Götze nicht zur WM? Gut so!

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Jogi Löw nimmt einen Helden der Vergangenheit nicht zur WM mit. Seine Entscheidung ist vorbildlich – über den Fußball hinaus. Denn belohnt werden sollen doch besser die Helden der Gegenwart.

Zu den schönsten und ungefährlichsten Alltagsdrogen gehört die 113. Minute des WM-Finales von 2014. Wenn man mal nicht aufstehen mag, alles nervig ist, man eine Steuernachzahlung zu begleichen hat, dann sollte man sich das angucken. Man gewinnt unmittelbar den Eindruck, dass die Dinge ihr Gewicht verlieren: Wie der Ball schwebt, wie der schwebende Götze den Ball anzieht, wie er ihm neuen Schwung gibt, im flachen Bogen aufs Tor schickt  – als sei der Ball ein im All schwebender Luftballon. (Besonders gut ist es, wenn man den Ton ausstellt – sorry Tom Bartels – und dazu den Anfang der Goldberg-Variationen absspielt)

Die Dinge erhalten dann allerdings ihr doppeltes Gewicht, wenn man daran denkt, was folgte: Es ist, als hätte sich – nur für einen Menschen auf der Welt – die Erdanziehungskraft erhöht. Fortan ging Götze mit gesenkten Schultern über das Feld. Bis zu jenem Tiefpunkt abseits des Spielfelds an diesem Montag, die Nichtnominierung zur WM in Russland. Man kann jetzt Mitleid haben, es ungerecht finden. Aber es spricht einiges dafür, dass es richtig ist. Weil Götze nicht mehr gut genug ist. Dass Löws Entscheidung sogar mehr ist: Ein über den Fußball hinausweisendes Beispiel von Fairness.

Vor zwei Jahren stritt sich der Powerschwabe Jürgen Klinsmann mit der amerikanischen Basketball-Legende Kobe Bryant, damals 35. Klinsmann hatte zuvor kritisiert, dass die Los Angeles Lakers dem erlahmten Bryant einen neuen Rekordvertrag gaben mit einem Rekordgehalt von 50 Millionen Dollar für zwei Jahre. „Für was?“, fragte Klinsmann in einem Interview mit der New York Times. „Für das, was er in den kommenden zwei Jahren für die Lakers tun wird? Natürlich nicht. Er bekommt es für das, was er getan hat. Und das ergibt keinen Sinn.“ Einige Leute regten sich danach ziemlich auf. Natürlich Bryant selbst, aber auch der Journalist Michael Wilbon, der Klinsmann dazu aufrief, er solle aus den USA verschwinden. Warum diese Wut?

Ende der Meritokratie

Klinsmann hatte etwas gefordert, was eigentlich logisch erscheint: Dass ein Sportler nach Leistung bezahlt wird. Auf der anderen Seite war es revolutionär. Denn Klinsmann stellte eine Form der Meritokratie in Frage, in der ein jeder belohnt wird für das, was er mal in der Vergangenheit geleistet hat. In der ein Gehalt eher die Funktion eines goldenen Orden übernimmt, eine Auszeichnung ist für geschlagene Schlachten. Und nicht die Schlachten der Gegenwart und der Zukunft entlohnt. Es ist gerecht, dass Götze nicht nominiert wird. Er ist, trotz seiner jungen Jahre, ein Veteran, ein Alter, ein Eingessener mit Orden an der Brust. Ein Kobe Bryant.

Nur Leistungen dürfen zählen, nicht Verdienste. Nur die Gegenwart entscheidet, nicht die Vergangenheit. Wenn man diesen Grundsatz gesellschaftlich zu Ende denkt, über den Sport hinaus, dann ist das übrigens nicht „neoliberal“, wie manche meinen. Nein, im Gegenteil: Es würde die Gesellschaft gerechter machen.

Denn sie sitzen überall, die bräsigen Kobe Bryants. In Unternehmen, Parteien, in Gewerkschaften, Think-Tanks, in Schulen, Universitäten, Redaktionen. Menschen, die ihre Pensionierung ins aktive Berufsleben vorziehen, nicht mehr so richtig arbeiten, obwohl sie es könnten, tagein und tagaus ihre Orden polieren und dafür sehr gutes Geld bekommen. Wer darunter leidet sind die Nachkommenden, die Chancenlosen, die Motivierten, die Jungen. Die oftmals, wenn sie dann einen Job bekommen, über Jahre nur einen Bruchteil der erlahmten Meritokraten verdienen. Man muss sich erst Vergangenheit erarbeiten, für diese komische Leistung werden Menschen belohnt.

Nicht allerdings bei Jogi Löw, da geht es gerechter zu. Gut so.

 


Geht es beim Fußball wirklich nur um Sport? Oder hat eine WM auch immer eine politische, gesellschaftliche und kulturelle Dimension? Sämtliche Beiträge der Salonkolumnisten zur Fußball-WM in Russland finden sich hier.




Felix Dachsel, geboren 1987, hat Islam- und Politikwissenschaft in Freiburg und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Er war Redakteur bei der taz in Berlin und ist seit 2015 Redakteur bei der ZEIT im neuen Ressort „Z“.


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