23. April 2018

Die Menschenjagd

Die abstoßenden Vorfälle der vergangenen Woche haben uns etwas zu sagen. Sie dürfen nicht nur Empörung auslösen, sie müssen auch verstanden werden.
Poor little pit bull terrier. She is a rescue dog from the New Jersey city of Newark where the obscenity of a New Jersey US Senator Cory Booker is from. She was raised to be a “bait” dog for fighting which is why her ears are cut off so the fighting pit bulls couldn’t bite her and drag her down by her ears. She loves kids and other dogs. She’s just the sweetest thing. All she want’s to do is be held and told that she’s loved. That nose is cold and wet.

Es ist in der heutigen Zeit einfach, sich über etwas öffentlich zu empören. Ein paar Fingerbewegungen, und schon setzt Empörung die soziale Infrastruktur unter Strom und schlägt Wellen, als hätte Godzilla persönlich aufgestampft. Sie bekommt etwas Inflationäres, wenn sie schon Erregung und Tweets aus geringen Anlässen generiert: nur weil ein falsches Wort fiel, weil sich jemand scheel angeguckt fühlt oder für eine Modetorheit keine Begeisterung entfacht, sondern Naserümpfen. Die Übersensiblen sind mittlerweile so überempfindlich, dass man ihnen geradezu nahelegen muss, ihr affektives Feintuning neu zu justieren, um sich emotional nicht zu erschöpfen und präsent zu sein, wenn es denn mal drauf ankommt. Sonst stirbt die Empörungskultur irgendwann an ihrer Übertreibung.

Archaische Symbolsprache

Nun kam es vergangene Woche in diesem Land zu Vorfällen, die eine gewisse Symbolkraft hatten, jenseits ihres verabscheuungswürdigen Charakters. In Berlin wurde ein Israeli, der als Kopfbedeckung eine Kippa trug, von einem Jugendlichen mit dem arabischen Begriff für „Jude“ beschimpft und körperlich attackiert, indem dieser seinen Gürtel von der Hose zog, um den vermeintlichen Juden zu züchtigen und zu demütigen. Man kann nicht gerade behaupten, dass dieser Vorfall alltäglich ist in Deutschland – bislang. Aber dass er überhaupt jetzt so möglich ist, als Bestätigung, dass wir hier ein offensichtliches Problem mit Antisemitismus haben, und zwar dergestalt, dass Juden quasi als universelle Sündenböcke gezüchtigt werden. Das hat schockiert, wegen der neuen Dimension, die doch eine so alte ist.

Der Journalist und Autor Simon Strauß – ja, genau der, der von journalistischen Gesinnungsprüfern kürzlich noch mit fadenscheinigen Behauptungen und geradezu akrobatischen Beweisführungen als AFD-naher Denker diffamiert werden sollte – hat in einem kurzen Exkurs in der FAZ herausgestellt, dass hier in der öffentlichen Auspeitschung eine archaische Symbolsprache liegt, die mehr ausdrücken will als die unmittelbare Gewalttätigkeit, nämlich eine tiefwirkende Demütigung, eine Herabstufung des Menschen auf die Ebene des Tieres. Strauß schloss seinen Text mit einem Appell bzw. einer Forderung: „Wenn Menschen in Deutschland reflexhaft wegen religiöser Kleidung angegriffen werden, fordert das den ganzen gesellschaftlichen Ernst. Das heißt: Abstandnehmen von den üblichen Beschönigungen („Die Täter sind selbst Opfer“), auf Distanz bleiben zu Erhöhungen der Tat („Israel-Kritik“) und Zurückhaltung gegenüber der Kultur („Gangsta-Rap“) als Ausrede für Diffamierung.“

Arenen der Menschenjagd

Doch leider war das noch nicht das Ende der besonderen symbolischen wie physischen Gewalt in der Öffentlichkeit: Bei zwei Vorfällen benutzten offensichtlich Neonazis Hunde, um Asylsuchende oder einfach Mitbürger ausländischen Aussehens zu bedrohen und zu verletzen. Dies sind Attacken, die nicht nur die Betroffenen in Todesangst versetzen, sondern auch symbolische Missetaten, die Menschen einschüchtern, erniedrigen und deklassieren sollen. Die Parallele zu dem antisemitisch motivierten Angriff wird hier deutlich. Aber in den mit Hunden ausgeführten Attacken zeigt sich zudem ein Herrenmenschen-Rassismus, der die öffentlichen Räume in Arenen der Menschenjagd umwandeln will. Das Ungeheuerliche soll alltäglich, die Furcht unter die Anderserscheinenden gesät werden. Die Verunsicherung ist das Ziel, die Vertreibung. Solche Attacken sind rechtlich wie Brandsätze zu behandeln. Und für uns Geringmächtige zumindest ein ernster Grund zur Empörung.

Über uns

Ein Autorenblog für alle, die gern streiten und nicht an den Weltuntergang glauben. Die Salonkolumnisten schreiben über Politik und Kultur – klug, pointiert und in vielen Stimmen, die sich oft uneins sind. Verteidiger der offenen Gesellschaft, Gegner jeder Schwarzmalerei.

Folgen Sie uns

Aus dem Archiv

1

Süßstoffbrot und Peitsche

Wer in Großbritannien ungesunde Softdrinks trinkt, bezahlt das nicht nur mit der Gesundheit, sondern auch mit einer Zuckersteuer. Das Prinzip könnte noch
3

Hochgradig antifeministisch

Die Gedicht-Zensorinnen der Alice-Salomon-Hochschule zwingen ihre Opferattitüde anderen auf – in diesem Fall allen Betrachtern der Hauswand mit Eugen Gomringers Lyrik. Der
Nachoben

Don't Miss

Vom 7. Oktober zum 20. September

Zwischen dem Pogrom vom 7. Oktober und der Berliner Wahl

Ein Sieg des Antizionismus

Bei der Wahl in Berlin wurde zum ersten mal der