Die Menschen mitnehmen - zum Beispiel in den Bundestag. LoboStudioHamburg CC0 Public Domain

Politik in die Primetime

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Politik, die die Menschen wirklich mal mitnimmt. Das wäre hilfreich. Für alle Beteiligten.

Sie gehören zu den wichtigsten Floskeln im Politbetrieb: Die Einsicht und der Appell, dass man „die Menschen da draußen mitnehmen“ müsse. Gute Idee eigentlich. Aber warum macht das eigentlich niemand? Würde die Politik „die Menschen“ tatsächlich mal „mitnehmen“, dann könnte sich der eine oder andere nämlich ein realistisches Bild davon machen, was „die da oben“ den ganzen Tag eigentlich tun.

Denn: Mit der Politik ist es ein bißchen wie beim Fußball, wenn ein paar Millionen Fernsehzuschauer den Schiedsrichter beschimpfen, oder „jetzt lauf doch endlich“ brüllen, obwohl sie selbst bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Fahrstuhl statt der Treppe nehmen. Irgendwie weiß es jeder besser – bis man mal ein bißchen genauer nachfragt. Dann wird in der Regel nicht geliefert.

Und das ist ja auch okay so. Niemand kann alles wissen. Wir müssen nicht immer diskutieren und auch nicht immer überzeugen. Wir müssen auch nicht ständig dazulernen. Wir sind frei, uns gegen den sachlichen, lösungsorientierten Diskurs zu entscheiden. Warum das dann allerdings dazu qualifizieren sollte, ein politisches Mandat besser auszuführen als die, die gerade dran sind, das weiß auch keiner.

 

Try walking in my shoes

Wie geht es denn besser? Wie kann aus Ärger und Polemik konstruktive Kritik werden, die wirklich etwas verändert? Vielleicht durch teilnehmende Beobachtung? Also durch mitlaufen? Das wär doch mal was.

Lernen, wie Demokratie praktisch funktioniert, was Politik eigentlich ist: Dafür reicht die obligatorische Einladung nach Berlin an interessierte Bürger nicht mehr aus. Ein Besuch der transparenten Reichstagskuppel und eine Fragerunde mit einem Abgeordneten sind zuwenig. Dafür sind die Fronten zu verhärtet.

Im Coaching und in der modernen Arbeitswelt ist das „Shadowing“ (engl. shadow = der Schatten) bereits ein gängiger Begriff. Kurz zusammengefasst geht es darum, dass jemand einem anderen wie ein Schatten folgt und seine täglichen Abläufe nachvollzieht – um etwas zu lernen oder um Muster  und Fehler zu erkennen, die durchbrochen werden könnten. Shadowing wäre ein geeignetes Instrument, um jenen, die alles besser wissen, einmal die Gelegenheit zu geben, sich zu bewähren. Vielleicht wird dabei das eine oder andere politische Talent entdeckt? Denn Wut und Frust sind doch eigentlich die beste Motivation überhaupt für Veränderung.

Vielleicht erkennt der mitgenommene Kritiker im Rahmen eines solchen Experiments aber auch einfach nur: So leicht ist der Job eben doch nicht. Man muss viel wissen, vor allem aber muss man zuhören und dazulernen wollen. Und man braucht eine gehörige Kondition. Das Reisen ist anstrengend, die Veranstaltungen, Reden, Interviews sind es auch. Man muss vielleicht mal erlebt haben, wie das ist, wenn man als Lokalpolitiker in einer Bürgerversammlung niedergebrüllt wird, weil der Frust der Anwesenden größer ist als das Interesse an einer Lösung. Man muss vielleicht mal auf der anderen Seite gestanden haben.

 

Primetime, Baby

Im Fernsehen laufen Formate wie „Bauer sucht Frau“, „Dschungelcamp“ und „Frauentausch“ mit großem Erfolg. Unartige Jugendliche wurden vor einigen Jahren auf Kabel eins und Sat 1 ins Ausland zu den „strengsten Eltern der Welt“ verfrachtet, wenn es ihnen zu Hause zu wohl wurde und sie den nötigen Respekt vermissen ließen. Vielleicht ginge das mit dem Shadowing in der Politik noch ein bißchen seriöser und weniger gescripted, entweder ganz ohne das Fernsehen, oder aber – sicherlich öffentlichkeitswirksamer – im Rahmen einer echten Dokumentation. Denn es gäbe dabei garantiert den einen oder anderen Nervenzusammenbruch zu sehen. Oder aber völlig entgleiste Gesichtszüge. Bei allen Beteiligten.

Was bei der Auswahl der Teilnehmer für ein solches Experiment aber auf keinen Fall passieren darf: Dass wieder nur diejenigen eingeladen werden, die sowieso ganz umgänglich sind. Wenn Ihr Euch also dafür entscheidet, „die Menschen“ „da draußen“ mitzunehmen, dann lasst die netten Abiturientinnen, die noch nicht wissen, ob sie Politologie studieren wollen, ausnahmsweise mal links liegen. Und gebt denen den Vorzug, die sich seit Monaten die Seele aus dem Leib brüllen, weil sie davon überzeugt sind, dass sie keiner hört. Nehmt die mal mit. Zeigt ihnen, was bei Euch Sache ist. Wie die Realität eben auch aussieht. Werbt für dieses System, das nicht perfekt ist, aber das beste, das wir derzeit haben. Vielleicht lernt Ihr am Ende selbst ja auch noch was dazu.




Katharina Lotter ist Diplom-Wirtschaftsjuristin (FH) und findet, dass Ökonomie zu wichtig ist, um sie allein den Spezialisten zu überlassen. Um als Journalistin einem breiteren Publikum Lust auf Wirtschaft zu machen, kündigte sie im Krisenjahr 2008 ihren sicheren Job in einer Unternehmensberatung, absolvierte Praktika bei dem Wirtschaftsmagazin "brand eins" sowie der "Financial Times Deutschland" und arbeitete einige Jahre als freie Autorin für u.a. "Die WELT" und das Magazin "liberal" der Friedrich-Naumann-Stiftung. Nach einer ausführlichen Elternzeit schreibt sich die Mutter nun bei den Salonkolumnisten wieder warm und beschäftigt sich vor allem mit ihren Lieblingsthemen: Freiheit, Neue Arbeit und Wirtschaft für alle.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com