George Orwell BBC

Orwell sah nicht Trump voraus

George Orwells „1984“ war nicht als Zukunftsvision gemeint, sondern sollte über den Stalinismus aufklären

Der momentane Orwell-Boom beruht auf Unkenntnis von Orwells Werken und der Epoche in der er lebte. „1984“ als eine Vision zu lesen, die die Machergreifung von Trumps Fake-News-Truppe voraussieht, ist völlig daneben. Ebenso falsch ist es, das Buch als Warnung vor Video- und Computerüberwachung zu interpretieren.

Das politische Vorbild für „1984“ existierte zu Orwells Lebzeiten und lag nicht in der Zukunft. Ebenso wie mit „Animal Farm“ wollte er mit „1984“ die westlichen Leser, besonders die Linken und Linksliberalen unter ihnen, mit literarischen Mittel darüber aufklären, was in der Sowjetunion passierte. Viele Personen und Ereignisse aus der Zeit der Säuberungen und Schauprozesse finden sich in „1984“ und in „Animal Farm“ nur leicht abgewandelt wieder. Es ist kein Zufall, dass die beiden Romane und alles andere von Orwell in allen kommunistischen Ländern streng verboten waren.

Orwell hatte den Terror der Stalinisten gegen freiheitliche Linke im Spanischen Bürgerkrieg am eigenen Leib erfahren. Es erschütterte ihn zutiefst, dass die sozialistische Idee, an die er glaubte, dermaßen pervertiert werden kann. Dass ein Diktator, der sich Sozialist nannte, ein System totaler Unterdrückung, totaler Kontrolle und rücksichtlosen Massenmords errichtete. Dies wurde Orwells großes Lebensthema. Er verzweifelte daran, dass viele seiner früheren linken Freunde in Großbritannien und anderen westlichen Ländern davon nichts wissen wollten. In seinen politischen Essays und in dem großartigen Buch „Mein Katalonien“ über seine Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg appelliert er immer und immer wieder: Verschließt nicht die Augen vor einer Terrorherrschaft, die sich mit linken Parolen tarnt.

Jeder sollte den berühmten Roman lesen. Und wenn die Leser dadurch kritischer gegenüber der momentanen US-Regierung werden, umso besser. Doch Orwell hatte keinen verrückten US-Präsidenten der Zukunft im Sinn, sondern die Zustände in der UdSSR in seiner Gegenwart.

 


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Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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