Netanjahu und Orbán – von Äpfeln und Birnen

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Von wegen Netanjahu und Orbán sind Brüder im Geiste: Netanjahu ist ein Pragmatiker, der auf der Suche nach Verbündeten notgedrungen nicht zimperlich ist.

Laut Richard C. Schneider sind Viktor Orbán und Benjamin Netanjahu Brüder im Geiste – eine Behauptung, der schon Johannes C. Bockenheimer widersprochen hat, woraufhin Richard C. Schneider seinen Standpunkt nochmals („Und sie sind doch Brüder im Geiste“) verdeutlicht hat.

Aber sind Netanjahu und Orbán tatsächlich Brüder im Geiste? Nein. Genausowenig wie Netanjahu Rechtspopulist ist. Er ist schlichtweg Pragmatiker, ein anderes Wort für den abgedroschenen Terminus Realpolitiker. Und er sucht Verbündete überall – unter anderem gegen die Mogherini-Doktrin der EU, man müsse das Atomabkommen mit dem Iran durchboxen, koste es, was es wolle und gegen die Vorliebe des EU-Parlaments für palästinensische Narrative wie das der jüdischen Brunnenvergiftung. Dass es auch der EU im Fall Iran nicht um Moral, sondern um Durchsetzung vitaler Exportinteressen geht, sei nur am Rande erwähnt.

Dass Netanjahu den unappetitlichen Orbán umschmeichelt, ist für Moral-Hygieniker schwer zu ertragen. Aber das Argument, Netanjahu störe sich nicht am Antisemitismus des ungarischen Westentaschen-Despoten, das ist schlicht falsch. Beziehungsweise, es zieht nicht. Denn kurz nachdem das saudische Konsulat in Istanbul den missliebigen Kollegen Kaschoggi zerhäckselt hat, sitzt der Westen in Gestalt von Herrn Pompeo brav bei seinem neuen Lieblingskiller MbS, dem saudischen Kronprinzen, und will doch nicht alles so ganz genau wissen – des lieben Geldes wegen.

Saudi-Arabien und Iran, die beiden Todfeinde, die eine ganze Region am Brennen halten, sind das Musterbeispiel dafür, dass es bei politischen Dialogen nicht um moralische Präferenzen geht. Das gilt für uns als glückliche Europäer und Amerikaner, die wir nicht von staatlichen Entitäten umzingelt sind, die sich unsere Auslöschung auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Strategisch handeln, um nicht schießen zu müssen

Das gilt aber in besonderem Maße für Israel. Niemand käme auf die Idee, den Israelis die Geheimverhandlungen mit den Saudis anzukreiden oder die Treffen mit Hamas-Abgesandten auf neutralem Grund. Israel hat keine andere Wahl, als sich strategisch zu verhalten, wenn es nicht nur schießen will.

Und es trifft, das liegt an der geografischen Lage, dabei auf jede Menge Gestalten, die mit dem Begriff Widerling noch freundlich umschrieben sind.

Wenn also der eitle Orbán Netanjahu als nützlicher Idiot dient, um einen Keil in die unsinnige Iran- und Palästina-Phalanx der EU zu treiben, so ist das für Israel von vitaler Bedeutung. Und wenn George Soros etliche BDS-Organisationen in Israel fördert, deren Ziel nicht die hehre Vielstimmigkeit einer pluralistischen Gesellschaft, sondern die Delegitimierung des eigenen Landes ist, wie die kanadische Sektion der weltanschaulich gewiss gänzlich unverdächtigen liberalen Loge B’nai B’rith schon 2016 beklagt hat – dann ist es das gute Recht Israels, das zu beklagen. Das ist aber alles andere als ein Schulterschluss mit der antisemitischen, ungarischen Hetze gegen den aufmüpfigen Geist Soros und sein unabhängiges Universitätsprojekt in Budapest.

Kritik? Gerne

Zudem meint Richard C. Schneider, dass Netanjahu Soros „hassen“ würde, genau wie es Orbán tut – und beide eine „unheilige Allianz“ bildeten. Formulierungen, die sich beinahe wortgleich in dieser Haaretz-Analyse vom 10. September 2017 finden. Dass „Haaretz“ ihre Abscheu Netanjahu gegenüber mit so viel Verve vertritt, ist ein beredtes Beispiel für Israels Demokratie – ganz im Unterschied zur Lage in Ungarn, wo Orbán die intellektuelle Elite des Landes bekämpft.

Nein, man muss Netanjahu und den Likud nicht mögen, weder hier noch in Israel, aber man sollte Fairness walten lassen – und nicht aus ihm und Orbán Brüder im Geiste machen.

Und noch eine Frage, die Richard C. Schneider offen lässt: Mit wem bitte soll Netanjahu denn ernsthaft über eine Zwei-Staaten-Lösung verhandeln? Etwa mit Mahmoud Abbas, dessen religiöser Berater Mahmoud Al-Habbash noch am 30. Juni 2018 den Beginn des „Heiligen Kriegs zur Zerstörung Israels“ ausrief? Also doch mit Mördern an einem Tisch sitzen, aber nicht klandestin, sondern ganz offiziell – wäre das dann plötzlich legitim?

Und ganz zum Schluss noch dies, wenn es um den Vergleich des xenophoben Orbán mit Netanjahu geht: In Ungarn gibt es praktisch keine Ausländer, außer einigen Habsburg-Überbleibseln. Israel allein hat 1,7 Millionen arabische Staatsbürger. Die einzigen freien Menschen der arabischen Hemisphäre. So viel zu Äpfeln und Birnen.

 

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Schreibt, berät und berät Schreibende sowie (Medien-)Unternehmen. Ist aber zuvörderst und mit Herzblut Journalist, Kommentator und Autor mit den Schwerpunkten internationale und nationale Politik, Jüdisches, Kultur und – als journalistisches Hobby –, American Football. Lebt in Hamburg und nach Möglichkeit in seinem Seelenversteck in Florida.