik von der Jugend dagegen wird nur selten ernst genommen. Dabei ist sie dringend nötig. Schon lange gehen zu viele politische Entscheidungen zu Lasten jüngerer Generationen. Nie war das deutlicher als während der Corona-Krise.

Wenn ich mich mit Vertretern der Generation 60 Plus über zukunftsrelevante Themen wie Technologie, Umweltschutz, Digitalisierung, Wohnungsbau, Einwanderung oder Globalisierung unterhalte, begegnet mir oft eine grundsätzliche Ablehnung gegenüber neuen Entwicklungen. Nüchtern betrachtet ist das in gewisser Hinsicht sogar verständlich. Es wird allerdings problematisch, wenn aus der Abwehrhaltung gegen das Neue die dominierende politische Marschrichtung wird und ein Interessenausgleich zwischen den Generationen nicht mehr stattfindet.

Schon heute ist jeder dritte Wahlberechtigte in Deutschland 60 Jahre oder älter [1] und lediglich jeder Siebte jünger als 30 Jahre alt. Damit hat sich die Altersverteilung deutlich zu Gunsten älterer Wahlberechtigter verschoben. Bei der Bundestagswahl 1987 war noch jeder vierte Wahlberechtigte über 60 Jahre und ebenfalls jeder Vierte unter 30 Jahre alt. 

Auf dem Weg in die Rentnerdemokratie

Heute besitzen die Alten eine strukturelle Mehrheit. Außerdem sind sie überdurchschnittlich wahlaktiv, bei vergangenen Bundestagswahlen lag ihre Wahlbeteiligung regelmäßig über 80 Prozent. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Parteien ihre Politik dieser Altersgruppe anpassen [2]. Dabei dürfen aber jüngere Generationen mit ihren Interessen nicht auf der Strecke bleiben. Doch genau das ist allzu oft der Fall, wenn beispielsweise Investitionen in künftiges Wachstum und Wohlstand kurzfristigen Wahlgeschenken oder einer generellen Reformangst geopfert werden. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog warnte in diesem Zusammenhang schon vor mehr als zehn Jahren vor einer „Rentnerdemokratie“ [3].

Die Gleichgültigkeit der älteren Wähler beim Thema Wachstum ist in gewisser Weise verständlich, profitieren sie doch nur wenig von den langfristigen Vorteilen. Warum für Infrastruktur zahlen, die man nicht mehr nutzen wird? Die Wählergruppe 60 Plus ist außerdem weitestgehend abgekoppelt vom Konjunkturzyklus. Die Renten steigen seit Jahren stärker als die Löhne. Das Gleiche gilt für das generelle Einkommenswachstum. Der Kampf gegen Altersarmut ist so ehrbar wie gesellschaftlich sinnvoll. Doch es kann Nebenwirkungen haben, wenn Wohlstand und Sicherheit ältere Wähler unberührt von den wirtschaftlichen Folgen ihrer politischen Entscheidungen lassen.

Das wird besonders in der Corona-Krise deutlich. Die Alten zählen nicht nur zur Corona-Risikogruppe, sondern auch zu den überwiegenden Befürwortern der getroffenen Gegenmaßnahmen. Sie haben in einer Pandemie gesundheitlich am Meisten und wirtschaftlich am Wenigsten zu verlieren. Die Politik orientiert sich entsprechend.

Den Kampf gegen Corona zahlen vor allem die Jungen

Die jüngeren Generationen zahlen den wirtschaftlichen Preis. Junge Leute arbeiten häufig in Branchen wie Gastronomie, Handel, Tourismus oder Kultur, die von den Corona-Maßnahmen besonders gebeutelt sind. Auch sind sie oft nur befristet angestellt und müssen bei Personalabbau zuerst gehen.  Der geplante Karrierestart wird damit schnell zur Sackgasse. Sinkende Einkommenschancen, geringere Zufriedenheit mit Arbeit und Leben und weniger politisches Engagement können die Konsequenzen sein.  Auch müssen irgendwann die Steuern steigen oder die staatlichen Ausgaben sinken, um die gewaltigen Kosten der Maßnahmen zu begleichen. Beides wird verstärkt die Erwerbstätigen treffen. Kein Wunder, dass die „Mitte“ der Gesellschaft laut einer aktuellen Umfrage [4] so pessimistisch in die Zukunft schaut wie nie zuvor.

Umso gravierender ist, dass beispielsweise die seit langem notwendige Reform des Rentensystems ein Tabuthema bleibt. Sozialverbände und parteieigene Seniorenorganisationen sorgen dafür. Wenn es in wachsenden Städten um den Schutz von Freiflächen vs. Bau von Wohnungen oder Sportanlagen geht, gewinnt fast immer die Lobby der Bewahrer unter dem Etikett Naturschutz. Dasselbe gilt, wenn Gerichte zwischen Lärmschutz und Freizeitmöglichkeiten zu entscheiden haben. Hier schlummert längst ein riesiger Generationenkonflikt, der die Minderheit der jungen Menschen dazu zwingt, in einem in Friedhofsruhe erstarrten Land zu leben, das sie mit ihren Steuern und Abgaben aber trotzdem am Laufen halten sollen.

Trotz alledem hält sich die überwiegende Mehrheit der Jungen in der Corona-Krise klaglos an die getroffenen Maßnahmen, sie verzichten auf Mobilität, Freizeit, Sport, Kontakte und wirtschaftliche Möglichkeiten. Und bei allen Ausnahmen und tragischen Verläufen, die es gibt, ist statistisch völlig eindeutig, warum sie dies vor allem tun: Um die ältere Generation und die Risikogruppen zu schützen. Es gibt sie also, die generationenübergreifende Solidarität. Sie ist momentan jedoch eine Einbahnstraße. Das muss sich ändern. Das Ausbalancieren der Interessen von und zwischen Alt und Jung wird zur zentralen Vermittlungsaufgabe der Politik.

Solidarität ist keine Einbahnstraße

Spätestens in einer dritten Welle wird es auch in Deutschland darum gehen, Menschenleben und Wirtschaftskraft zu retten. Doch wie erreicht man Menschen, deren Wohlergehen scheinbar nicht von der Leistung der Wirtschaft abhängt? Selbst wenn die einzigartige deutsche Gesundversversorgung, die heute Leben rettet, als Folge der Pandemie einmal nicht mehr bezahlbar sein sollte, träfe dies ja erst die nächste Generation von Alten.

Am Zahltag für die Krise sollte die Regierung Personen mit gesichertem Einkommen, mit Renten und Pensionen, jedenfalls nicht aussparen. Denkbar wäre ein Solidarbeitrag gegenüber den jüngeren Generationen nach dem Motto „Wir schützen eure Gesundheit, ihr schützt unsere Finanzen“. Denkbar wäre ebenfalls, die Fesseln zu lösen und bei dringenden Themen wie Digitalisierung, Mobilität und Bürokratieabbau die Bedenken der Älteren zu Gunsten der Entwicklungschancen der Jungen zurückzustellen.

Doch dafür braucht es mutige und in Teilen auch unbequeme Politik. Beides ist momentan nicht erkennbar. Es geht nicht darum, Generationen gegeneinander auszuspielen. Unterschwellig passiert das ohnehin durch die aktuelle Politik längst. Es geht darum, Zielkonflikte offen auszusprechen und Lösungen vorzuschlagen. Denn unausgesprochene Probleme führen zu Unzufriedenheit, die sich irgendwann negativ auf die Solidarität innerhalb der Gesellschaft auswirkt. Wenn wir uns auch noch in Zukunft auf ein funktionierendes Solidarsystem in einer intakten Gesellschaft verlassen wollen, dann müssen wir den Jüngeren endlich Gehör schenken. Denn sie erben den ganzen Bumms.

Tim Benkner ist 26, Jurist, und lebt in München.

Lesen Sie passend zum Thema auch „Politik, die nicht an morgen denkt“ [2] von Bernd Rheinberg