DITIB-Gemeinde in Berlin-Reinickendorf Foto: Ditib Lizenz: Copyright

Von Brandsätzen, Moscheen, Kirchen und Synagogen

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Innerhalb weniger Tage kam es zu mehreren Anschlägen auf Moscheen. So schlimm jeder dieser Angriffe auf die muslimischen Gotteshäuser auch ist, so wenig ist er mit den Attacken auf Synagogen in den vergangenen Jahren zu vergleichen.

Ob Berlin oder Itzehoe – je enger sich der Ring um die kurdische Stadt Afrin schließt, je näher die türkische Armee und ihre islamistischen Verbündeten sich der Stadt nähern, in der Kurden, Jesiden, Christen in Erwartung von Massakern ausharren, Angst haben, bereit sind bis zuletzt zu kämpfen oder nur verzweifelt sind, umso häufiger kommt es auch in Deutschland zu Anschlägen gegen türkische Einrichtungen. Wer sie verübt hat, weiß bislang niemand. Der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, ist wegen der Taten entsetzt: „Wer auch immer hinter diesen Anschlägen und Gewaltaufforderungen steht, ob PKK-nahe Kreise oder der türkische Geheimdienst MIT, diese Form der menschenverachtenden Gewalt ist mit nichts zu rechtfertigen!“

Wenn allerdings Malte Lehming im Tagesspiegel fragt, wo der Aufschrei bleibt und die Moscheen, auf welche die Anschläge verübt wurden, mit Synagogen und christlichen Kirchen  gleichsetzt, irrt er. Die Synagogen in Deutschland gehören jüdischen Gemeinden, die sich im Zentralrat der Juden in Deutschland zusammen geschlossen haben. Die evangelischen Kirchen gehören ihre Gemeinden, die sich in den verschiedenen protestantischen Verbänden zusammen geschlossen haben, die katholische Kirche unterstehen dem Papst in Rom. Was Synagogen und Kirchen gemeinsam haben, ist ihre politische Unabhängigkeit: Was in den Synagogen gesagt wird, wird nicht vom israelischen Staat entschieden. In katholischen Kirchen entscheidet am Ende des Tages der Papst, aber sein Staat hat mit 1000 Einwohnern weniger Bürger als die meisten Tischtennisvereine Mitglieder haben.

Bei den von Anschlägen betroffenen Moscheen ist das anders: Ob sie, wie die Berliner Koca-Sinan-Camii-Moschee von dem direkt dem türkischen Staat unterstehendem Verband Ditib oder, wie in Itzehoe, vom Türkisch-Islamischen Kulturverein betrieben werden – es sind keine unabhängigen Einrichtungen von Muslimen in Deutschland, sondern Institutionen, die mehr oder weniger eng mit dem türkischen Staat verbandelt sind und ihre Richtlinien aus Ankara empfangen. Das ist alles kein Grund, einen Aufschrei zu unterlassen oder eine klammheimliche Freude ob der Anschläge zu empfinden, aber ein Unterschied zu den Synagogen ist es allemal: Wer diese Moscheen angreift, greift die Gläubigen und den türkischen Staat an. Wer Synagogen angreift, greift nicht Israel an, sondern nimmt höchstens die israelischen Politik zum Anlass, seinen Antisemitismus auszuleben und Einrichtungen zu bekämpfen, die mit dem Staat Israel nichts zu tun haben.

Die augenblickliche Welle an Anschlägen gegen Moscheen ist ebenso schändlich wie sie durch nichts zu rechtfertigen ist – dasselbe wie Anschläge auf Synagogen ist sie deshalb trotzdem nicht.




Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.