… der werfe das erste iPhone!

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Wenn Linke den Sozialismus als Alternative predigen, hat das viel mit Politfolklore und wenig mit Analyse zu tun.

Natürlich weiß auch Kevin Kühnert, dass der Sozialismus Unfug ist. Insgeheim will wohl kaum jemand ernsthaft Menschen ihr Eigentum wegnehmen und den Luxus, in dem man selbst lebt, durch eine Utopie aufs Spiel setzen. Dennoch hält die Linke an dieser Utopie fest, weil sie zu ihrer Attitüde gehört.

Für den Sozialismus zu sein ist so irrational, wie wenn man sich bis spät in die Nacht mit seinen Freunden betrinkt, obwohl man weiß, dass man am nächsten Tag früh arbeiten muss. „Aber im Moment ist es doch so schön. Morgen wird der Kater schon nicht so schlimm werden! Garantiert!“ 

Für Sozialisten hört diese Party nie auf. Sie betrinken sich einfach weiter und feiern einen Zustand, der eigentlich unerreichbar ist. Sie klammern sich mit aller Kraft an den sozialistischen Traum, damit sie das hier und jetzt nicht mehr ertragen müssen.

Als Liberaler hat man auf dieser Party Hausverbot. Man ist der Looser, der uncoole Spielverderber. Denn jedes Argument gegen den Sozialismus zerstört das feuchtfröhliche Schwelgen. Man ist so nervig wie das Nerd-Emoticon mit der schwarzen Brille und dem dummen Grinsen im Gesicht. So daneben wie ein CDUler, der gegen Abtreibungen protestiert. Man ist der Kellner, der die letzte Runde ausschenkt und dann die Jalousien hochzieht und das betrunkene Partyvolk in die graue Realität hinauswirft. „Aber wir brauchen doch Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell!“, lallt der Linke dann und bestellt sich auf seinem iPhone ein Uber.

Wenn Linke mehr Sozialismus fordern, kommt das dennoch besonders subversiv rüber. Denn Underdogs und Outlaws waren schon immer attraktiver als der spiessige Status Quo. Sie erinnern an die Freigeister und Künstler, an die Exzesse der grossen Denker und Kreativen. Motto: Scheiß aufs System, scheiß auf Autoritäten, scheiß auf Regeln – die Unvernunft siegt!

Das mag ein begehrenswerter Lifestyle sein. Ihn auf die Realpolitik anzuwenden, wäre jedoch äußerst wahnsinnig. Oder in Abwandlung eines Zitats der österreichischen Nationalratsabgeordneten Claudia Gamon (NEOS): Wer ohne den Kapitalismus ist, der werfe das erste iPhone!




Judith Sevinç Basad studierte in Stuttgart und Berlin Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literatur. Sie schreibt für Tagesspiegel Causa, WELT und FAZ über Feminismus, den Islam und Antisemitismus. In der Initiative „Liberaler Feminismus“ setzt sie sich für einen freiheitlichen Feminismus ohne Sprechverbote ein. Sie arbeitete für die von Seyran Ateş gegründete Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin-Moabit, die einen liberalen und geschlechtergerechten Islam praktiziert. Im Moment lebt sie in Zürich und volontiert im Feuilleton der NZZ.