Auch im vollen Festsaal kann man sich leicht einsam fühlen. CC0 Public Domain

Heiteres Schweigen

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„Festen“ zählt zu den ersten und bis heute besten Produkten der dänischen Filmbewegung „Dogma“. Mit zeitlichem Abstand lässt sich das Familiendrama von 1998 auch als Allegorie auf die heutige Zeit verstehen.

Mit Filmen der dänischen „Dogma“-Bewegung kann man mich eigentlich dreimal ums Haus herum jagen. Vor allem die Filmkunstwerke des Lars von Trier finde ich zutiefst verabscheuenswürdig: Ich brauchte seine dämlichen Nazisprüche gar nicht, um zu begreifen, dass er mithilfe von wackeligen Bildern und spärlich ausgeleuchteten Räumen eine reaktionäre Philosophie predigt. Und doch gibt es einen Film der „Dogma“-Leute, den ich übe die Maßen bewundere: „Festen“ von Thomas Vinterberg. Gerade eben habe ich mir den Film (der aus dem Jahr 1998 stammt) noch mal angesehen, weil ich keine Lust auf die aktuellen Nachrichten hatte. Ich ahne: Dieser Film wird mich überleben. Ganz große Kunst.

Für alle, die „Festen“ nicht kennen, hier noch einmal die Handlung: Es geht um eine Familienfeier in einem Hotel irgendwo auf dem Land in Dänemark. Mitten in der Feier zu Ehren des Patriarchen, der 60 wird, steht Christian (Ulrich Thomsen) auf und beschuldigt ihn, dass er ihn und seine Zwillingsschwester sexuell missbraucht habe. Die Festgesellschaft glaubt ihm nicht, jagt ihn weg, bindet ihn sogar an einen Baum, damit er nicht weiter ihre gute Laune stört, aber dann taucht ein Abschiedsbrief der Zwillingsschwester auf, die Selbstmord begangen hat, und in diesem Abschiedsbrief wird der Missbrauch bestätigt.

Geheimnisse, nicht versteckt

Ich weiß noch, wie verstört ich war, als ich „Festen“ das erste Mal sah. Jetzt, beim Wiedersehen, konnte ich mehr Energie darauf verwenden, die Machart dieses Films zu studieren. Wie jeder professionelle Geschichtenerzähler versteckt Thomas Vinterberg das Geheimnis, das im Lauf der Handlung aufgedeckt wird, von Anfang an gut sichtbar vor unseren Augen. In der ersten Einstellung geht Christian eine Landstraße entlang. Er telefoniert per Handy mit jemandem, den er „Professor“ nennt und sagt, ja, was er zu sagen habe, werde ein ziemlicher Schock sein. Wir vergessen das gleich wieder, weil dann sein gewalttätiger, übelgelaunter Bruder mit dem Auto vorbeikommt und ihn aufliest. Aber eigentlich steckt in dieser Eingangssequenz schon alles drin, was später kommen wird.

Toll auch, wie Vinterberg uns zeigt – und zugleich verbirgt – wie Christians andere Schwester in einem Badezimmer den Abschiedsbrief der Toten findet, zusammenrollt und in ihre Tablettenröhre steckt. Voilà, die Bombe, die erst viel, viel später platzen wird – nämlich dann, wenn wir diese Szene eigentlich längst vergessen haben!

Kaputtheit, meisterhaft durchkomponiert

Beim zweiten Sehen fällt einem auch auf, von welch exquisiter Schönheit die Filmbilder sind. Es gibt eine Traumszene, in der Christian seine tote Schwester sieht und fragt, ob er sie mit nach drüben, in die andere Welt, begleiten soll; die einzige Lichtquelle ist hier ein Streichholz, und das Ganze könnte von Rembrandt gemalt worden sein, wäre Rembrandt ein Impressionist gewesen. Die dummen „Dogma“-Regeln – Keine Filmmusik! Nur Handkamera! Nur natürliche Beleuchtung! Genrekino streng verboten! Keine offensichtliche Handlung! – ergeben hier einen ganz natürlichen Sinn: „Festen“ wirkt, als hätte ein unsichtbarer Gast einen Amateurfilm von einer Familienfeier gedreht. Nur täuscht das Amateurhafte, in Wahrheit ist hier alles bedacht und bewusst gesetzt, nichts wurde dem Zufall überlassen.

Fachleute haben gelobt, wie exakt „Festen“ die psychologische Dynamik in Familien abbildet, in denen Inzest und sexueller Missbrauch herrscht. Da ist das konsequente Ableugnen; das komplizenhafte Schweigen der Mutter, die damals sehr genau wusste, was ihr Göttergatte trieb, und es geschehen ließ; die verschobene Aggressivität. (Der Bruder, der in ein Internat gesteckt wurde, während der Missbrauch geschah, hat eine Riesenwut gegen seinen Vater – und lässt diese Wut nun hauptsächlich an Frauen aus.) Diese Familie ist von der ersten Einstellung des Films an an kaputt. Thomas Vinterberg hätte eine beißende Satire drehen können, aber er hat dieser Versuchung zum Glück weitgehend widerstanden. Statt dessen lieferte er eine moderne Version der alten Legende von dem jungen Mann, der ein Ungeheuer in seiner Höhle aufsucht, es tötet (zumindest im metaphorischen Sinn) und am Ende die Prinzessin bekommt.

Heiteres Schweigen

Am meisten staunte ich, wie genau dieser Film, der 20 Jahre alt ist, unsere heutige Lage vorweggenommen hat. Da sind die bösen, hässlichen, alten Männer, die ihre Privilegien erhalten wollen: Nachdem Christian die ungeheuerliche Wahrheit über den sexuellen Missbrauch gesagt hat, geht die Gesellschaft über ihn hinweg, als sei nichts gewesen. Ein Typ mit weißem Haar steht auf und erzählt eine launige Zote, und alle lachen. Dann ist da der Rassismus: Christians lebendige Schwester hat einen schwarzen Freund. Der aggressive Bruder bringt die Festgesellschaft dazu, ein lustiges rassistisches Liedchen anzustimmen, um ihn zu verhöhnen. Da kommt Freude auf! Dabei stammt „Festen“ aus dem netten, dem harmlosen Dänemark, jenem Dänemark, das sich im Zweiten Weltkrieg so vorbildlich benommen hat. Aber wer verstehen will, wie Trump-Anhänger oder AfD-Wähler oder Orbán-Anhänger ticken, kommt um diesen Film eigentlich nicht herum.

Und damit zurück zu Brett Kavanaugh, Roy Moore, Donald Trump etc. etc.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".