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Worum es bei dieser Wahl geht

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In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob das großartigste Land der Welt es auch weiterhin bleiben wird. Es drohen ungarisch-russische Verhältnisse.

Nur einmal in der amerikanischen Geschichte hat es eine Wahl gegeben, die so schicksalsträchtig, so bedeutsam war wie diese. Das war die Wahl von 1860. Damals ging es im Kern um die Frage: Bleiben die Vereinigten Staaten ein Land? Oder spalten wir uns in zwei Nationen — eine, die sich weiter zum Ideal von “life, liberty and happiness” für jeden bekennt und eine zweite Nation, deren Fundament die Sklaverei ist, die Ungleichheit von schwarz und weiß? 

Heute steht auf dem Stimmzettel die Frage: Verwandeln die Vereinigten Staaten sich endlich in eine multirassische, multikulturelle Demokratie — das große Versprechen des 14. Amendment, das nie eingelöst wurde — oder werden wir eine Autokratie nach ungarisch-russischem Vorbild, mit einem starken Mann an der Spitze, in dem nur weiße Christen als „richtige“ Amerikaner gelten, während die anderen bestenfalls geduldet werden?

Einen Moment lang will ich den advocatus diaboli spielen und die Argumente der anderen Seite vertreten. Eigentlich sind es zwei Argumente. Erstens: In einer Demokratie — „one man, one vote“ — gelten die Stimmen aller Wählerinnen und Wähler gleich viel. Das heißt, der Milliardär, der Millionen in die Steuerkasse einzahlt, hat nicht mehr zu sagen als der Sozialhilfeempfänger, der sich aus der Sozialkasse bedient. Das heißt wiederum: In einer Demokratie kann die Masse den einzelnen Kapitalisten ausplündern. (Das ist das „Ayn-Rand-Argument“). Zweitens: Es gibt unterschiedliche Kulturen, und nicht alle sind gleich fleißig. Wenn in den Vereinigten Staaten nicht mehr arbeitsame angelsächsische Protestanten das Sagen haben, sondern faule Latinos und Schwarze, wird Amerika sich bald in ein Entwicklungsland verwandeln, ein „shithole country“. (Das ist das rassistische Argument.)

Das erste Argument wird seit ca. 100 Jahren (damals wurde in Großbritannien das allgemeine Wahlrecht eingeführt) kontinuierlich widerlegt. In fast allen europäischen Ländern dürfen Männer und Frauen unabhängig vom Einkommen wählen. Ungehindert. Ohne „voter suppression“. Der Kapitalismus funktioniert weiterhin prima. Und er verträgt sich sehr gut mit dem Sozialstaat — nicht nur in Schweden und Dänemark. Es sind gerade die Länder, wo Oligarchen bevorzugt werden, in denen das Wirtschaftsleben stagniert und die Lebenserwartung ins Aschgraue sinkt. Zum rassistischen Argument sei angemerkt, dass ein großer Teil der Menschheit es in den vergangenen 200 Jahren geschafft hat, sich aus dem gröbsten Elend herauszuarbeiten. Erst Europa, dann Nordamerika, dann Asien und Lateinamerika; Afrika kommt gerade. Es gibt heute weniger Armut als je zuvor in der menschlichen Geschichte. Und es gibt keinen Anhaltspunkt, dass ein Amerika, das rechtsstaatlich und demokratisch bleibt, verarmen würde, bloß weil Gouverneure und Präsidentinnen dann plötzlich — huch! — dunkelhäutig sind und Nachnamen wie Gomez oder Bharara tragen.

Die breiteste Koalition der Geschichte

Also noch einmal die Frage, um die es heute, in der Wahl von 2020, geht: Verwandeln die Vereinigten Staaten sich in eine multirassische Demokratie — oder werden sie zu einer rassistischen Autokratie? Alles andere (Reform des Justizwesens, Klimaschutz, Krankenversicherung etc.) ist Beiwerk.

Die Koalition, die sich unter Führung von Joe Biden und Kamala Harris zusammengefunden hat, ist die breiteste, die es in der amerikanischen Geschichte je gegeben hat. Sie reicht von den konservativen Never-Trumpern und weiten Teilen des amerikanischen Militärs über moderate Demokraten, die in Deutschland in der FDP oder SPD wären, bis zu entschiedenen Linken wie Elizabeth Warren und Alexandria Ocasio-Cortez. 

Dieser Koalition steht Donald Trumps Republikanische Partei gegenüber. Eine Minderheitenpartei, die christliche Weiße in den weitgehend menschenleeren ländlichen Gebieten in den Vereinigten Staaten vertritt. Bei demokratischen Wahlen hat diese Minderheitspartei keine Chance mehr. Das weiß sie. Deshalb sucht sie ihre Zuflucht in schmutzigen Tricks (also dem Versuch, die Gegenseite am Wählen zu hindern) und flüchtet  in den Wahnsinn. Die Hälfte der Republikaner glaubt heute an die antisemitische und gewaltbereite Qanon-Religion, derzufolge es sich bei den Demokraten um eine von Juden („Globalisten“) gesteuerte Gruppe handelt, deren Anführer regelmäßig Kinderblut trinken.

Die Umfragen lügen nicht. Die Umfragen haben auch 2016 nicht gelogen. (Sie sagten ziemlich genau voraus, mit welchem Vorsprung Hillary Clinton die Mehrheit der abgegebenen Stimmen gewinnen würde; ungenau waren nur die Umfragen auf der Ebene der Bundesstaaten, weil die Weißen, die keine höhere Ausbildung genossen haben, unterschätzt wurden. Diesen Fehler haben die Meinungsforscher unterdessen korrigiert.) Die Biden-Harris-Koalition wird diese Wahl also gewinnen, und zwar haushoch. Die Frage ist nur, ob dies überhaupt noch eine faire Wahl ist; ob es den Republikanern gelingt, die Auszählung der Briefwahlstimmen zu verhindern; ob am Wahltag genug Terroristen mit MPs vor den Wahlkabinen stehen, um Demokraten am Wählen zu hindern. 

Wenn die Republikaner damit durchkommen, sind die Vereinigten Staaten keine Demokratie mehr. Man soll Dinge nicht komplizierter darstellen, als sie sind. Die einzige Frage, die kurz vor der amerikanischen Wahl offen bleibt, ist, ob es sich überhaupt um eine Wahl handeln wird. Der Rest ist nicht Schweigen, sondern Kaffeesatzleserei.   




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".