Der Mann rechts bewundert Leute wie den da links. Je brutaler, desto besser. The White House / Public Domain

Will Trump diese Wahl gewinnen?

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Wahrscheinlich wird es am Abend der Präsidentschaftswahlen keinen Sieger geben. Damit dürfte ein Chaos beginnen – Trumps Paradedisziplin.

Wahlen werden in den Vereinigten Staaten — wie in jeder anderen Demokratie — meistens in der Mitte gewonnen. Ein Präsidentschaftskandidat gewinnt Sympathien nicht dadurch, dass er sich als Radikalinski, sondern als Mann des Ausgleichs präsentiert. Das galt bisher nicht nur für Demokraten, sondern mindestens ebenso sehr auch für Republikaner. Richard Nixon trat als Sheriff auf, als Befürworter von „Law and Order“ — aber er distanzierte sich dabei nicht nur von linken Krawallstiftern, sondern auch von prügelwütigen Polizisten und Rassisten wie George Wallace. Ronald Reagan war für eine schärfere Gangart gegenüber der Sowjetunion und bezeichnete sie als „Reich des Bösen“ — trat aber gleichzeitig für Verhandlungen mit den Sowjets ein.

Donald Trump ist fundamental anders. Er spricht nur zu seiner Basis, also jenen 35 bis 40 Prozent, die ihm fanatisch ergeben sind, und scheint sich beinahe einen Spaß daraus zu machen, den Rest der amerikanischen Bevölkerung zu verprellen. Der jüngste Akt in diesem Drama: Donald Trumps Versprechen, sich über den Wunsch hinwegzusetzen, den Ruth Bader Ginsburg auf ihrem Sterbebett äußerte, und ihren Posten am Supreme Court im Ruckzuck-Verfahren neu zu besetzen. Nachdem Trump schon alles getan hat, um schwarze Wähler gegen sich aufzubringen, vergrätzt er damit auch die weißen Frauen in den amerikanischen Vorstädten — die bis 2018 in ihrer Mehrheit republikanisch gewählt hatten.

Joe Biden und Kamalas Harris sind unterdessen damit beschäftigt, eine breite Koalition zusammenzustellen, wahrscheinlich die breiteste Koalition, die es in der amerikanischen Geschichte je gegeben hat. Sie reicht von Alexandria Ocasio-Cortez (die in Deutschland zur Linkspartei gehören würde) über moderate Demokraten wie Amy Klobuchar (die in Deutschland SPD-Mitglied wäre) bis zu ehemaligen Generälen wie Paul Selva (einem Konservativen, der in Deutschland am ehesten Positionen der CDU verträte). Die Umfragen bestätigen den Erfolg dieser Strategie: Biden und Harris liegen in ganz Amerika ungefähr sieben Prozent vor Trump. Auch in den meisten „swing states“ haben sie die Nase vorn. Überdies wird eine phänomenal hohe Wahlbeteiligung erwartet — schon dies ein schlechtes Omen für Trump. Der Grund, warum Hillary Clinton ihm 2016 im Wahlmännerkollegium unterlag, war vor allem, dass viele Amerikanerinnen und Amerikaner damals nicht zur Wahl gegangen sind. 

Auf den ersten Blick ergibt Donald Trumps Taktik keinen Sinn. Er müsste sich jetzt öffnen; er müsste besänftigende Gesten gegenüber jenen Leuten vollführen, die ihm nicht begeistert zujubeln. Statt dessen tut er das Gegenteil — er heizt den Kulturkampf noch weiter an. Nun kann man sagen: Trump ist eben Trump. Der Mann lügt zwar ununterbrochen, aber zur Heuchelei ist er nicht fähig. Es gelingt ihm nicht, seine Verachtung für Schwarze, für Frauen, eigentlich auch seine Anhänger zu verstecken. Er ist bauernschlau, aber nicht klug. Er ist nicht fähig, strategisch zu denken. All dies mag wahr sein, aber es verfehlt das Wesentliche: Donald Trumps Taktik ergibt nur dann keinen Sinn, wenn es ihm darum geht, diese Wahl zu gewinnen. Aber vielleicht geht es ihm gar nicht darum? Vielleicht verfolgt er — mit seiner bauernschlauen Durchtriebenheit — ein ganz anderes Ziel? 

Bewunderung für Autokraten

Sammeln wir die Indizien. Erstens: Schon vor 30 Jahren hat Trump in einem Interview mit dem „Playboy“ gesagt, dass er Gorbatschow verachte. Gorbatschow sei zu weich gewesen, er war ein „loser“. Er, Trump, bewundere dagegen die chinesischen Machthaber, die das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens veranstalteten. Halten wir fest: Es gibt eine durchgehende Linie im Denken des Donald Trump, und diese Linie ist die Bewunderung für autokratische Herrscher. Je brutaler, desto besser. Zweitens: Trump hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er eine Wahlniederlage nicht akzeptieren wird. Nie. Unter keinen Umständen. Drittens: Er hat seine Anhänger — das sind ungefähr 60 Millionen Amerikaner, von denen viele bewaffnet sind — darauf eingeschworen, dass eine Wahlniederlage nur einen Grund haben könne: massiven Wahlbetrug der Demokraten. Viertens: Es gibt Bundesstaaten, wo 2020 eine Mehrheit für Joe Biden stimmen könnte, obwohl sie von Republikanern regiert werden. Und die denken schon jetzt laut darüber nach, Delegierte ins Wahlmännerkollegium nach Washington zu entsenden, die auf jeden  Fall zu Trump halten. Ganz egal, wie die Wahl ausgegangen ist. Das wäre — so seltsam es klingen mag — verfassungsgemäß. 

Fünftens: Trump hat mehrfach gesagt, dass er Briefwahlen (Pandemie hin oder her) für illegitim hält. Nun zeichnen Trumps Anhänger sich unter anderem dadurch aus, dass sie die Corona-Seuche nicht ernst nehmen. Demokraten dagegen nehmen sie sehr wohl ernst. Sie werden also eher per Brief abstimmen. Es ist damit zu rechnen, dass die Wahl am Abend des 3. November nicht gelaufen sein wird. Es ist damit zu rechnen, dass — wie eine Fata Morgana — ein Wahlsieg für Trump über die Bildschirme der amerikanischen Nation flackert, der sich, wenn die Briefwahlstimmen ausgezählt sind, in einen Sieg für Biden verwandelt. Trump sagt: Das werde er nicht hinnehmen, es zähle nur das Ergebnis am 3. November.

In der amerikanischen Verfassung steht nichts darüber, wer in letzter Instanz darüber entscheidet, wer eine Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Sie sagt auch nichts darüber, wie ein friedlicher Machtwechsel vonstatten gehen soll; sie setzt diesen friedlichen Machtwechsel einfach voraus. Seit 1896 war das Mittel dazu das Eingeständnis der Wahlniederlage durch einen der beiden Bewerber. Wer will, kann auf YouTube die Ansprache anschauen, die Al Gore 2000 nach seiner (höchst umstrittenen) Niederlage gegen George W. Bush gehalten hat. Sie war ein Beispiel für Großmut, für staatsbürgerliche Tugend, für amerikanischen Patriotismus. Wenn man für den November 2020 eines mit Gewissheit voraussagen kann, dann dies: Eine solche Rede wird es aus dem Munde von Donald Trump nicht geben.

Gewiss: Es kann sein, dass Joe Biden die Wahl auf Anhieb haushoch gewinnt — in diesem Fall wird Trumps Bauernschlauheit ihm nichts nützen. Es kann auch sein, dass Trump ganz legitim die Mehrheit der Stimmen im Wahlmännerkollegium (nicht aber die Mehrheit der Stimmen im Land) erringt. In diesem Fall ist mit Massendemonstrationen und Ausschreitungen zu rechnen, die den Vorwand für scharfe Repressalien liefern würden. Das wahrscheinlichste Szenario ist jedoch, dass am Abend des 3. November noch sehr wenig feststeht. Dann beginnt das Chaos. Und Chaos ist das Element, in dem dieser Präsident blüht und gedeiht.

Hannes Stein, unser Mann in Amerika, blickt wöchentlich mit Richard Volkmann im Podcast „City on the Hill“ auf die wichtigsten politischen Ereignisse in den USA zurück.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".