Filmkritik: Unsicher, grausam und zerbrechlich – Nocturnal Animals

Es ist kalt, dunkel und es gibt keinen Glühwein mehr. Dafür läuft Tom Fords neuer Film in den Kinos. Unsere Autorin ist begeistert.

Tom Fords neues Meisterwerk ist vor allem eines: schlafraubend. Das mag bei einem Filmtitel wie „Nocturnal Animals“ sehr zu erwarten sein, aber es kommt trotzdem überraschend. Die Vielschichtigkeit und die Tiefe der Abgründe wühlen auf und bewegen, aber was uns nachtaktiv werden lässt ist, dass Ford eine Erzählung von Menschen dirigiert deren Leben bereits vorbei ist. Vorbei ist die Lebendigkeit der Hauptfiguren durch Dinge, die sie sich gegenseitig angetan haben – und weiterhin im Verlauf der Handlung tun – und durch den gesellschaftlichen Rahmen, mit dem sie sich abgefunden haben. Verlust, Misstrauen, Untreue und Obsession von Status trägt die Charaktere in diesem Film; man kann auch noch falsche Berufswahl ergänzen. Susan studierte Kunst, um irgendwann zu erkennen, dass sie das Zeug zur Künstlerin nicht hat. Danach war es naheliegend, Kunst zu verwalten und eine Galerie zu führen. Doch was naheliegend ist, bedeutet manchmal auch Tragisches.

Was macht das mit einem Menschen als gescheiterte Künstlerin von Kunst umgeben zu sein? Es hinterlässt Schmerz. Genauso wie besessen vom Schreiben zu sein, für eine lange Zeit nicht zum großen Durchbruch zu gelangen und erst einen wirklichen Erfolg zu landen, indem man die Grausamkeit, die einem durch einen geliebten Menschen angetan wurde, als Fiktion verarbeitet. So entwickelt sich bei Edward, der vor dem Ende der Beziehung zu Susan romantisch, feinfühlig und träumerisch ist erst durch das was sie ihm antut Schlagkraft. Indem er mit ihr in seinem Roman und in der Schlussszene des Filmes abrechnet und ihr nicht verzeihen kann, wird er zu einem wahren Schriftsteller. Es erinnert an ein Zitat von Hemingway, nach dem Schreiben eigentlich ganz einfach sei. Man setzt sich an die Schreibmaschine und lässt es bluten. Edward lässt dem Bluten und der Zerstörung ungehemmt freien Lauf und zerstört damit auch Susan.

Kurz flackert zwar die Lebenslust in der Protagonistin auf, aber die Lektüre des Romanentwurfs führt sie zurück in ihre Vergangenheit und führt ihr auch zugleich ihr heutiges leeres Leben nochmals vor Augen. Wer seine einst große Liebe verlässt, um einen glatten Schönling zu heiraten, der in der Finanzwelt erfolglos und in der Untreue erfolgreich unterwegs ist, landet zwangsläufig in der Trostlosigkeit. Besonders unterstrichen durch die Gefühlskälte einer luxuriösen Villa auf den Hügeln von Los Angeles. Ein Film, der durch die traurigen Augen seiner Charaktere herausragt, und eben nicht nur von Susan und ihrer Mutter. Dazu kommt die wehmütige Stimmung des Soundtracks. Wegen seiner Unsicherheit und Zerbrechlichkeit ausstrahlenden Wirkung, passt er in unsere Zeit. Man verzeiht daher Tom Ford gerne seinen Hang zum Perfektionismus, der immer auch die Gefahr der Langeweile birgt.




Saba Farzan ist eine Liberale im Staatsdienst. Bei den Salonkolumnisten schreibt sie hobbymäßig. Sie liebt Kultur und kritisiert Kulturaustausch mit sämtlichen Diktaturen.


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