Als FAKT noch modern war. Foto: Henkel

Oma Käthe und die Fakten

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Mit dem Adjektiv „postfaktisch“ sollen die Erfolge der Anti-Demokraten erklärt werden. Als wären politische Lügen und Gerüchte etwas Neues.

 

Zur Zeit muss ich öfter mal an meine liebe Nachbarin Oma Käthe denken, mit der ich im Treppenhaus die Weltlage diskutierte. Oma Käthe hielt grundsätzlich alles für neu, wovon sie bisher noch nichts gehört hatte. Anfangs versuchte ich ihr zu erklären, dass auch in ihrer Jugend (und sogar schon davor) Dinge wie Drogensucht und Umweltverschmutzung existierten. Oder dass es auch damals schon Kunstwerke gab, die man nicht gleich verstanden hat. Es half nichts, Oma Käthe bestand darauf: Früher gab es so etwas nicht.

Auslöser meiner Oma-Käthe-Erinnerungen ist das Modewort „postfaktisch. Mit dem schmissigen Adjektiv sollen der Wahlsieg von Donald Trump und die Erfolge neu-alter Nationalisten in Europa erklärt werden. Eine gängige Diagnose politischer Kommentatoren lautet, die dummen Massen gehen diesen Verführern nur deshalb auf den Leim, weil sie die Wahrheit verdrehen. Innerhalb weniger Wochen ging die Wortschöpfung „post truth“ um die Welt. „Oxford Dictionaries“ wählte sie zum „internationalen Wort des Jahres“.

Das „Stern“ verkündete eine „Zeitenwende“ und vergleicht diese mit den „dark ages“, dem kulturellen Niedergang im frühen Mittelalter. Das „Zeitalter der fake news“ sei angebrochen, zitiert das Blatt einen Politikberater. Als Beleg dienen dem „Stern“ drei absurde Schlagzeilen, der amerikanischen Internetplattform „Breitbart“, die sich gegen Empfängnisverhütung, Feminismus und Muslime richten. Außerdem noch die Gerüchte, die „Breitbart“ über den Gesundheitszustand von Hillary Clinton verbreitete. Sowie die Lüge des Brexit-Propagandisten Boris Johnson, dass Großbritannien wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU überweisen würde. Dies genügt dem „Stern“ als Beweis für die Zeitenwende.

Nationalistische Demagogen verbreiten Lügen: Potzblitz, das gab’s ja noch nie! Schon gar nicht in Deutschland, dem Hort der Lauterkeit. So ähnlich würde wohl Oma Käthe den Stern-Artikel rezipieren. Andere Leser werden gestaunt und sich gefragt haben, warum Menschen, die offenbar unter politischem Gedächtnisschwund leiden, ausgerechnet den Redakteursberuf ergreifen.

Jeder ihrer Gegner und wahrscheinlich sogar ein Teil ihrer Anhänger der Le Pens, Petrys, Erdogans und Orbans weiß, dass die Freiheitsfeinde schamlos Gerüchte, Halbwahrheiten und Verschwörungslegenden verbreiten. Jeder der es wissen will kann sich auch darüber informieren, wie Wladimir Putin als Leitstern der autoritären Internationale Desinformation verbreiten lässt – so wie er es als KGB-Agent gelernt hat.

Ja, sie lügen. Ja, sie manipulieren. Aber ist DAS bereits die Erklärung für den beängstigenden Erfolg der Anti-Demokraten? Haben wir es wirklich mit einer neuen Dimension politischer Winkelzüge zu tun? Einem nie da gewesenen Verfall von Normen und Werten? Dies scheint mir ein klassischer Oma-Käthe-Trugschluss zu sein.

Wer könnte ernsthaft behaupten, dass es seit der Aufklärung keinen politischen Obskurantismus mehr gegeben habe? Wann bitte war denn diese Epoche des Faktischen, in der stets auf dem Boden der Tatsachen gestritten wurde?

Man muss nicht lange nachdenken, um sich ein paar Beispiele für äußerst folgenreichen Postfaktizismus ins Gedächtnis zu rufen.

• Ende des 19. Jahrhunderts in einer Blütezeit der Wissenschaft und des Rationalismus, begann in Deutschland der Siegeszug der Antisemiten, einer Bewegung, die von Ressentiments, Gerüchten und Hetze lebte und das geistige Klima schuf, welches ein halbes Jahrhundert später zum millionenfachen Mord an den Juden Europas führte.

• Anfang des 20. Jahrhunderts war Eugenik unter Intellektuellen en vogue. Sozialisten, Liberale und Konservative, darunter viele große Namen wie George Bernhard Shaw und John Maynard Keynes, waren der festen Überzeugung, man müsse die Menschheit genetisch optimieren, indem man die Fortpflanzung „minderwertiger“ Menschen unterbindet. Erst nachdem die Nazis die Prinzipien der Eugenik in Form von Massenmord umgesetzt hatten, erwachten Zweifel, ob an dieser populären Lehre nicht vielleicht etwas Grundsätzliches falsch sein könnte.

• Obwohl die Wahrheit über die bluttriefenden Diktaturen in der Sowjetunion und später in China längst bekannt war, und jeder Westeuropäer nur in die nächste Buchhandlung gehen brauchte, um sich darüber zu informieren, glaubten dennoch Millionen Bürger demokratischer Staaten lieber der postfaktischen kommunistischen Propaganda. Und immer wieder fielen auch seriöse Zeitungen darauf herein.

• Globale Hungersnot durch die „Bevölkerungsexplosion“, Waldsterben oder Ende jeglicher Ressourcen: Alle Untergangsprognosen grüner Propheten erwiesen sich als falsch. Dennoch verbreiteten die meisten großen Medien in Deutschland jede neue Vorhersage, die ihnen die Apokalyptiker auftischten – und immer im Brustton tiefster Überzeugung.

• Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 surften große deutsche Buchverlage auf der dem Massenmord folgenden Verschwörungswelle. Piper, Knaur, Zweitausendeins und andere nahmen die Bücher übelster Obskuranten in ihre Programme auf, machten ordentlich Geld damit und gaben mit ihrem guten Namen den Hetzern einen seriösen Anstrich. Postfaktischer geht’s kaum.

• Ein postfaktisches Gewitter ging über Deutschland nach dem Atomunfall von Fukushima nieder. Fast alle großen Medien hatten daran teil – wie immer das Fernsehen voran. Die fast 19.000 Menschen, die nach der Tsunami-Katastrophe tot oder vermisst gemeldet wurden, rechneten Berichterstatter, Kommentatoren und Moderatorinnen immer wieder fälschlich der Reaktor-Havarie an. Zuletzt noch im Oktober 2016 (!) die Deutsche Presse Agentur.

Reichlich Postfaktiches gab es also schon lange bevor die Abkürzungen AfD und Pegida oder der Name Trump irgendwen interessierten.

Was gern übersehen wird: Alle postfaktischen Strömungen der Vergangenheit erfassten zuerst die Intellektuellen. Gerade die gebildeten Schichten erwiesen sich besonders anfällig für krude Verdrehungen der Realität. Die weniger Gebildeten zogen erst nach, nachdem ihnen die angesagte Weltanschauung via Medien eingehämmert worden war.

Man muss ein extrem kurzes Gedächtnis haben, um zu glauben, Trump oder Dresdener Abendlandretter hätten die Faktenmanipulation erfunden. In der vermeintlich aufgeklärten Moderne war und ist sie stets präsent. Wie schnell aus absurden Gerüchten kollektiver Wahn entsteht, beschrieb der Psychologe und Philosoph Paul Watzlawick 1976 seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“. Hinter massenwirksamen Gerüchten muss nicht zwangsläufig politisches Kalkül stecken. Als Auslöser genügten zuweilen bereits ein paar hysterische Teenager, die ihre Phantasien nicht von der Realität unterscheiden konnten.

Wandern wir also im Kreis durch ein immer gleiches Postfaktikum? Nichts Neues – außer für Oma Käthe?

Nicht ganz. Es gab in jüngster Zeit zwei Entwicklungen, die den Boden bereitet haben für ein besonders üppiges Gedeihen postfaktischen Gestrüpps. Eine davon ist die intellektuelle Mode, die seit den späten 70er-Jahren Universitäten der westlichen Welt durchdrungen hat: der Poststrukturalismus. Generationen von Studenten wurde und wird weisgemacht, Realität werde durch Sprache konstruiert. Alles was existiert sei lediglich ein Narrativ, eine kulturelle Übereinkunft.

Auf viele Dinge mag das ja zutreffen. Was wir unter Zeit verstehen, oder unter Gerechtigkeit, oder meinetwegen auch unter Geschlecht, verändert sich im Lauf der Geschichte. Dennoch stinkt ein Misthaufen weiter, selbst wenn alle Menschen behaupten, es gäbe ihn gar nicht. Wer alles für subjektive Wahrnehmung hält, hat Lügenstrategien wenig entgegenzusetzen.

Der zweite Anschub kam durch die die Sozialen Medien. Kaum waren diese erfunden, wurde Postfaktizismus zum Massensport. Hemmungsloses Herausplappern spontaner Gedankenmülls nannte man plötzlich „kommentieren“. Für manche Menschen, deren wichtigste Informationsquelle die sozialen Medien sind, verschwimmt leider der Unterschied zwischen Gerüchten und Tatsachen.

Es gibt also immerhin ein paar neue kulturelle und technische Entwicklungen, die der gute alte Lüge behilflich sind. Schlimm genug, aber eine Zeitenwende sieht anders aus.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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