World Trade Center during Nine-Eleven YU-bin (flickr.com; Public Domain 1.0)

Falling Men

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

In Kürze jährt sich der Terroranschlag vom 11. September 2001 zum zwanzigsten Mal. Mit dem Abzug der ISAF-Truppen aus Afghanistan bildet er die Klammer um eine Epoche, die für die Zukunft noch verstanden werden muss. Ein Versuch.

Der Toningenieur Jonathan Briley starb am 11. September 2001. Er arbeitete damals im obersten Stockwerk des Nordturms des World Trade Centers und zwar im beliebten Bar-Restaurant „Windows on the World“. Die letzten Sekunden seines Todes sind von dem Fotografen Richard Drew festgehalten worden. Er nannte seine Aufnahme „Falling Man“. Da waren auch noch andere Menschen, die in allergrößter Verzweiflung aus den von zwei Passagierjets getroffenen und brennenden WTC-Türmen sprangen. Ich habe sie gesehen, wie die halbe Welt, die ebenfalls fassungslos am Fernseher zuschaute. Daran musste ich dieser Tage denken, als ich Menschen über der afghanischen Hauptstadt vom Himmel fallen sah. Sie hatten sich an eine US-Militärmaschine geklammert, um so außer Landes zu kommen. Diese Bilder, so schrecklich sie sind, bilden eine Klammer. 

FOLGEN DES 11. SEPTEMBERS

Mit dem 11. September endete für den Westen schlagartig eine Art historischer Windstille, nämlich die Dekade von 1990 bis 2000. Sie sollte, da der große kommunistische Gegenspieler Sowjetunion bzw. der Ostblock in Trümmern lag, mit dem Ruf vom „Ende der Geschichte“ aufgehübscht werden. Francis Fukuyamas Buch mit eben diesem Titel hatte das nicht ganz so gemeint, wie es viele annahmen, aber trotzdem propagierte es den Sieg der Demokratie und der liberalen Gesellschaft. Man hörte das natürlich gerne, manche hegten aber auch damals schon Zweifel, ob das überhaupt sein könne. Heute, angesichts erstarkter autoritärer Staaten und des Erfolgs von Rechtspopulismus und neuer Militärdiktaturen, weiß man, dass die Karten ständig neu gemischt werden an den Spieltischen der Weltpolitik. Der unverkennbare Unwille der Vereinigten Staaten, große Opfer im Nahen Osten oder in Süd- bzw. Zentralasien zu bringen, ist keine neue Entwicklung. Sie wurde nur durch den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ und die entsprechenden Einsätze und Rückzüge mitsamt der militärstrategischen Fehler in Irak und Syrien unterbrochen. Schlimme Folgen zeitigte dieser Krieg in den USA selbst: Er beförderte die innere Militarisierung und politische Polarisierung Amerikas, durch Abu Ghraib und Guantanamo (also durch gezielt ausgeübte Folter, Demütigung und Strafe ohne Verurteilung) eine immer noch nachwirkende Verrohung von Sitten und Moral und eine Missachtung von Recht und Gesetz durch Amtsinhaber. Präsident Barack Obama versuchte zwar mit einer Charmeoffensive und einer propagierten Kommunikation auf Augenhöhe mit der arabischen Welt wieder ins Gespräch zu kommen – der Erfolg war aber überschaubar, was allerdings auch am Scheitern des arabischen Frühlings lag. 

Doch trotz aller Verfehlungen bleiben die USA die Militärmacht, die ihresgleichen noch sucht. Sie befindet sich in einem Zwischenstadium, ist keine Hegemonial- oder Ordnungsmacht mehr, bereitet sich aber auf die Herausforderung durch den neuen Aufsteiger China vor. Dieser rüstet nicht nur auf, sondern weiß auch seine ökonomische Macht global in politische umzumünzen und Abhängigkeiten von Ländern auf jedem Kontinent zu erzeugen. Sie sollte nicht nur die USA, sondern auch die EU äußerst misstrauisch machen.

SCHOCKWELLEN UND NERVOSITÄT

Gleichzeitig sind Islamismus und Dschihadismus nicht aus der Welt. Es hat in dem Zeitraum seit 2001 weltweit Tausende von Terroranschlägen mit rund 100.000 Toten gegeben, davon waren die meisten Muslime. In Afrika sind Terrorgruppen von Somalia bis in die Sahara höchst aktiv, in Asien von Indonesien bis in Länder der ehemaligen Sowjetunion.

Was die Rückkehr der Taliban bedeutet, das wird Europa noch merken. Das liegt nicht nur an der Zahl der zu erwartenden Flüchtlinge, dem Entstehen weiterer Gewaltmärkte in Zentralasien, sondern auch an den politischen Schockwellen, die die Nachbarländer erfassen könnten. Die Region und auch Afghanistan selbst werden sicher nicht zur Ruhe kommen. Mögen sich die Taliban auch im Moment lammfromm geben – eine vor allem durch Drogenhandel finanzierte Rebellentruppe, im militärischen Kampf sozialisiert, von einer missionarischen und gewalttätigen Ideologie getrieben, wird nicht von heute auf morgen zu einer genügsamen, friedliebenden, zivilen Kraft.

Die Amerikaner sind mit dem Land aber erst einmal fertig. Al-Qaida spielt dort keine große Rolle mehr. Daran ändert auch der übereilte und schlecht durchgeführte Abzug nichts. Doch es wird nicht lange dauern, dann steigt die Nervosität in der Region – vor allem in China und Indien – und auch wieder in Washington, weil man sich an die notorische Instabilität der Atommacht Pakistan erinnert, die glaubt, mit ihrem ewigen doppelten Spiel die Taliban und eigene islamistische Gruppen unter Kontrolle halten zu können.    

Der amerikanische Rückzug allerorten – man sollte nicht von Isolationismus sprechen – wird diejenigen bestärken, die gerne von Multilateralismus reden. Aber die Geschichte lehrt, dass ein entstandenes Vakuum von anderen mächtigen Staaten gefüllt wird, die militärisch, politisch oder ökonomisch Einfluss ausüben wollen oder glauben, es im eigenen Interesse tun zu müssen. Im Nahen Osten und Nordafrika sind das Iran, Türkei, Ägypten, die Golfstaaten; in Zentralasien Russland, China, Indien. 

Ihre größten Erfolge haben die Taliban erst einmal erfochten. Die Amerikaner werden die Terrorbekämpfung vor allem auf ihre Bestrafungsinstrumente wie hochpotente Drohnen stützen. Ein solcher Nadelstichkrieg, aus der sicheren Heimat gesteuert, kommt der Stimmung im Inland eher entgegen.

PROVINZ EUROPA

Und Europa? Was soll schon mit Europa sein? Europa ist keine Zivil- und keine militärische Macht mehr. Eine Zivilmacht kann auf Dauer ohne militärische Kapazität nicht erfolgreich sein – und schon gar nicht die EU mit ihrer exponierten Position zwischen Russland, Nahost und Afrika. Sie hat auch die vergangenen zwanzig Jahre nicht genutzt, eine eigene adäquate militärische Kapazität aufzubauen. Wie auch, wenn das Militär immer noch das größte Hoheits- und Souveränitätszeichen am Staatskörper ist? Außerdem sind die Staaten in die NATO eingebunden, was ihr Überleben sichert. So wird die EU außenpolitisch ein Zwerg bleiben. 

Immerhin war die schon 1989 aufgestellte Deutsch-Französische Brigade kurze Zeit auch Teil der nun beendeten ISAF in Afghanistan. Ein weiterer nennenswerter Einsatz ist die Friedensmission MINUSMA in Mali. Doch richtig mehr ist da nicht. Ein weiterer Grund (neben vielen anderen) für die Zurückhaltung der EU-Staaten beim Aufbau einer europäischen Militärmacht liegt auch in der Atomstreitkraft Frankreichs: die wird das Land aus Prestigegründen – und um niemals den Nimbus als UN-Vetomacht zu verlieren – niemals teilen; und andere europäische Länder wie Deutschland wollen die Verantwortung nicht mittragen, denn die nukleare Teilhabe innerhalb der NATO ist ihr schon Last genug, und man schweigt lieber darüber.

Wichtige Themen zu beschweigen, darin war die Merkel-Regierung die ganzen Jahre stark. Man druckst lieber rum, statt Positionen offensiv zu vertreten. Das ist Kern jenes Provinzialismus, von dem der jüngst verstorbene Publizist Karl Heinz Bohrer so zutreffend sprach. Aber daran ist nicht nur die Regierung schuld. Große Teile der Bevölkerung sind ergriffen von bodenloser Sentimentalität, einem parareligiösen Moralismus und dauernden Betroffenheitsdiskursen. Die Regierung hat dieser Tendenz einen Bürokratismus hinzugesetzt, um sich politischer Verantwortung entziehen zu können. Das ist in Deutschland die neue normative Kraft des Faktischen. 

VERRÜCKT

Und es fielen Menschen vom Himmel. Niemand kann sich in ihre Angst hineinversetzen. Wie wir alle sind sie am Morgen aufgestanden, ohne ahnen zu können, welches Unglück an diesem Tag über sie kommen würde. Dass sie Opfer einer Ideologie würden, die ihre Träume von einem Leben in Freiheit, Wohlstand und Sicherheit hasst. Doch schon beginnt der Kampf um die richtige Interpretation ihres Todes. (Denn die Toten kann man nicht befragen.) Irgendwie seien heute wie damals nicht die Taliban, nicht die Islamisten, nicht die Terroristen verantwortlich – sondern, wie immer, die Amerikaner, der Westen, die Imperialisten, die Kolonialisten, die Kreuzritter, der Kapitalismus, der Neoliberalismus, die Juden usw. Also irgendwie alle, nur nicht die wirklich Verantwortlichen. Es ist fürchterlich. Es ist zum Verrücktwerden.

Lesen Sie auch Die Leere von Richard Volkmann




Lektor und gelegentlich Autor