Zum Anbeißen. Pixabay

Der Krieg gegen die Dicken (2)

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Zweiter Teil unserer kleinen Serie über einen perfiden Kreuzzug. Mit dem „Body Mass Index“ hat sich ein vermeintlich objektiver Maßstab zur Vermessung des Körpers etabliert – dabei ist er völlig willkürlich.

Der Broca-Index oder der BMI gelten als Maßstäbe für alle Menschen, obwohl empirisch nicht bestätigt werden kann, dass etwa ab der Grenze eines BMI von 25 Gesundheitsgefährdungen beginnen. Von der Diätetik zur Diät: Das ist dann auch der Weg von der Anerkennung der individuellen Unterschiede zur Norm. Diese Norm besitzt gesellschaftliche Relevanz (s.u.) und birgt in sich eine bestimmte Gesundheitsexperten-Patienten-Beziehung: Der Patient hat den Anweisungen der Gesundheitsexperten einfach Folge zu leisten. Dies nennt sich Compliance. Die Diätetik ist etwas grundlegend anderes: „Die Diätetik des Körpers muss, um verständig zu sein, um sich an die Umstände und den Augenblick richtig anzupassen, auch eine Angelegenheit des Denkens, der Reflexion, der Klugheit sein“, wie Foucault 1986 schrieb. Dieser Grundgedanke der Diätetik ist heute wieder aufgetaucht in neueren Konzepten wie shared decision making oder Partizipation, ohne dass ein Wissen darüber besteht, dass dies im Grunde uralte Ansätze sind.

Compliance ist zwar immer noch eines der Zauberworte des heutigen Gesundheitswesens. Sie ist aber nicht in den heutigen Zeiten erfunden worden. Gab es in der griechischen Antike noch ein offenes und potenziell kontroverses Gespräch (dialegere: sich unterhalten) darüber, wie das Leben zu gestalten sei und wie körperliche Gesundheit bewahrt werden könne, so änderte sich dies bereits in der römischen Antike. Es war vor allem Seneca, ein Stoiker, der das offene Gespräch durch ein Lehrer-Schüler-Verhältnis ersetzte: Der Schüler muss den Anweisungen des Lehrers Folge leisten, quasi blind gehorchen. Die römisch-katholische Kirche orientierte sich in ihrem didaktischen Konzept stark an Seneca: Die Gläubigen müssen das tun, was die Kirche vorschreibt, müssen das glauben, was die Kirche verkündet. Auch wenn Luther die Kirche als Institution anzweifelte und die Absicht hegte, zur Bibel zurück zu kehren, so übernahm er dennoch das traditionelle didaktische Konzept der Stoa und der römisch-katholischen Kirche: Die Gläubigen müssen nicht nur Gott gegenüber Rechenschaft ablegen, vielmehr müssen sie auch dem folgen, was die evangelische Kirche ihnen vorschreibt.

Es setzte sich in der Neuzeit eine protestantische Ethik durch, die Pflichterfüllung, Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Gottgefälligkeit als Synonyme verwandte. Krankheit wurde hingegen als Zeichen eines gottungefälligen Lebens begriffen. Es muss fast nicht erwähnt werden, dass Völlerei und Wohlbeleibtheit im Lichte der protestantischen Ethik als Sünden angesehen wurden. Es waren dann in den folgenden Jahrhunderten nicht nur die Priester, die alltagsbezogene Vorschriften machten, sondern auch die Verwaltung (die Medicinische Policey) oder die Wissenschaftler, also sozusagen säkularisierte Priester. Mit der Verwissenschaftlichung des Lebens im 19. Jahrhundert, mit der Aufklärungsphilosophie transformierte sich die protestantische Ethik in die Schlankheitsnorm. Von nun an erschien auf der manifesten Ebene Dicksein weniger als Ausdruck eines sündigen Lebens als eines gesundheitsabträglichen Verhaltens.

Aufgeklärter Absolutismus

Von der Diätetik zur Diät, von der Dialektik zur Compliance – bei dieser Wahrnehmung der Geschichte könnte der Verdacht aufkommen, die Antike insgeheim zu verherrlichen: Damals war noch alles gut. Unbedacht bleibt aber bei der vermeintlichen Glorifizierung, dass in der griechischen Antike nur wenige frei waren: einige männliche Bürger. Vielleicht ist Diätetik oder Dialektik nur in einer derart kleinen Gruppe möglich, nicht aber bei so großen Zielgruppen, wie sie das Christentum und der moderne Staat vor Augen haben. Es könnte allerdings auch sein, dass der Diät-Compliance-Ansatz aus der Angst vor der großen, vermeintlich unsteuerbaren Masse geboren ist, diese Angst aber nicht berechtigt ist. Sie führte und führt faktisch noch immer dazu, dass Elemente des Aufgeklärten Absolutismus unsere demokratische Gesellschaft durchdringen: etwa im Versuch, den individuellen Körper gesellschaftlich zu kontrollieren. Es ist für uns, da wir alle vom Geist des Aufgeklärten Absolutismus durchtränkt sind, nahezu selbstverständlich, dass es einer Krankenversicherung gestattet ist, Bonuspunkte an die zu verteilen, die nicht rauchen und normalgewichtig sind, und entsprechend Malus-Punkte zu vergeben – anstatt dem Gedanken nachzugehen, dass es in der Verantwortung eines jeden liegt, sofern er andere gesundheitlich nicht beeinträchtigt, sich gesundheitsabträglich oder gesundheitsförderlich zu verhalten und zu entscheiden, wie das eigene Leben insgesamt auszusehen hat.

Der preußische Staat Friedrich II wird als Aufgeklärter Absolutismus begriffen, weil er erstens freie Religionswahl und philosophische Aufklärung wie die von Kant zuließ, weil er zweitens die staatliche Willkür einschränkte, wie sie etwa noch unter Ludwig XIV geherrscht hatte. Im Aufgeklärten Absolutismus wurde auch die Leibeigenschaft aufgehoben. Aufgeklärter Absolutismus meint allerdings auch, dass der Staat die Bevölkerung im Wesentlichen unter dem Gesichtspunkt des staatlichen Nutzens betrachtet und die Würde und Integrität des Individuums weniger im Blick hat. Die Bevölkerung hatte dem Wohle des Staates zu dienen und diesen zu stärken. Für den vorliegenden Text ist dies das zentrale Merkmal des Aufgeklärten Absolutismus. Kant bringt es bei seiner Diskussion, was denn nun Aufklärung sei, auf den Punkt: Es stehe jedem Menschen frei zu denken, was er will, aber als Bürger hat er seine ihm auferlegten Pflichten zu erfüllen. Da gebe es keine Wahl. Und diesen Pflichten kann er nur nachgehen, wenn er hinreichend gesund ist. Also gehört es auch zu den Pflichten jedes einzelnen, für den Staat gesund zu bleiben. Kant selbst hat dies paradigmatisch vorgelebt. Er lebte das, was er schrieb.

Der Feldzug beginnt

Der Geist des Aufgeklärten Absolutismus erklärt heute Nikotin und Adipositas zu den Feinden individueller und gesellschaftlicher Gesundheit und nicht nur das: Sie erscheinen als die schlimmsten Feinde unserer Gesellschaft insgesamt, sieht man einmal vom islamistischen Terrorismus ab. Dieser Geist sorgt sich hingegen nicht um die Schlafdauer, um die Arbeitsdauer, auch nicht intensiv um das Problem der Arbeitslosigkeit. All die genannten Faktoren können Gesundheit beeinträchtigen und Leben verkürzen. Nicht zu vernachlässigen ist umgekehrt die Sexualität, die über die Maßen gesundheitsförderlich zu sein scheint. Aber keine Krankenversicherung denkt daran, Bonus-Punkte denjenigen zuzusprechen, die hinreichend gut belegen können, dreimal in der Woche 30 Minuten lang Sex zu haben. Ganz offenkundig ist das Programm des Aufgeklärten Absolutismus löchrig. Aber diese Löchrigkeit hat System. Der Geist des Aufgeklärten Absolutismus ahndet nur das, was historisch Sinn macht. Dies soll am Beispiel Adipositas nun veranschaulicht werden.

Adipositas wird in der griechischen Antike als etwas begriffen, das das Ideal der Mäßigung und des rechten Maßes unterläuft. Die Adipösen werden verdächtigt, keine hinreichende innere Harmonie zu besitzen. Die individuelle Wahl, „Will ich dick oder dünn sein?“, der freie Austausch der Bürger darum, wie die individuelle Lebensweise auszusehen hat, findet bereits in der griechischen Antike ihre deutliche Grenze: beim Thema Adipositas. Das Christentum erklärt die Adipositas zur Sünde, sie dokumentiere die Huldigung des und die Verfallenheit an das „Fleisch“. Christlich zu essen, so Augustinus, bedeutet, nur das zu sich zu nehmen, das den Hunger stillt. Genuss darf Essen aber nicht sein.

Protestantische Ethik

Mit der protestantischen Ethik verschärft sich die christliche Doktrin der Askese und des Verzichts. Diese Ethik wird ab dem 19. Jahrhundert in eine wissenschaftliche Norm – das Normalgewicht – transformiert, die sich über einen Gesundheitsbezug legitimieren soll. Diese Legitimation ist bis heute massiv brüchig. Es gibt wenige empirische Belege dafür, dass etwa ab einem BMI ab 25 Gesundheitsgefährdungen begännen. Vielmehr ist zu vermuten, dass so etwas wie die Propagierung des Normalgewichts weniger auf Gesundheit zielt, sondern auf eine Aufrechterhaltung einer Ethik: der protestantischen Ethik und ihren Vorläufern. Nur darf offiziell Wissenschaft in unserer Zeit zunächst nicht mit Ethik konfundiert sein. Deshalb wird eine Norm wie die Schlankheitsnorm nur wissenschaftlich begründet – allerdings ohne hinreichende empirische Absicherung. Die geringe Absicherung lässt sich auch daran erkennen, dass diese Norm im 20. Jahrhundert permanent gesunken ist und insgesamt höchst variabel ist. Bei jeder Ausprägung der Schlankheitsnorm wird und wurde jedes Mal behauptet, dass sie mit Gesundheit positiv korreliert sei.

Der vom Geist des Aufgeklärten Absolutismus durchdrungene Kampf gegen die Adipositas stützt sich auf die abendländische Geschichte. Er greift sich die Adipositas als Angriffsziel heraus, weil Adipositas all das repräsentiert, das das Abendland, um sich selbst zu konstituieren, ablehnt: Maßlosigkeit und Sünde, Müßiggang und Laster. Er pickt sich potenzielle Gesundheitsprobleme wie Schlaflosigkeit oder maßloses Arbeiten deshalb nicht heraus, weil viel Arbeiten und wenig Schlafen nahezu perfekt zur protestantischen Ethik und ihren Vorläufern passen.

Die den Geist des Aufgeklärten Absolutismus verkörpernde Schlankheitsnorm ist in der Moderne ein Bollwerk gegen die Moderne, gegen die Pluralisierung von Lebenswelten, gegen die Individualisierung. Von wegen, jeder und jede solle sich selbst verwirklichen und seinen oder ihren eigenen Weg gehen. Die Schlankheitsnorm versucht, alle gleich zu machen. Sie braucht dennoch die Abweichung von der Norm, um als Norm überhaupt zu existieren. Die von der Norm Abweichenden bekommen eine spezifische Identität, weil sie sich fragen, warum sie von der Norm abweichen, und sich anschließend etwa als Anorektikerinnen oder Adipöse definieren. Aber diese Identität ist nicht Resultat von Individualisierung, sondern Effekt einer Norm – einer Norm, die zwar höchst variabel sein kann, aber in ihrem Kern traditionelle abendländische Werte verkörpert. Von wegen Werteverfall. Die Werte haben sich nur verkörpert. Selbst das liberale Antlitz des Aufgeklärten Absolutismus, jeder möge nach seiner Façon glücklich werden, rückt in die Nähe zur Illusion. Die Möglichkeit zum Glück wird in unserer Gesellschaft nur dem zugesprochen, der dem vorherrschenden Schlankheitsideal entspricht. Es gibt nur eine Façon.

Den ersten Teil der Serie finden Sie hier. Lesen Sie morgen im dritten und letzten Teil: Der Kampf gegen das Gewicht

 

 

Über den Autor: Christoph Klotter ist Professor für Ernährungspsychologie und
Gesundheitsförderung an der HS Fulda und Psychologischer Psychotherapeut. Er lebt in Berlin. (Foto: Hochschule Fulda)

 

 

Wir danken außerdem dem Springer-Verlag (SNCSC) für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Dieser Text erschien zuerst im Buch „Fragmente einer Sprache des Essens“  (2014) von Christoph Klotter.




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