Im saarländischen Haupersweiler erzeugt der Versorger EnBW seit 2010 mit sechs Windkraftanlagen mit einer Leistung von insgesamt 15 MW regenerativen Strom. Foto: EnBW/Weltenangler

Wenn Städter zu viel Wind machen

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Es wird eng für die Energiewende. Windräder sollen immer näher an Wohnhäuser gebaut werden – tönt es vor allem aus der Stadt. Die Landbevölkerung soll sich mal nicht so anstellen. Das könnte böse Folgen haben.

Der Ausbau der Windkraft könnte zu einer Zäsur bei der Energiewende werden. Bisher ließen sich aufgebrachte Bürger in der Regel besänftigen mit Erdkabeln statt Freileitung oder einem Planungsstopp für Windräder in besonders umstrittenen Gebieten, etwa Wäldern. Doch das Nachgeben muss zur Ausnahme werden, wenn bis 2030 der Ökostromanteil auf 65 Prozent steigen soll. Kernkraftwerke sind bis dahin raus, auch der Kohleanteil soll schwinden, die Option Grünstrom aus dem Süden erscheint bisher auch wenig realistisch. Also müssen hierzulande Wind- und Solaranlagen in großem Stil errichtet werden (vom Thema Speicher ganz zu schweigen).

Das wird eng. Konkret diskutiert die Politik, wie nahe an Siedlungen dürfen Windräder gebaut werden? Und was ist eigentlich eine Siedlung? Stand derzeit: Wirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU) will, dass mindestens 1000 Meter einzuhalten sind von alle jenen Flecken, wo mindestens fünf Häuser stehen. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) findet, das sei zu viel, um den angestrebten Ausbau zu schaffen. Eine Analyse des Umweltbundesamtes vom März 2019 gibt ihr recht.

Dort heißt es unter anderem:

„Bereits ein Mindestabstand von 1000 Metern reduziert die aktuelle Flächenkulisse um 20 bis 50 Prozent. Ein Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo wäre auf der verbleibenden Fläche faktisch nicht möglich. Um einen weiteren Ausbau
der Windenergie zu gewährleisten, müssten stattdessen Flächen zur Verfügung gestellt werden, welche bisher aus anderen Gründen ausgeschlossen wurden. Die Nutzungskonkurrenzen und damit der Druck auf diese Flächen würden steigen.“

Die Positionen sind bekannt und wenig überraschend. Große Teile der SPD, Grüne und Verbände wie der BUND oder die Deutsche Umwelthilfe bezichtigen Altmeier, die „Energiewende abzusägen“ und rufen zur Rettung der Windkraft auf. Anders formuliert: Die Interessen der Landbevölkerung sind ja gut und schön, aber bei einer so großen Sache wie der Energiewende, da solltet Ihr Euch mal zurücknehmen und unterordnen.

Eine Einschätzung, die von vielen in großstädtischen Milieus geteilt wird. Man schaue nur die Aufstellung in der „Rheinischen Post“ an, was unter 1000 Metern sonst so möglich ist (Steinbrüche mit Einsatz von Sprengstoff – mind. 300 Meter, Anlagen zur Herstellung von Düngemitteln – mind. 500 Meter oder Freizeitparks mit Nachtbetrieb – mind. 700 Meter) und die Kommentare dazu im Netz: Stellt Euch nicht so an, rufen sie den Landleuten zu. Ist eine Windkraftanlage etwa lauter und gefährlicher als ein Steinbruch?

Dass dieser Vergleich sehr schräg ist, muss eigentlich nicht ausgeführt werden. Die Sprengungen erfolgen wenige Male am Tag, wenn überhaupt. Ein Windrad macht Geräusche immer dann, wenn der Wind weht, über weite Strecken zu hören für alle, die sich in der jeweiligen Lee-Seite befinden. Vor allem sind Steinbrüche, wie auch Düngemittelfabriken oder Freizeitparks, keine flächendeckenden Phänomene, sondern Ausnahmen. Die allermeisten Menschen, die auf dem Land leben, können sehr sicher davon ausgehen, dass ihnen nicht demnächst eine solche Anlage vor die Nase gesetzt wird. Ganz anders bei Windrädern, da ist die Wahrscheinlichkeit sogar recht hoch.

Keine Frage, der Ausbau der Erneuerbaren ist sinnvoll. Denn Kohlekraftwerke sollten möglichst bald aus dem Energiesystem raus und selbst der überlegenswerte Weiterbetrieb von Kernkraftwerken wird die Lücke nicht schließen. Der Ausbau muss jedoch so gestaltet werden, dass ihn die Betroffenen zumindest nicht als Verlust wahrnehmen. Ein Riesenpropeller direkt neben dem Haus, dessen finanzielle Erträge dann auch noch irgendeiner Firma außerhalb der Region zugute kommen, ist aber genau das.

Die Entscheidung, auf dem Land zu leben, treffen viele bewusst. Sie suchen Natur und Ruhe, die Städte nicht bieten. Sie erkaufen diese Vorteile mit längeren Wegen zur Arbeit, zu Ärzten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten – sofern es die überhaupt noch gibt – mit oftmals schlechter Netzabdeckung und einem nicht minder schlechten ÖPNV. Gerade wer „draußen“ lebt, den Wandel der Natur bewusst wahrnimmt, ist offen für Umwelt- und Klimaschutz. Die Voraussetzungen für einen moderierten Ausbau der Windkraft sind also gegeben.

Wenn Großstädter, die übrigens auch lieber abseits der Hauptstraßen und S-Bahn-Gleise wohnen, den Landleuten erklären, man solle sich nicht so haben und müsse fürs Klima auch mal Opfer bringen, dann ist das schlicht überheblich. Oder ist es der Neid, nicht selbst ein Haus am Feldrand zu haben, mit freiem Blick auf die Weite, begleitet von nichts anderem als dem Zwitschern der Vögel?

Wenn die bereits vielfach zu beobachtende Entfremdung zwischen urbanen Zonen und der Provinz beim Thema Energieversorgung weitergeht, geradezu forciert wird, kann das böse Folgen haben. Noch hat die Energiewende Rückhalt in der Bevölkerung. Ohne das nötige Feingefühl kann sich das bald ändern.




Ralf Nestler, Jahrgang 1978, ist aufgewachsen im Osten des Bezirks Dresden, später Freistaat Sachsen. Studium der Geologie und Evangelische Journalistenschule. Seit 2007 Wissenschaftsjournalist bei der "Berliner Zeitung" und beim "Tagesspiegel". Ende 2016 bis Sommer 2018 Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam, jetzt freier Journalist in Berlin. Mit Faible für Geowissenschaften, Raumfahrt, Ostdeutschland und was sonst noch spannend ist.