Timothy Snyder CC BY-SA 4.0

Donald Trump gibt es nicht

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Eine essayistische Zusammenfassung des neuen Buches von Timothy Snyder – „The Road to Unfreedom“ –, das Anfang April 2018 erschienen ist.

Wir machen immer noch den Fehler, von „collusion“ (Zusammenarbeit) zwischen Donald Trump und Putins Russland zu sprechen. „Zusammenarbeit“ setzt voraus, es habe dabei zwei eigenständige Partner gegeben. Das Erste, was man jedoch verstehen muss, ist, dass die Figur „Donald Trump“ – im Sinne von: Donald Trump, der knallharte erfolgreiche Geschäftsmann aus New York – eine Kunstfigur ist. Es hat sie nie gegeben. Donald Trump ist kein Kapitalist, er ist ein Kapitalistendarsteller. Dass er – nach sechsmaligem Bankrott – überhaupt noch fähig war, im Fernsehen den Unternehmer zu mimen, verdankt er den Russen, die ihn finanziell über Wasser hielten, nachdem die amerikanischen Banken ihm kein Geld mehr liehen.

Vor den Wahlen im November 2016 fragten sich die Demokraten verblüfft, wo denn eigentlich der Wahlkampf der Republikaner blieb. Nun, die andere Seite brauchte in Amerika keinen Wahlkampf zu führen; das wurde vom Ausland erledigt – von russischen Bots, von fiktiven Facebookfreunden, die russische Kreationen waren, von „Cambridge Analytica“. Noch gar nicht erwähnt habe ich dabei den Umstand, dass die Kunstfigur „Donald Trump“ – wie mittlerweile jeder weiß – von russischen Agenten wie Paul Manafort, Michael Flynn, Carter Page umringt war.

Übrigens hat die Nachricht, dass Manafort verhaftet wurde, in der Ukraine spontane Demonstrationen der Begeisterung ausgelöst. Und dort fängt die Geschichte eigentlich an: Als das Putin-Regime 2014 seinen Krieg gegen die Ukraine begann, der zum Teil ein Cyberkrieg war, haben wir Amerikaner noch die Achseln gezuckt, als ginge uns die Sache nichts an. Just dieselben Cyberwaffen, die gegen die Ukraine eingesetzt wurden, wurden 2016 gegen uns in Anschlag gebracht. Groß angelegte Desinformation, gezielte Lügenkampagnen, interessante Verschwörungstheorien („Hillary Clinton betreibt einen Pädophilenring aus einer Pizzeria heraus“), Einschüchterungen demokratischer Wahlkampfhelfer per Telefon.

Der russische Computervirus, der 2014 kurzfristig ein Fünftel des Stromnetzes von Kiew ausschaltete, schlummert mittlerweile in unseren Umspannwerken und harrt seiner Aktivierung. „Fake news“ (als Ausdruck für reale Nachrichten) und „Volksfeinde“ (für Journalisten) sind wörtliche Übersetzungen aus dem Russischen. Wer wissen will, was als Nächstes auf Amerika zukommt, muss russische Zeitungen von vor zehn Jahren lesen.

Natürlich bedeutet all dies nicht, dass wir keine Verantwortung trügen: Schließlich haben genug Amerikaner die Kunstfigur Donald Trump gewählt, dass er Präsident werden konnte. Das ist ebenso grotesk, als hätten wir unsere gesammelten Ersparnisse J.R. Ewing – dem Antihelden der legendären Fernsehserie „Dallas“ – anvertraut.

Medikamente, die das Leiden nicht heilen, sondern schlimmer machen

Putins Russland, sagt Timothy Snyder, ist wie ein böser Arzt. Dieser böse Arzt stellt eine Diagnose, die völlig korrekt ist: Er sieht, dass der „amerikanische Traum“ seit ca. dem Ende der Achtzigerjahre nicht mehr funktioniert, dass die soziale Ungleichheit brutal gewachsen ist, dass viele Weiße – in einem Moment, in dem Weiße zur ethnischen Minderheit werden – mit „white angst“ reagieren, dass die Republikanische Partei in einem Prozess der Selbstradikalisierung immer weiter nach rechts gedriftet ist und es auf der Seite der Demokraten (Bernie Sanders) Anfänge zu einer ähnlichen Tendenz gibt.

Der böse Arzt verschreibt lauter Medikamente, die das Leiden nicht heilen, sondern schlimmer machen. Sein Hauptfeind ist eine internationale Ordnung, die auf Gesetzen, nicht auf Gefühlen und dem Recht des Stärkeren beruht. Dazu müssen die EU und die Vereinigten Staaten im Inneren angegriffen werden. (Darum auch die Förderung von Separatisten – sei es der Katalanen, der Schotten, der Texaner oder Kalifornier – in allen Staaten außer dem eigenen.) Ob die Russen sich damit durchsetzen, hängt ganz allein von uns ab.

 

Timothy Snyder:
The Road to Unfreedom.
Tim Duggan Books, 368 Seiten, ca. 16 $.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".