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Weniger Egoismus! Mehr Empathie!

Der Dirigent Gustavo Dudamel bricht sein Schweigen. Er kritisiert Venezuelas Politiker in einer Videobotschaft. Zu spät? Zu unausgegoren?

Nun also doch! Der Dirigent Gustavo Dudamel hat sich gestern Nacht in einer Video-Botschaft [1] auf Instagram an Venezuelas Politiker gewendet und die Führer seines Landes zur Besonnenheit aufgefordert. Dudamel fordert weniger Ideologie und weniger Egoismus, er mahnt zum Miteinander, will die Demokratie bewahren und fordert die Menschen auf, in der Krise  zusammen zu stehen.

Viele haben jahrelang auf derartige Worte von Venezuelas wahrscheinlich berühmtestem Musiker gewartet. Dudamels Einmischung in die dramatische Tagespolitik seines Landes ist längst überfällig. Seit Jahren hat der Dirigent das Chavez-System und dessen Nachfolgeregierung mit Präsident Maduro unterstützt, sich grundlegend geweigert, Menschenrechtsverletzungen oder Misswirtschaft anzuprangern. Dudamel war eine der wichtigsten Propaganda-Figuren des Chavez-Systems: Gemeinsam mit dem Simon Bolivar Jugendorchester hat er zum Tag der Jugend in Venezuela aufgespielt, während die Polizei auf den Straßen von Caracas zahlreiche Demonstranten brutal niederknüppelte. Dudamel persönlich dirigierte die Beerdigung Chavez’ und bot sich als Sargträger des umstrittenen Politikers an. Chavez hatte sein Volk durch Repressalien und die Einschränkung politischer Freiheiten in Schach gehalten. Nach seinem Tod eskalierte die Situation: die Armut wuchs, die soziale Ungerechtigkeit wurde unüberwindbar, das Militär knüppelt Aufständische nieder. Zu all dem schwieg Dudamel auch weiterhin. Bis jetzt.

Dudamel war Propaganda-Dirigent der Regierung

Viele Menschen haben Dudamel seit Jahren aufgefordert, Position zu beziehen und sich vom Chavez-System loszusagen. Und immer größer wurde die öffentliche Kritik am einst gefeierten Sozialprojekt des Landes, am „El Sistema“, dem musikalischen Bildungssystem, das angeblich arme Kinder aus den Slums die Möglichkeit gab, durch Musik an Selbstwert zu gewinnen. Zeitungen und ehemalige Orchester-Mitglieder berichteten, dass das Sozial-Märchen eine einziges Propagandalüge sei, dass die Kinder und Jugendlichen bewusst für die Sache der Regierung zu spielen hatten. Auch darüber schwieg Gustavo Dudamel und dirigierte das Simon Bolivar Jugendorchester in der ganzen Welt.

Selbst als andere Musiker, allen voran die Pianistin Gabriela Montero, ebenfalls ein Kind des „Sistema“, Dudamel öffentlich aufforderten, sich zur Demokratie zu bekennen und sich vom Chavez-System loszusagen, kam dem Dirigenten lediglich der sparsame Satz über die Lippen, dass er doch nur ein Musiker sei, und dass Politik nicht zu seinen Aufgaben gehöre. Das war um so absurder, da Dudamel sich immer wieder in den politischen Dienst der Regierung seines Landes stellen ließ. Montero musste mit zahlreichen Repressalien leben, ihre Tourneen in Südamerika wurden kurzfristig abgesagt, ihre Familie in Venezuela stand unter Beobachtung. Ihre große Hoffnung: Ein Wort von Gustavo Dudamel. Der aber schwieg bis zuletzt.

Nun redet er, endlich! Und, ja, es mag viel Kritik an seinem Video geben. Die Kommentare auf seinem Instagram-Profil, die meisten wahrscheinlich aus Venezuela, sind mindestens zur Hälfte eher weniger optimistisch. „Zu spät“, heißt es da, Dudamel sei ein „Snob“, er sei unglaubwürdig, weil er zu lange mitgemacht habe. Die jungen Demonstranten, die seit Monaten auf die Straßen gehen und dabei ihr Leben riskieren, haben Dudamel als Unterstützer längst abgeschrieben. Ihr Frust ist durchaus verständlich.

Sein Statement – zu spät?

Schließlich erhebt Dudamel seine Stimme zu einem Zeitpunkt, da es längst opportun ist, die venezolanische Regierung zu kritisieren. In einer Zeit, da ein Großteil der Jugendlichen auf der Straße demonstriert, da die politische Führung in der Krise steckt, da Bilder von geschlagenen und gedemütigten Demonstranten um die Welt gehen, da die Perspektive für das Land und die Regierung eher aussichtslos ist. Und, ja, auch die Worte, die Dudamel wählt, lassen sich sicherlich kritisieren: Keine konkrete Abrechnung mit den politischen Verantwortlichen, keine Distanzierung von der Regierung – lediglich die Aufforderung Milde und Humanismus walten zu lassen. Kein Wort zum „El Sistema“, keines über die eigene Rolle des Dirigenten in der Vergangenheit, kein Eingestehen von eigenen Fehlern und kein Rückblick in Reue.

Aber vielleicht wäre all das auch zu viel verlangt. Gustavo Dudamel war Kind des Systems. Er hat Chavez und seinem „El Sistema“, hat dem Simon Bolivar Jugendorchester und seinem Land viel zu verdanken. Klar, auch, weil er mitgeschwommen ist, weil er sich zum obersten Botschafter einer Politik gemacht hat, die sich nach außen hochkulturell verkaufte und nach innen einen strengen Überwachungsstaat organisierte. Und, klar, es wird auch eine Rolle gespielt haben, dass immer mehr westliche Medien ein offenes Wort von Dudamel erwartet haben. Immerhin leitet er ein Orchester in den USA und ist auf den europäischen Markt angewiesen. So gesehen ist seine jetzige Stellungnahme fast schon zu spät, um das eigene Image zu retten.

Dennoch ist es gut und wichtig, dass Dudamel sich dazu durchgerungen hat, als Musiker auch politisch Farbe zu bekennen. Man hätte sich vielleicht noch klarere Worte gewünscht, man hätte sich vielleicht gewünscht, dass er sich auch öffentlich mit Gabriela Montero versöhnt. Man hätte sich vielleicht ein Statement gewünscht, das unumkehrbar ist – und kein Zurück zum alten System zulässt.

Lieber jetzt als gar nicht!

Aber vielleicht geht es darum in diesen Tagen gar nicht. Es ist gut, wenn Prominente in Situationen wie sie in Venezuela herrschen, Besonnenheit ausstrahlen. Und wichtiger noch: Dudamel hat mit seinem Video gezeigt, dass er inzwischen bereit ist, sich einzumischen. Wie glaubhaft dieses Engagement ist, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Ein einmaliges, weitgehend in alle Richtungen deutbares Statement kann nicht das letzte Wort des Dirigenten gewesen sein. Im ersten Schritt hat er sich für den Frieden und für die Zusammenarbeit der Menschen in Venezuela eingesetzt und Humanismus und Empathie von den politischen Führern eingefordert. Außerdem hat er ein Bekenntnis zur Demokratie abgelegt. In den nächsten Tagen und Wochen werden ihm viele Fragen gestellt werden – und dann wird sich entscheiden, wie ernst Gustavo Dudamel es mit seinem Engagement meint. Ob es nur ein „Last-Minute-Troubleshooting“ in eigener Sache war oder ob ihm wirklich daran gelegen ist, sich in die Tagespolitik in Venezuela einzumischen. Dazu aber würde auch gehören, seine eigene Rolle in den letzten Jahren schonungslos und offen zu thematisieren.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei „Crescendo“ [2]