So sieht das Vermögen unseres Autors aus. Public Domain

Die Vermögensverhältnisse des Herrn S.

Unser Autor gehört aus Sicht von Stephen Bannon & Co. zu den „Eliten an der Ostküste“. Dafür gibt es hier ein höhnisches Lachen und eine vorläufige Vermögensaufstellung.

Zu den Dingen, die man als Kind, oft sogar als Jugendlicher nicht – oder nur schwer – durchschaut, gehört der ökonomische Status der Eltern. So wuchs ich in der irrigen Vorstellung auf, dass meine Familie zum oberen Mittelstand gehört. Schließlich wurde bei uns zu Hause Hochdeutsch gesprochen (ich bin in Österreich großgeworden), wir haben nie gehungert, wir lebten nicht von Sozialhilfe. Meine Mutter war Lehrerin. Sie hat Kinder in so genannten Problemvierteln unterrichtet; ein paar von ihnen kamen immer wieder mal bei uns zu Besuch. Natürlich war deren Welt von der unseren himmelweit entfernt. Wir waren nicht arbeitslos. Wir wussten, wer die Herren Goethe und Kafka waren. Vor unserer Tür stand kein protziges Auto, sondern ein in bunten Hippiefarben bemalter VW Käfer. Und natürlich war klar, dass ich Matura – das österreichische Pendant zum Abitur – machen und nicht mit 16 eine Lehre anfangen würde.

Trotzdem gehörten wir keineswegs zum gehobenen Mittelstand. Und weil ich von Stephen Bannon und Company mittlerweile zu den “Eliten an der Ostküste” gezählt werde, da ich Trump und seine Anhänger fürchte und verachte, möchte ich an dieser Stelle etwas ganz und gar Peinliches tun. Ich möchte die Einkommensverhältnisse meiner Familie offenlegen.

Es reichte gerade für die Miete

Also: Ich wurde 1965 geboren, mein Vater starb bei einem Unfall, als meine Mutter mit mir schwanger war. Sie hat, so weit ich weiss, nie irgendwelche staatliche Unterstützung erhalten. Sie war Lehrling im Klett-Verlag in Stuttgart (später haben wir diesen Verlag besucht, ich hatte noch jahrelang echte Bleilettern als Andenken in einer Schreibtischschublade). Meine Mutter erinnert sich nicht mehr, was sie damals verdient hat. Es reichte gerade für die Miete, für Essen für uns beide. Eine Kinderfrau – ich nannte sie Tante Thea und liebte sie heiss und innig – passte auf mich auf, nachdem ich acht Wochen alt war. Tante Thea nahm wenig Geld, weil sie das war, das man auf Jiddisch “a mensch” nennt. Sie sagte zu meiner Mutter: “Mehr nehm ich nicht von Ihnen, denn das würd ich ja ihm wegnehmen.”

Später entschloss meine Mutter sich, Lehrerin zu werden, weil sie da halbtags arbeiten konnte. Als ich drei Jahre alt war, heiratete sie meinen Stiefvater. Der war Doktorand, kam – wie ich erst später verstand – aus einer begüterten Familie (natürlich Nazis) (während meine Mutter natürlich arm war), bekam aber von zuhause kein Geld. Als ich vier war, zogen wir von München ins Salzburger Land um. Wir lebten alle zusammen von dem, was meine Mutter als Volksschul- (für Reichsdeutsche: Grundschul-) Lehrerin verdiente. Wieder habe ich die Summe vergessen, aber es war eine Lächerlichkeit.

Als ich ca. zehn Jahre alt war, starb der Vater meines Stiefvaters, und er erbte einen Batzen Geld. Darum lebten wir danach genau drei Jahre lang ziemlich gut: Er kaufte ein Haus am Stadtrand von Salzburg, meine Mutter ließ es liebevoll renovieren und einrichten. Aber mit dieser Herrlichkeit war es schon drei Jahre spatter wieder vorbei – meine Mutter und mein Stiefvater ließen sich scheiden. Ich habe diese Scheidung damals nur als Befreiung empfunden und zog mit meiner Mutter aus.

Luxus war für uns: ins Kino gehen

Von diesem Zeitpunkt an kann ich unsere Vermögensverhältnisse exakt beziffern: Meine Mutter hatte inzwischen Karriere gemacht, sie war Hauptschullehrerin geworden. Und sie verdiente, sage und schreibe, 21.000 Schilling pro Monat. 21.000 geteilt durch sieben ergibt 3000 Mark. Nun war das damals (wir sprechen von den späten Siebzigerjahren) ein bisschen mehr Geld, als man denken könnte. Dennoch: Die Hälfte davon ging für die Miete drauf. Und wir lebten in einer dunklen, feuchten Wohnung, nicht in einem Palast (allerdings in der Nähe des Zentrums von Salzburg). Luxus, das war für uns: ins Kino gehen. Karten für die Salzburger Festspiele etwa hätten wir uns nie und nimmer leisten können. Mein Bruder et moi trugen abgetragene Klamotten aus dem Second-Hand-Shop und Pullover, die meine Mutter für uns gestrickt hatte.

Zum Studium ging ich dann nach Hamburg. Meine Mutter schickte mir 1000 Mark pro Monat. Davon musste ich unter anderem meine Krankenversicherung bezahlen (die Versicherung meiner Mutter war nach meinem Grenzübertritt nicht mehr für mich zuständig). Ich bekam keinen Pfennig Stipendium, weil die Behörden das Einkommen meines Stiefvaters – der mittlerweile eine Stelle an der Uni Salzburg bekommen hatte – und meiner Mutter zusammenrechnete; und ich durfte mit meinem Studentenvisum nicht arbeiten. (Österreich war damals noch nicht in der EU.) Meine erste eigene Schreibmaschine habe ich mir buchstäblich erhungert.

Später forderte meine Mutter, dass mein Stiefvater ihr mit Unterhaltszahlungen beistand, womit sie juristisch vollkommen im Recht war; aber ich fand das irgendwann falsch, weil mein Verhältnis zu ihm so schlecht war – ich wollte von diesem Mann kein Geld annehmen. (Ich habe dann auch das Erbe ausgeschlagen, irgendwelche 100.000 Euro.) Unter anderem deshalb fing ich an, nebenbei als Journalist Geld zu verdienen. (Mittlerweile war Österreich in der EU, und ich durfte arbeiten.) Zuerst schrieb ich ein paar Artikel für die “taz”, dann schrieb ich regelmässig Rezensionen für die “FAZ”.

Nie zum Mittelstand gehört

Weil das Ganze jetzt schon zwanzig Jahre her ist, traue ich mich nun endlich zu sagen, von wie viel Geld pro Monat ich jahrelang gelebt habe: 2000 – immer noch Mark, bitte, nicht Euro. Irgendwann warb mich der “Spiegel” ab, dessen Autor ich, wenn ich mich recht erinnere, zwei Jahre lang war. Der “Spiegel” zahlte mir die phantastische Sume von 5000 Mark. Und immer beglich ich meine kompletten Krankenkassenbeiträge aus eigener Tasche. Ich fand (und finde) es falsch und ungerecht, dass es in Deutschland eine Künstlersozialkasse gibt. Wir Schreiberlinge sind ja nicht bessere Menschen als, sagen wir, Bäcker – warum sollten ausgerechnet wir vom Steuerzahler subventioniert werden?

Dass es in Deutschland einen Unterschied zwischen “Festanstellung” und dem Herumkrebsen als “fester Freier” gibt, habe ich erst mit grosser Verspätung kapiert – nach meiner Rückkehr aus Israel, anno 2000. Damals wurde ich zum ersten Mal Redakteur einer Zeitung; ich arbeitete für den (mittlerweile eingegangenen) “Rheinischen Merkur” und verdiente 8300 Mark (immer noch Mark!) im Monat. Und fühlte mich wie ein Krösus.

In der Rückschau möchte ich festhalten: Zu keiner Zeit meines Lebens in Deutschland habe ich zum Mittelstand gehört. Gewiss nicht nach amerikanischen Massstäben. Nie habe ich genug Geld verdient, dass ich sparen hätte können; nie hätte eine Bank mir einen Kredit gegeben, um mir ein Haus zu kaufen. Bis ich Mitte 30 war, habe ich objektiv sogar am Rand der Armutsgrenze gelebt. Allerdings war ich meistens eher lustig dabei. Ich hatte Freunde (und sogar Freundinnen), ich ging an der Elbe spazieren (kostet ja nix), und eines war für unsereins sowieso immer klar: Wenn man Geld übrig hat, wird es in Büchern angelegt. Heute habe ich eine Privatbibliothek von vielleicht 5000 Bänden, die ich über drei Kontinente und fünf Länder umgezogen habe.

Ich stamme aus dem Bildungsproletariat

Noch etwas Anderes war klar: Dass man in Museen geht; dass man Musik von Bach, Mozart und Schubert hört (wenn möglich live); dass man – wenn nur ein klein wenig Geld übrig ist – in andere Länder reist. Am treffendsten ist also vielleicht die folgende Beschreibung: Ich stamme aus dem Bildungsproletariat. Das heiß, ich bin als Bildungsbürger aufgewachsen, nur dass halt leider, nebbich, das Bürgertum dazu fehlte.

Man möge mir deshalb verzeihen, dass ich in höhnisches Lachen ausbreche, wenn irgendwelche Muschiks aus dem Mittleren Westen mich als “elitär” beschimpfen. Anders als ihr Idol Trump habe ich weder eine Million Dollar noch hundert Millionen geerbt und werde auch nichts erben. Auch habe ich nie jemanden betrogen; und nie habe ich den Staat um Almosen angebettelt. Das wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen.  (Allerdings kostete die Uni in Hamburg nix. Die Ausbildung, die ich dort genoss, war freilich auch danach.) Ich habe aus diesem Grund auch wenig Mitleid, wenn wohlwollende Linksliberale mir erzählen, man müsse rechtsradikale oder linksextreme Wähler doch bitte irgendwie verstehen, denn die fühlten sich von den globalisierten Eliten verraten. Nein, wirklich?

Kinder, ich habe von nichts gelebt. Und trotzdem meine Miete und meine Krankenversicherung bezahlt, statt mich umsonst im Emergency Room zusammenflicken zu lassen. Und habe (anders als die von Opiaten Abhängigen Trump-Trottel in Kansas und Montana) keine Rauschmittel geschluckt, schon deshalb, weil ich mein Produktionsmittel – den Kopf – nicht gefährden durfte. Und nie wäre mir eingefallen, an meiner Armut seien Ausländer, der  Freihandel oder gar irgendwelche Türken oder Roma schuld.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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