Berlin, Weibliche Stadtverordnete 1919: Martha Hoppe, Helene Schmitz, Dr. Martha Wygodzinski, Martha Shiroa, Liesbeth Riedger, Anna Kulicke Bundesarchiv

Warum Frauen keinen Bonus brauchen

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Verfassungsgerichte kippen die Quotenregelungen für Parlamentswahlen in Thüringen und Brandenburg. Das ist gut so, denn Frauen sind auch ohne rechtswidrige Unterstützung stark genug, um in der Politik Karriere zu machen. Wenn sie es wollen.

Wer ist nur auf die Idee gekommen, Parteien per Gesetz zu verdonnern, gleich viele Frauen wie Männer aufzustellen? Dies ist ein freies Land, in dem Frauen sich frei entscheiden können, in die Politik zu gehen oder es zu lassen. Angela Merkel, Rita Süssmuth, Claudia Roth und das halbe aktuelle Kabinett sind dafür Beleg genug. Steigbügelhilfe brauchen die Frauen nicht, auch nicht von woke Landesregierungen im Osten der Republik. Nun, die Verfassungsgerichte im Osten sind nicht so hip wie die Regierungen. Sie schmetterten in Brandenburg und in Thüringen die Gesetze ab, weil sie die Freiheiten der Parteien bei der Aufstellung ihrer Kandidaten einschnürten.

Quoten klingen freundlich, sind aber zweischneidig. Was, wenn jemand gleich viele männliche wie weibliche Abiturienten verlangte? Das Halbe-Halbe gibt es schon lange nicht mehr. Die Jungs sind in der Minderheit, ebenso bei den Studienanfängern, bei den Lehrern, bei den Medizinern. Keine Landesregierung hat nach einer Quote für Männer beim Medizinstudium gerufen, niemand schreit nach einer Quote für Jungen bei der Erzieherausbildung, freilich schreit auch niemand nach Parität von Männern und Frauen bei der Müllabfuhr, der Feuerwehr oder bei den Stahlkochern.

Warum in der Politik? Da waren die Frauen zunächst gar nicht vorhanden, einst durften sie nicht einmal wählen. Das Wahlrecht wurde ihnen von beherzten Suffragetten erkämpft. Dann zogen sie in kleiner Zahl in die Parlamente ein, irgendwann wurde auch mal eine wie Katharina Focke Staatssekretär.  Angefangen mit 6,8 Prozent oder 28 Frauen im ersten Bundestag 1949 hatten sie sich bis zur stattlichen Zahl von 230 Frauen oder 36,5 Prozent im Parlament entwickelt.  Alles ohne Quotenstress. Im gegenwärtigen Bundestag freilich ist die Zahl wieder etwas abgesackt auf 218 oder 30,7 Prozent.

Die weiblichste Regierung aller Zeiten

Haben die Männer unfair gespielt, haben die Frauen aufgegeben?  Trost liefert zumindest das Kabinett. Da kommen  die Frauen auf 44 Prozent, inklusive der Kanzlerin. Diese Regierung ist die weiblichste aller Zeiten. Mit null Quote.

Freilich sagen Ministerämter wenig über Gleichstellung  aus. Auf der kommunalen Ebene, da wo Politik gemacht wird, machen die Frauen gerade mal ein Drittel der Aktiven aus. Von dieser Unterrepräsentation in Spitzenplätze und -ämter zu kommen ist schwierig – und doch nicht unmöglich. Freilich drängeln sich viele Frauen auch nicht unbedingt in die Politik, weil sie höchst zeitaufwendig und nicht gerade familienfreundlich ist. Wer will wegen Ortsvereinssitzungen seine Familie vernachlässigen? Viele Frauen wollen es nicht. In den deutschen Parteien ist eine deutliche Mehrheit der Mitglieder männlich.

Man hat an Technischen Hochschulen Mädchentage noch und noch veranstaltet, die Unwucht bei der Verteilung der Studierenden in den Ingenieurswissenschaften oder im Maschinenbau hat sich dadurch nicht dramatisch verändert. Soll darum eine Quote für weibliche Ingenieure her?

Sollte man nicht langsam den Frauen zubilligen, stark genug zu sein, alles werden zu können, wenn sie das Zeug dazu haben? Und vor allem: Wenn sie es wollen? Wir haben eine Bundeskanzlerin, eine Präsidentin der EU, mehrere Vizepräsidentinnen des Bundestags und demnächst sogar eine Intendantin des Bayerischen Rundfunks. Alles ohne Quote und trotz angeblicher Männerverschwörung.  

Die Frauen schaffen das schon – ganz ohne Steigbügelhilfe.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.