Was Scholz nun tun könnte

Der Beinahe-Kanzler Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, macht eine schlechte Figur. Und das nicht zum ersten Mal in seiner politischen Laufbahn. Dabei gibt es Auswege.

Wie eine Sprechpuppe sondert er Sprachregelungen ab, die brav aufgesagt und sorgfältig formuliert sind, aber die Fragenden irritiert bis verzweifelt zurücklassen. Hinter der hanseatischen Bescheidenheit zeigt sich ein schlichtes Gemüt, das die Bürger zu beruhigen sucht, so wie ein Vater mit seinen minderbemittelten Kindern spricht. Die Menschen fühlen sich durch diesen paternalistischen Habitus nicht für voll genommen. Für dumm verkauft bleibt bei den Bürgern vor allem Wut. Wenn Olaf Scholz jemals für höheres gehandelt wurde, so hat er diese Aussichten erneut auf absehbare Zeit verschüttet. Denn da ist er wieder, der Scholzomat.

Der G20-Bürgermeister hat sich aus Staatsraison vor die „Bullen“ stellen wollen; das ist recht. Man muss achten, dass sie eine schwierige Aufgabe haben. Dazu hat Scholz aber eine Notlüge bemüht. Die Polizei habe keinen Fehler gemacht, sagt er als verantwortlicher Politiker, nachdem der Terror stundenlang unter den Augen der Einsatzkräfte ein Stadtviertel plünderte und brandschatzte. Das war eine postfaktische Aussage. Sie ist trotz edler Motive schlicht gelogen.

Die Polizei hat einen Einsatz verweigert, weil sie Angst hatte, von den Dächern aus mit Steinen oder Molotow-Cocktails beworfen zu werden. Zur Räumung der Dächer von einer Handvoll Leuten wurden paramilitärische Schutzkräfte an anderem Ort abgezogen und umständlich neu eingesetzt, was seine Zeit dauerte. Eine eklatante Fehlentscheidung der Einsatzleitung. Scheiße gebaut, zu gut Deutsch. Diese Einsicht hat nichts mit den verlogenen Schuldzuweisungen der Linkspartei und der Anarchismus-Verherrlichung der Autonomen zu tun, sondern nur mit faktischem Staatsversagen. Olaf, was nun?

Nur dem reuigen Sünder wird verziehen

In einem protestantischen Land haben die Menschen gelernt, dass man sich zu seinen Verfehlungen bekennt und dann auf Vergebung hoffen darf. Das offene Eingeständnis gehört dazu aber ganz wesentlich. Das ist etwas anderes als dieser verdruckste Kindersatz „Das hätten wir uns anders vorgestellt!“ Wir, die schutzlos gelassenen Bürger, hätten eine Entschuldigung verdient. Große Geste: Auf die Knie! Und wir hätten Asche aufs Haupt erwartet. Eine japanische Verbeugung. Stattdessen sitzt der Scholzomat wie eine Sprechpuppe in der Talkshow und murmelt Ausreden wie ein Oberbuchhalter, der seinem Job nicht gewachsen ist. Not good enough. Dass die Berliner ihn decken, macht das Elend nicht kleiner. Ach, Olaf.

Es gibt drei Olaf Scholz

Viele meiner Freunde stimmen mit diesem harschen Urteil nicht überein. Sie sagen: Er hat das so schlecht nicht gemacht, der Scholz. Ich habe den Mann mal aus der Nähe erlebt. Seitdem weiß ich, dass er soziophob ist und in seinem Anzug drei verschiedene Persönlichkeiten stecken. Scholz als Redner ist eine Katastrophe. Selbst ordentliche Manuskripte weiß er vor einem größeren Publikum zu einem Gestammel zusammen zu haspeln, dass das Zuhören ein einziges Leiden bedeutet. Kein Rhetor, der Mann. Keine Politik ohne Rhetorik. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum zeigt sich dann ein gewandter und gelegentlich humorvoller Taktiker. Charme kommt auf.

Im dritten Teil des Abends, man sitzt beim Essen zusammen, blüht er auf und wird zum geistreichen Unterhalter. Der Mann ist für die kleine Bühne geschaffen. Unter Stress gerinnt er zu einer Puppe, der jede Nonchalance fehlt. Aus Scholz wird der Scholzomat. Wo Schröder dreist, Kohl arrogant und Merkel schnippisch wird, da legt sich Scholz selbst die Fäden eines Marionettentheaters an. Und macht schlechte Figur, weil er die Erwartungen des Publikums an große Gesten enttäuscht. Wie ist dem Mann zu helfen?

Auf nach Canossa!

Will Scholz überleben, Berlin sagt ja, er darf das, so wird er bleiben müssen, was er ist, ein dröger Fischkopp. Man macht aus einem Soziophoben keine Rampensau. Aber er wird jetzt gleich mehrfach nach Canossa müssen. Die Entschuldigung für seine bescheuerten Sprüche im Vorfeld, etwa zum Hafengeburtstag, steht aus. Die Köpfe von Einsatzleiter und verantwortlichen Senatoren müssen rollen. Rechtsfreie Räume für Autonome sind zu schließen. Und immer wird er sagen müssen: In Ordnung, ich habe einen wirklichen Fehler gemacht, aber jetzt gehe ich die Dinge an. Vielleicht könnte er hilfsweise sagen, was andere gesagt haben, nachdem sie richtig Scheiße gebaut hatten? Wir schaffen das.

Ganz daneben: Schulz

Dass man im Postfaktischen ganz daneben liegen kann, zeigt der amtierende Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz. Er will den Terror der Anarchisten nicht als linksradikale Erscheinung verstanden wissen, weil links nichts mit Gewalt zu tun habe. Das ist historisch falsch und politisch eine Riesendummheit. Ich halte es mit der alten Franz-Josef-Strauß-Regel: Die demokratische Rechte soll sich um die Faschos kümmern und die demokratische Linke um die Anarchos. Aber dazu muss man zugeben, was ist. Zuviel Rhetorik, Herr Schulz, ist eben auch keine Politik. Der Schulzomat ist ein Dampfplauderer. Auch kein Kanzler.




Klaus Kocks ist Literatur- und Sozialwissenschaftler, entstammt der Montankultur an der Ruhr, lebt in Berlin und im Westerwald. Im Broterwerb selbständiger Meinungsforscher und Kommunikationsberater und im Übrigen Publizist an der Uni wie als Kolumnist. Also wechselweise der Gegenaufklärung wie der Aufklärung verpflichtet. Gemütszustand: gelassen, aber finster zur Aufrichtigkeit entschlossen.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com