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Zwei Tore

Ja, es gibt immer eine Alternative. Aber was, wenn die auch falsch ist? Rekonstruktion eines Albtraums.

Manchmal träume ich einen Albtraum: Während ich gerade auf der Fifth Avenue am Central Park entlang flaniere, hält plötzlich ein Lieferwagen neben mir. Zwei vierschrötige Kerle steigen aus, werfen sich auf mich, stülpen mir einen Sack über den Kopf und bugsieren mich mit gut gezielten Knüffen in den Frachtraum. Nach ein paar Stunden Fahrt hält das Auto, ich werde zum Aussteigen gezwungen, in ein Haus geschleift. Irgendwer zieht mir den Sack vom Kopf. Ich stehe vor zwei prächtigen Toren, beide sind mit reichen Schnitzwerken verziert.

Über dem einen Tor steht: „WILLKOMMEN IN DER MULTIKULTI-IDYLLE!“

Darunter etwas kleiner:

„Tritt hier ein, wenn du findest, dass es keine Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder ethnischen Herkunft geben darf; dass Frauen, Männer und alle dazwischen selbstverständlich das Recht haben, einander kreuz und quer zu heiraten, wie es ihnen beliebt; dass Konföderiertenflaggen möglichst häufig öffentlich verbrannt werden sollten und Statuen von Robert E. Lee ins Museum gehören, nicht auf Denkmalssockel; dass die Deutschen nicht so tun können, als sei die Nazizeit so etwas wie ein zwölf Jahre währender Stromausfall gewesen; dass Muslime geschützt werden müssen, wenn sie diskriminiert werden oder ihnen gar, wie in Bosnien nach 1992 oder in Burma heute, ein Genozid droht; dass Trump, Viktor Orbán und Putin widerliche Gestalten sind; dass der Klimawandel vor allem von Menschen gemacht und ein reales Problem ist.“

Darunter klitzeklein:

„Natürlich erwarten wir auch, dass du dich vom Judentum distanzierst, das eine finstere Stammesreligion ist … und dass du Israel als faschistischen Apartheidstaat bezeichnest, der kein Lebensrecht habe … dass du für ein Abtreibungsrecht eintrittst, wie es bis vor Kurzem in der Volksrepublik China geherrscht hat, und Euthanasie für völlig unproblematisch hältst.“

Über dem Tor rechts daneben steht: „WILLKOMMEN IM CHRISTLICHEN ABENDLAND!“

Darunter etwas kleiner:

„Tritt hier ein, wenn du findest, dass Israel selbstverständlich ein Lebensrecht hat, was das Recht auf nationale Selbstverteidigung einschließt; dass nur ein Narr oder ein Lügner sich weigert, über muslimischen Antisemitismus zu sprechen; dass Netanjahu dreimal hochleben soll; dass der Fötus, der selig im Bauch seiner Mutter am Daumen nuckelt, kein seelenloser Zellhaufen ist; dass es sich bei Peter Singer, der den Infantizid wieder einführen und Schimpansen Menschenrechte geben möchte und Euthanasie total klasse findet, um einen gefährlichen Irren handelt.“

Darunter in Winzschrift:

„Selbstverständlich heißt das auch, dass du die Meinung vertrittst, Schwarze seien aus genetischen Gründen dümmer als Weiße (und es sei eine Schande, dass man über solche Fragen nicht mehr offen diskutieren darf); und dass du den Islam für eine Kaffernreligion hältst, die eigentlich verboten gehört; und dass die Rohingya in Burma irgendwie verdient hätten, was ihnen jetzt geschieht; und dass es mit der deutschen Selbstgeißelung endlich vorbei sein müsse; und dass der Süden im amerikanischen Bürgerkrieg nicht für die Sklaverei, sondern nur für die Rechte der amerikanischen Einzelstaaten gekämpft habe; und dass es legitim sei, wenn Weiße die Reinheit ihrer Rasse bewahren, wie das ja auch die Juden seit 4000 Jahren tun; und dass du die Palästinenser für Untermenschen hältst; und dass dir dieses ganze Emanzipationsgerede auf den Wecker gehe und die Frauen sich nicht so haben sollten, wenn ihnen mal jemand an den Hintern fasst; und dass vom menschgemachten Treibhauseffekt nur Ökogutmenschen reden, die in ihrer Freizeit Bäume umarmen.“

„Bitte sehr“, sagen dann die vierschrötigen Kerle in meinem Albtraum: „Da ´rein oder dort ´rein. Lechts oder rinks. Tertium non datur, Sie müssen sich jetzt schon mal entscheiden“, Herr Stein.

Da erinnere ich mich daran, dass ich mal Krav Maga gelernt habe, ramme dem einen Kerl den spitzen Ellbogen, dem anderen den Schuh in die entsprechenden Weichteile, hechte hinters Steuer und fahre den Lieferwagen – obwohl ich doch  gar nicht Auto fahren kann – wieder exakt an die Stelle zurück, wo ich vor ein paar Stunden gekidnappt wurde. Dort lasse ich ihn einfach stehen, steige aus und gehe fröhlich pfeifend meiner Wege. Falsche Alternativen öden mich nämlich so an wie kalter Toast mit Kunsthonig.