Maskenhaft Gerd Zimny

Das vierte Gesicht

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Die Technik der Gesichtserkennung schleicht sich langsam in unseren Alltag. Überwachung, Werbung, „Nudging“ – die Anwendungen sind vielfältig. Aber man kann etwas dagegen tun. Versuch einer Culture-Fiction.

„Ich habe nichts zu verbergen.“

„Oh, das tut mir leid.“

In der Realität ist die Science Fiction angelegt. Reden wir also über die Zukunft. Nein, nicht über jene Gedankenspiele, die sich damit befassen, ob das Grokodil vielleicht in drei Wochen oder erst in drei Monaten aus der Spree auftaucht. Auch nicht über die weiter entfernte Zukunft mit Cyborgs, die titanische Werkzeuge anstelle von Händen haben, und Hybriden mit grün leuchtenden Ohren durch eingeschleuste Biolumineszenz-Gene der Lampyridae. Reden wir über etwas Naheliegendes, eine „Culture-Fiction“, die morgen beginnen kann oder vielleicht auch erst in sechs Jahren. Aber es wird wahrscheinlich kommen. Wir werden es erleben.

In Japan sagt man, der Mensch habe drei Gesichter: das erste, das man der Welt zeige; das zweite, das man der Familie und den engsten Freunden zeige; das dritte zeige man niemandem, es gehöre dem Individuum ganz allein. Nun wird ein viertes hinzukommen. Es ist nicht neu, eher alt, sehr alt. – Es ist eine Maske.

Denn sie wird die Folge sein der nächsten Entwicklung in der Digitalisierung unseres Alltags. Bahnhöfe, Apotheken, Supermärkte – überall laufen erste Versuche auf automatische Gesichtserkennung durch biometrische Scans. Begründung: Sicherheit und Kundenfreundlichkeit. Der Gefährder kann herausgefiltert werden, der Käufer passförmige Werbung erhalten. Wer Steven Spielbergs Film „Minority Report“ kennt (der auf einer Geschichte von Philip K. Dick basiert), der erinnert sich vielleicht an die Flucht des Polizisten John Anderton, gespielt von Tom Cruise: In einer Mall wird im rasanten Tempo seine Iris gescannt, nur um ihn, den ausgelesenen Passanten, mit dem Personennamen anzusprechen, damit seine Aufmerksamkeit für ein Produkt geweckt wird. Schließlich wird er von allen Seiten automatisiert angequatscht – so muss man es sagen –, ein vielstimmiger Chor ruft seinen Namen, der doch ungenannt werden will, da man nach ihm fahndet.

Als Selfie gelesen wird neuerdings der Eigentümer eines iPhone X. Apple bietet die Gesichtserkennung auf dem neuen Gerät, um mit ihr ohne Umschweife, also ohne Tastendruck, Zugang zu seinem Smartphone zu gewähren. Das ist faszinierend: eine „Spieglein, Spieglein“-Frage auf dem Display nach der eigenen Identität. Die anderen Smartphone-Anbieter werden nachziehen. Programme wie Deep Face von Facebook oder Find Face von einem russischen Anbieter lernen täglich hinzu und erkennen wie Apples Technologie bald zu hundert Prozent ein Gesicht. Und wir werden es cool finden und uns an den Vorgang am Smartphone oder in der Shopping Mall gewöhnen – in China soll es schon Restaurants geben, wo man mit einem Lächeln bezahlen kann –, so wie wir uns an die anderen Vorzüge und Bequemlichkeiten im Smart Home gewöhnen werden, an all die vernetzten Geräte, die elektronischen Butler und virtuellen Helferlein. Sie erleichtern ja auch, bereiten Vergnügen, sehen klasse aus. Da gibt es keine Zweifel. Aber auch hieran gibt es keine Zweifel: Mit dem Komfort kommt die Kontrolle. Und die Steuerung. Jede Information, die uns entnommen wird wie ein Wort aus einem Buch, wird umgewandelt in ein Zuvorkommen, das ein sanfter Stupser ist auf einen vorprogrammierten Weg. Früher gab der Mensch nur seine Arbeitskraft; heute ist er als Gefäß von Informationen ebenso wertvoll, er ist die Ressource, die Mine, die mit allen möglichen Schürftechnologien ausgebeutet wird.

DER GEFÄHRLICHE GANG DER GEWOHNHEIT

Aber was ist das Erkennen gegen die Erkenntnis, das Lesen des Gesichts gegen das Verstehen jeder Einzelheit: den Gefühlszustand, die Krankheit, die sexuelle Neigung? Wie lange dauert es noch, bis eine Firma glaubhaft annonciert, dass es nun möglich sei, aus jedem Gesicht verlässlich bestimmte Gedanken zu lesen? Orwells Facecrime liegt in Reichweite: Im Gesichtsverbrechen zeigt der Gesichtsausdruck, dass ein Gedankenverbrechen vorliegt. Man kann es nicht oft genug sagen: Totalitäre Staaten werden diese Techniken zur Gesichtserkennung ohne Skrupel anwenden. China zeigt schon, wie das geht, und vergibt für (digital erfasstes) wohlwollendes Verhalten „Sozialpunkte“, die wiederum für die Gunst des Regimes ausschlaggebend sind – und das heißt für den Einzelnen: überhaupt eine Chance auf ein erträgliches Leben zu haben. Die Gesichtserkennung ist da ein weiteres, höchst potentes Instrument, um beim Erkennen, Erfassen und Abschöpfen des Einzelnen (und seiner ersten drei Gesichter) noch mehr Informationen zu generieren.

In den demokratischen Staaten wird die Technik der Gesichtserkennung ihre eigene Realität schaffen: ein Wohlfühl- und Sicherheitssystem, das nicht per Gesetz eingeführt werden muss, sondern – wie oben schon skizziert – den Gang der Gewohnheit geht und vielfältige Nutzer und somit Nutznießer haben wird: Hacker, Werbeindustrie, in- und ausländische Geheimdienste, Behörden usw. Ob im Netz, in der Mall oder auf dem Marktplatz – der soziale und öffentliche Raum wird zum problematischen Raum, in dem die Person durch Gesichtserkennung identifiziert, abgeschöpft, entkleidet wird.

VON DER PERSON ZUR PERSONA

Das Nachdenken über solch eine Zukunft hat etwas Deprimierendes. Das Problem wirkt zu groß, zu schwer zu fassen, zu raffiniert, weil es mit unserem Inneren Schweinehund im Bunde ist und durch die Digitalisierung jedes „Morgen“ schon Vergangenheit – so sehr beschleunigt der Code unsere Realität. Aber manchmal liegen die Lösungen auch ganz nah bzw. in der Geschichte. Womit wir wieder bei der Maske wären.

Masken begleiten uns seit Anbeginn. Sie hatten und haben eine Funktion bei religiösen Riten, im antiken Drama, in der Fastnacht, beim venezianischen Karneval, in Stanley-Kubrick-Filmen und vielem mehr. Nicht umsonst tragen die Mitglieder der Hacker-Gruppe Anonymous Guy-Fawkes-Masken, um ihre Anonymität zu schützen (und natürlich als Zeichen der Gruppenzugehörigkeit). Wenn wir nicht ausgelesen, lokalisiert und identifiziert werden wollen, müssen wir verhindern, dass wir ausgelesen, lokalisiert und identifiziert werden. Das Smartphone können wir noch ausschalten und in gewissem Umfang konfigurieren. Aber die Gesichtserkennung zielt von außen auf uns und macht uns alle zu Gejagten wie John Anderton.

Vielleicht passiert daher Folgendes: Wir werden unsere Person und unsere Identität mit Masken schützen. Zum Beispiel passt die typisierte Maske des antiken Dramas gut zu unserem Vorhaben, denn sie wurde „Persona“ genannt, hatte ein erschreckendes Aussehen und verbarg vollständig die Identität des Schauspielers. Aber wahrscheinlich wird unsere Gesellschaft auf viele Maskenidentitäten zurückgreifen, schließlich ist das Rollen- und Identitätsspiel schon ausgiebig Teil unserer Kultur, und sie böte Mode-Startups neue Verdienstmöglichkeiten. Das wird die Hemmschwelle zum Tragen der Maske senken, ja, es in ein Rollenspiel verwandeln und den öffentlichen Raum in eine Art Maskenball, wie von James Ensor gemalt.

Durch die Persona wird die Welt so tatsächlich zur Bühne, zu einer künstlerischen Realität – und das alles durch den Affront, der uns zu etwas Auszulesendes macht, eine Art Balkencode, der durch omnipotente Scanner belästigt wird.

Sie finden das sonderbar, skurril, absurd? Dann bedenken Sie, dass man in vielen Ländern Asiens auch Mundmasken trägt zum Schutz vor Viren, Staub usw. Es ist ganz alltäglich. Und genauso könnten wir eines Tages vor dem Ausgehen zu Masken greifen, unserem vierten Gesicht, so wie wir zur Einkaufstasche greifen oder zum Haustürschlüssel. Und viele werden es sogar cool finden, schick, besser als nur eine ins Gesicht gezogene Baseball-Kappe – denn als ein Ausdruck widerständiger Vernunft.




Lektor und gelegentlich Autor