Kreuz (links), Stadtschloss (rechts) jph

Vom Kreuz mit dem Kreuz

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Das Berliner Stadtschloss bekommt ein Kreuz. Ein Fehler, findet unser Autor.

Eigentlich hat ja keiner mehr Lust auf Debatten über das Berliner Stadtschloss, aka Humboldtforum. Drei Jahrzehnte lang beschäftigte die Rekonstruktion des Architekten Franco Stella Kulturdeutschland. Die einen sahen darin den Inbegriff des wieder relevanten Berlin, andere einen architektonischen Sündenfall, Ausdruck neuer deutscher Großmannssucht. Nun kommt das riesige Ding, baulich sogar bemerkenswert schnell. Und einmal müssen wir noch. Drüber diskutieren, meine ich. Denn jetzt soll ein Kreuz aufs Dach.

Genauer gesagt ein 17-Tonnen-Kreuz, montiert auf die Kuppel über dem Westportal. An die Fassade kommt dazu noch ein aus heutiger Sicht eher brabbeliger, offenbar von Friedrich Wilhelm IV. umformulierter Bibeltext, der den Menschen das „Beugen der Knie“ anempfiehlt, weil das „Heil“ stifte. Montiert werden soll an diesem Wochenende, aber nur, wenn es in Berlin „nicht stürmt“, wie es heißt. Schade eigentlich. Andernfalls ließen sich schöne Assoziationen entwickeln: das Kreuz, weggepustet vom Wind of Change, der am Schloss bläst wie vor 31 Jahren am Brandenburger Tor. 

Aufgeregte Systemkritik

Aber so wird es natürlich nicht kommen. Das Kreuz wird montiert werden. Was an sich schon ärgerlich ist. Noch ärgerlicher aber sind die monumentalen Überinterpretationen, die der unselige bauliche Akt auf systemkritisch empfindender Seite provoziert. Eine schreckliche Verquickung von Staat und Kirche werden manche darin sehen, schockierenden Ausdruck anhaltenden Preußentums im deutschen Geist oder die kulturimmanente Missachtung anderer Religionen hierzulande. Sogar den in diesem Kontext besonders uninteressanten Befund, dass „der Großteil der Entscheider weiß und männlich ist“, musste man bereits lesen. 

Das alles sind signifikante Fehldeutungen des realdeutschen State of Mind. Wir haben ein Problem mit Antisemitismus, das ja. Aber von einer Überdominanz des Christlichen kann ansonsten kaum die Rede sein. Im Gegenteil, das Prinzip Glauben ist auf dem absteigenden Ast. Wie gesagt, Wind of Change. Das Problem des Kreuzes (wie auch des Schlosses) ist nicht das, was es alles ausdrückt. Sondern dass es im Gegenteil überhaupt nichts mehr ausdrückt. Als der Preußenkönig Kreuz und Anschrift bis 1854 montieren ließ, befand sich unter der Kuppel eine Kapelle. Weite Teile des neuen Schlosses werden hingegen für Ausstellungen genutzt werden, deren Meta-Funktion es ist, sich von der Architektursimulation Stellas zu distanzieren. Gerade verkündete der Generalintendant des Humboldtforums, dass das Kreuz die „Mehrdeutigkeit“ in der DNA des Forums stärke. Ähem – wie bitte? Wenn ein Kreuz für eines nicht steht, dann für Vieldeutigkeit. 

Dialektik der Ausstellung

Um diesem kruden Anspruch irgendwie Substanz zu verleihen, kommt nun wohl eine Art Teilausstellung zur Geschichte der Kuppel hinein, als ein weiteres Element unter vielen geplanten Reflexionen zur Geschichte des Ortes. Die nächste Stufe einer immer komplizierter werden baudiskursiven Verhedderung. Nochmal der Intendant: Man wolle die „Ambiguität der Architektur“ nutzen, um zu „Diskussionen über die Vielschichtigkeit unserer Welt“ anzuregen. Nicht dass solche Diskussionen nicht sinnvoll wären. Aber braucht man dazu Schloss, Kuppel, Kreuz und königliche Bibellyrik? Hegel wäre jedenfalls verzückt gewesen über diese Dialektik: Man baut etwas, um dann via Ausstellung all das zu signalisieren, was durch die bauliche Intervention nicht gemeint ist.




Alexander Gutzmer ist Publizist und Kulturwissenschaftler. Liebt London und Los Angeles. Schätzt Rem Koolhaas und Jonathan Frantzen. Schreibt über Architektur und Unternehmen. War zehn Jahre lang Chefredakteur der Architekturzeitschrift Baumeister und lehrt als Professor an der Quadriga Hochschule. Aktuelle Bücher: Die Grenze aller Grenzen (Edition Kursbuch), Urban Innovation Networks (Springer); Architektur und Kommunikation (Transcript)