Nicht jede Kippa muss auch gleich getragen werden: Verkaufsstand in Jerusalem Foto: Alexander Rasumny

Jeder nur eine Kippa!

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Berlin und andere Städte tragen heute Kippa. Das ist gut gemeint, doch eine Solidarität, die sich nur in Szene setzt, wenn der Antisemitismus ohne Israelbezug auskommt, ist nicht viel wert.

Es muss einmal gesagt werden: Allen Problemen zum Trotz leben wir heute im besten Deutschland, das es jemals gab. Die Bundesrepublik ist nicht nur eine freiheitliche und stabile Demokratie ohne offene Grenz- und Legitimitätsfragen, sie ist auch wirtschaftlich erfolgreicher als alles, was die deutsche Geschichte bis anhin zu bieten hatte. So schlimm alles ist, es war schon einmal viel schlimmer.

Ist damit nun alles eitel Sonnenschein zwischen Rhein und Oder? Natürlich nicht. Wer sich kompakt informieren möchte über alles, was in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten leider nicht besser geworden ist, der findet rund um die heutige Solidaritätsveranstaltung #BerlinträgtKippa alles an Anschauungsmaterial, was er braucht.
Das betrifft freilich nicht Veranstaltungsidee selbst. Die ist eine überaus legitime Antwort auf den antisemitischen Angriff vom vergangenen Dienstag, als mitten im Wohlfühlkiez Prenzlauer Berg ein „politisch aufgewühlter“ 19-jähriger aus Syrien unter lauten „Yahud, Yahud!“-Rufen einen kippatragenden arabischen Israeli mit einem Gürtel verdrosch (was aber mit Antisemitismus selbstverständlich nichts zu tun hatte).

Alle gegen Antisemitismus

Um diesen erschreckenden Vorfall so nicht stehen zu lassen, sollen nun aus Solidarität auch Nichtjuden Kippot tragen. Und das im großen Stil, gleich mehrere Demonstrationen sind angemeldet: Eine zentrale Veranstaltung in Berlin und mehrere kleinere Kundgebungen in Köln, Potsdam, Erfurt und Magdeburg. Politische Prominenz wird selbstverständlich zugegen sein, vom thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow in Erfurt bis zu Zentralratspräsident Josef Schuster und dem neuen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, in Berlin. Bundes- und Landespolitiker, darunter der Regierende Bürgermeister Michael Müller, werden sich in der Fasanenstraße auf den Füßen herumstehen, ebenso Kirchen- und Gewerkschaftsvertreter, auch Studentenverbände sind dabei und sogar Milli Görüş.

Spätestens an dieser Stelle sollte allerdings auch dem Wohlmeinendsten aufgehen, dass da etwas faul sein muss im Staate Dänemark. Eine Kundgebung, die es schafft, türkische Islamisten und bürgerliche Welterklärer wie Volker Kauder und Toni Hofreiter mit Extremisten vom Schlage Sevim Dağdelens und des AfD-Krawallos Stephan „Machete“ Brandner zusammenzubringen – da sollte man stutzig werden. Tatsächlich kann eine derartige Veranstaltung überhaupt nur zustandekommen, weil sie sich einer Idee bedient, die im Abstrakten auf jedermanns Zustimmung stößt und die zugleich niemanden mit konkreten Handlungsanweisungen belästigt. Diese Idee, die Außenminister Heiko Maas mit der Formulierung „wir dürfen niemals zulassen, dass Antisemitismus in Deutschland wieder alltäglich wird“ auf einen schönen und unverbindlichen Nenner gebracht hat, ist so gut und so schlicht, so rundum sympathisch und anschlussfähig, so aufrichtig gut gemeint und zugleich jeder praktischen Relevanz ledig, dass sie sogar eine politische Nullblase wie die heutigen Kundgebungen möglich machen kann. Sie ist damit zugleich auch Ausweis der allumfassenden Hilflosigkeit dieses Landes im Kampf gegen Antisemitismus, die jede Demonstration noch so ehrlicher bester Absichten ad absurdum führen muss.

Die Einheit endet bei Israel

Denn so löblich Solidarität gegen Antisemitismus auch ist, wer glaubt, mit dem Gratismut des gruppenweisen, geschützten Kippatragens in irgendeiner Form auf eine Problemlösung hinzuwirken, der macht sich etwas vor. Die Vertreter jüdischen Lebens in Deutschland werden sicher gerne hören, dass alle Welt Judenhass verurteilt, sie vernehmen derartige Bekundungen allerdings auch nicht zum ersten Mal. Im Gegenteil, die entsprechenden Worthülsen sind Dauerbrenner, die mit gleichbleibend ernster Miene jedes Mal recyclet werden, wenn wieder ein antisemitisches Gewitter über die Landschaft der öffentlichen Meinung peitscht.

Es ist dabei kein Zufall, dass die ganz große Solidaritätsmaschine gerade dieses Mal angeworfen wurde, wo doch der Übeltäter so freundlich war, in seiner Tat keinen direkten Bezug zu Israel herzustellen. Sein „klassisch“ antisemitischer Angriff bietet zur wirksamen Abgrenzung die ideale Vorlage. Er wirft einen Schatten von so abgrundtiefer Finsternis, dass selbst die zwielichtigsten Gestalten sich daneben noch anstrengungslos als Strahlemänner präsentieren können: Leute wie Dağdelen, die es selbstverständlich nur als Israelkritik verstanden wissen wollte, dass sie 2010 bei Shimon Peres‘ Rede im Bundestag sitzenblieb. Oder wie Brandner, dessen Partei bereits ein Schächtverbot gefordert hat und der Wert auf die Feststellung legt, dass eine Kritik an Israel „ausschließlich mit Politik und nichts mit ‚den Juden‘ (sic) an sich/ als solchen zu tun“ hat. Nicht von derartiger Bosheit, aber auch alles andere als hilfreich ist überdies der Chor von Kommentatoren, die sich im Kielwasser der Empörung schwimmend bemüßigt fühlen zu erklären, die Kopftuchdiskussion sei im Grunde nichts anderes als die muslimische Variation eines perpetuierten Angriffs auf die Kippa.

Echte Solidarität ist bedingungslos

Die Reihen, die sich gegen Angriffe wie den des Pberger Gürtelschlägers noch fest geschlossen zeigen, lichten sich zuverlässig, sobald Israel Teil der Gleichung wird. Dann nämlich sind die Dinge nicht mehr so einfach, dann wird relativiert und erklärt und Verständnis gezeigt für Gefühlsaufwallungen in Deutschland lebender Muslime, werden beide Seiten zur Mäßigung aufgerufen und dürfen Juden in Deutschland vor allem dann auf öffentliche Unterstützung zählen, wenn sie sich medienwirksam von der israelischen Politik distanzieren. Tun sie das nicht, finden sie sich schnell wieder zwischen einer Phalanx von Fahnenverbrennern und ihren Enablern in Politik und Gesellschaft einerseits und der vergifteten Unterstützung einer opportunistischen AfD andererseits.

Mit der Übernahme der IHRA-Arbeitsdefinition, die israelbezogenen Antisemitismus miteinschließt, hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr einen wichtigen ersten Schritt zur Besserung getan. Doch das allein ist nicht genug. Es bleibt noch viel zu tun, solange bei Antisemitismus weiterhin mit zweierlei Maß gemessen wird und Solidarität eben nicht bedingungslos ist: Solange ein Pimpf mit Gürtel eine Staatskrise auslöst und ein Brandanschlag auf eine Synagoge als „Israelkritik“ durchgeht; solange kein öffentliches Bekenntnis zu Israel ohne lange Aber-Nebensätze auskommt; solange das ZDF die Zerstörung von Hamas-Terrortunneln als „Gewalt“ betiteln und die ZEIT auf ihrer Titelseite die Entstehung Israels zur kolonialistischen Enteignung ur-arabischen Mutterbodens verzerren kann, ohne dass das jemanden aufregt. Solange all das so ist, werden auch medienwirksame Stunts wie #BerlinträgtKippa an der Lage der Dinge nichts ändern. Womit allein die Hoffnung bleibt, dass auch das beste Deutschland aller Zeiten irgendwann noch besser werden kann.




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“


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