Dieser Weg wird kein leichter sein: Auf Pflastersteinen geht es zur Weltuntergangspredigt. hol

Apokalypse mit Kohlroulade

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Sonntagmorgen in der Brandenburger Provinz. Genau die richtige Zeit, um sich mal wieder dem Weltuntergang zu widmen.

Mit großen Schritten geht es über den Marktplatz. Kopfsteinpflaster unter den Füßen. Kraniche über den Köpfen. Felder und Wälder bis zum Horizont. Mit den letzten Schlägen der Glocken gerade rechtzeitig in die Kirche. Die Bänke sind voll – im Gegensatz zu fast allen anderen Sonntagen im Jahreslauf. Anfang Oktober ist Erntedank. Viele Eltern, die meisten nicht regelmäßige Kirchgänger, sind gekommen, denn die Kleinen aus dem Kindergarten führen ein Tanzspiel auf. Der Altar ist mit Feldfrüchten geschmückt.

Anklage statt Predigt

Wer eine Predigt erwartet, bekommt eine Anklage. „Wir tun alles um die Erde zu zerstören“, stellt die Pastorin gleich zu Beginn fest. Der eine oder andere Gottesdienstbesucher fragt sich, seit wann er dem genannten destruktiven Kollektiv angehört, da legt die Predigerin des bevorstehenden Weltuntergangs nach. Selbst in der Landwirtschaft gehe es nur ums Geld. Und überhaupt das Meer voller Plastik, überall Gift ohne Ende. Der Mensch gegen die Natur. Alles schlimm. Man kann nur hoffen, dass keiner so richtig zuhört und stattdessen seinen Blick über die, wie so oft in Brandenburg, schlicht-schöne, aber marode Kircharchitektur schweifen lässt.

Dass die Pastorin sich vermutlich an ihren von übergeordneter (irdischer) Stelle vorgegebenen Predigttext hält? Wie schade. Dass die rund 280.000 deutschen Landwirte mit einem durchschnittlichen Unternehmensergebnis von um die 60.000 Euro pro Jahr nicht gerade zu den Spitzenverdienern zählen? Wäre leicht zu recherchieren gewesen. Dass die Pastorin persönlich durchaus Komfort schätzt? Gegönnt, aber authentischer ist Bart Simpson. Dem jugendlichen Rabauken aus der US-Comic-Serie wird das wohl weltlichste Tischgebet aller Zeiten zugeschrieben: „Lieber Gott, wir danken dir für gar nichts. Wir haben alles selbst bezahlt. Amen.“

Grüne Politik plus Halleluja

Ganz so weit ist die evangelische Kirche in Deutschland nicht, aber deren Selbst-Säkularisierung hat ein beachtliches Niveau erreicht. Reflexhaft wird die landwirtschaftliche Praxis mit zerstörter Natur verbunden. „Protestantisches Bewusstsein“ bedeutet heute oftmals Grüne Politik plus Halleluja – hierzulande und international. Der von kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen immer wieder angeführte Kleinbauer der globalen Armutsregionen ist womöglich ein Kleinbauer wider Willen, weil ihm Fläche, Kapital, Know-how und Marktzugang fehlen.

In der Brandenburger Provinz endet an dem unwirtlichen Oktobermorgen der Erntedank-Gottesdienst mit dem Hinweis auf die Kollekte. Sechszehnfünfzig Euro waren es am Sonntag zuvor. Sind halt wenig Leute da und der Wohlstand ist nicht so breit gesät. Dieses Mal sieht es wiederum eher nach Münzen im Körbchen aus. Draußen vor der Tür ein wenig Palavern. Ja früher war das alles anders. Sogar auf der „Kolchose“ – so nennen die Gegner der Zwangskollektivierung auch heute noch die „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ (LPG) der DDR mit spürbarer Abneigung – habe man zum Erntedank nicht gejammert, sondern richtig gefeiert und sich gefreut. Ohne geistlichen Beistand versteht sich. Den suchte man an diesem Sonntagmorgen ebenfalls und ist auf dem Heimweg froh, dass alles ist wie vor der klerikalen Gehirnwäsche. Das Kopfsteinpflaster, die Kraniche, die Felder und Wälder. Zu Hause endlich der ganz persönliche Erntedank mit Kohlrouladen aus eigener Produktion. Wer will schon hungrig sein, wenn der Weltuntergang bevorsteht?

Dietrich Holler ist Agrarwissenschaftler und arbeitet als Journalist. Er beobachtet in Berlin die Agrarpolitik und lebt auf dem Land in Brandenburg – gelegentlich verhält es sich umgekehrt.




Über