Meine Bücher des Jahres (3)

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Was uns blüht, wenn 2017 die Wahlen in Europa in die Hose gehen

Meine Bücher des Jahres stehen in kongenialer Beziehung zueinander. Wenn es 2017 schlecht läuft, wird Peter Pomerantsevs „Nichts ist wahr und alles ist möglich“ das literarische Wahrzeichen einer finsteren Epoche des Westens, deren Ausgangspunkt UKIPs Brexit-Coup und der Erfolg der von Donald Trump gekaperten Republikaner in den USA ist. Marine Le Pens Front National, Geert Wilders Partij voor Vrijheid und die AfD könnten folgen.

Pomerantsev, Sohn ukrainischer Dissidenten, die sich aus der Sowjetunion gen England aufmachten, beschreibt das Alltagsleben eines Landes, in dem die Regel gilt, dass Unterhaltung alles und Politik nicht vorhanden ist. Ein Land, in dem ein Schauspiel aufgeführt wird; rund um die Uhr und auf allen Ebenen. Medien? Gibt es, jedoch keinen Journalismus. Justiz? Gibt es, jedoch keinen Rechtsstaat. Regeln? Gibt es auch. Doch ihre Gültigkeit hängt davon ab, ob jemand Bestechungsgeld zahlen kann. Alles ist möglich, wenn man sich an die ungeschriebenen Gesetze hält. Wahr ist nichts, da Worte keine Bedeutung haben. Dieses Land, von dem Pomerantsev uns überaus unterhaltsam berichtet, ist Putins Russland, die Zentrale der globalen autoritären Bewegung. Pegida-Plakate zeigen „Putin hilf!“.

Das Buch ist das Ergebnis präziser Beobachtungen und schonungsloser Alltagsteilnahme, die der Autor als Mitarbeiter russischer Fernsehsender machte und absolvierte, bevor er Russland wieder verließ. Er war Teil einer vom Kreml gesteuerten Maschine, die etwas produziert, das wie Wahrheit aussieht und doch gleichzeitig Lüge ist.

Wer nach einem wissenschaftlichen Fundament für Pomerantsevs Buch sucht, das wie ein Drehbuch für einen Dystopie wirkt, sollte Ulrich Schmids „Technologien der Seele – Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur“ kaufen. Der Kulturwissenschaftler beschreibt präzise und detailreich, warum die irre Kreml-Inszenierung funktioniert.

Was noch fehlt, ist ein Buch, das erklärt, warum auch der Westen mittlerweile anfällig für die „Verfertigung der Wahrheit“ ist. Vermutlich würde darin stehen, dass die Techniken dieser Operation von hier sind. Donald Trump allerdings könnte der erste westliche Staatenlenker sein, der sie außerhalb des Unterhaltungsbetriebs einsetzt.




Journalist und Kolumnist aus dem kleinsten Bundesland der Welt. Mitbegründer der Salonkolumnisten.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com