Safe-Space-Wand, die auch dem ASTA der ASH gefallen dürfte. Pixabay

Hochgradig antifeministisch

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Die Gedicht-Zensorinnen der Alice-Salomon-Hochschule zwingen ihre Opferattitüde anderen auf – in diesem Fall allen Betrachtern der Hauswand mit Eugen Gomringers Lyrik. Der moderne Feminismus sitzt – wieder mal – einem gefährlichen Irrtum auf: Die Gesellschaft lässt sich nicht zu einem Safe Space machen.

An der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin steht in riesigen Lettern ein Gedicht des Schweizer Dichters Eugen Gomringer. Es gilt als herausragendes Beispiel für moderne Lyrik, denn es besteht nur aus drei Wörtern: Avenidas, Flores, Mujeres, un Admirador. Alleen, Blumen, Frauen, ein Bewunderer.

Am Dienstag hat der Senat der Hochschule beschlossen, dass das Gedicht übermalt werden muss. Der Grund: Einige Studentinnen fühlen sich von dem Gedicht verletzt. Das Gedicht produziere „nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind“, schrieb der Asta der ASH 2016 in einer Stellungnahme.

In einem zumindest haben die Studentinnen Recht: Natürlich degradiert Eugen Gomringer Frauen zu Lustobjekten. Und natürlich haben solche Objektivierungen auch etwas mit Macht zu tun. Die Frage ist aber doch eher, wie wir damit umgehen. Wollen wir in Zukunft jedes Anzeichen von Überlegenheit, jede Vergegenständlichung der Frau aus Kultur und Literatur herausstreichen? Dann müssten wir aber auch Goethe, Schiller, Thomas Mann, Hitchcock, Tarantino und Netflix zensieren, denn auch hier werden Frauen als Musen dargestellt, auch hier regiert eine „klassisch patriarchale Kunsttradition“.

Akademisches Phänomen

Hinter dem Verhalten der Studentinnen der Alice-Salomon-Hochschule steckt ein Phänomen, das sich im akademischen Umfeld gerade zum Trend entwickelt: Das „Snowflake-Syndrom“ beschreibt junge Akademiker, die immer sensibler werden. Die Konsequenz: Vor allem Frauen sind emotional und psychisch derart verletzbar, dass sie Regeln und Verbote erstellen, um sich zu schützen.

So wurde vergangenes Jahr bei einer Hörsaalbesetzung von studentischen Aktivisten der FU Berlin ein Safe Space errichtet: Weil sich manche Studenten von ablehnenden Gesten wie Kopfschütteln und Stirnrunzeln diskriminiert fühlen könnten, sollten die negativen Gebärden durch andere Handbewegungen ersetzt werden. Ein paar Monate zuvor sinnierte ein ganzes Institut darüber, wie man das „Redeverhalten von dominanten Männern bremsen“ könne. Der Grund: Die Studentinnen könnten sich im Seminar nicht selbst gegen die tonangebende Attitüde der männlichen „Vielredner“ wehren.

Sowohl die Safe-Space-Studentinnen der FU Berlin, als auch die Gedicht-Zensorinnen der AHS eint ein gemeinsamer Irrtum: Sie verstehen sich als die Avantgarde der modernen Frauenemanzipation, verhalten sich aber in Wirklichkeit hochgradig antifeministisch. Denn wie soll eine Frau, die sich von einem Stück moderner Lyrik, einem „dominanten Redeverhalten“, einem Stirnrunzeln verletzt fühlt – wie soll sich eine solche Frau in einer Harvey-Weinstein-Gesellschaft behaupten?

Wer ist hier machtgeil?

Auch der Duktus der Feministinnen ist fatal: Anstatt sich gegenseitig zu empowern, führt man Verbote ein und zwängt die eigene Opferattitüde anderen Menschen – im Falle der ASH allen Betrachtern der Hauswand – auf. Immer noch soll es dabei um Macht gehen. Aber wer bestimmt eigentlich, ab wann sich eine Frau belästigt fühlt? Wer ist hier eigentlich machtgeil?

Und hier kommen wir zum zweiten, dem gefährlichsten Denkfehler des akademischen Feminismus: Er glaubt Macht zu beseitigen, verhält sich dabei aber totalitärer als ein sozialistisches Regime. Das sieht man nicht nur an der Zensur der ASH. So beschreibt die Geschlechterforscherin Patsy L’Amour Lalove in ihrem Sammelband „Beißreflexe“ wie sich manche Queerfeministinnen in ihrer herrschaftsfreien Community gegenseitig die Dreadlocks abschneiden und sich modische Accessoires verbieten. Ein anonymer Autor erzählt dort, wie er während eines queerfeministischen „Theorie-Camps“ von dem „Awareness-Team“ psychisch fertiggemacht und letztendlich vom Camp geschmissen wurde. Der Auslöser: Er hat sich über zu laute Musik beschwert.

Nochmal: Es ist der gefährlichste Irrtum des modernen Feminismus, dass man die Gesellschaft in einen riesigen Safe Space verwandeln kann. Macht ist überall. Sie wird nicht vor einem „guten Willen“ und schon gar nicht vor der Forderung nach Gleichheit haltmachen.




Judith Sevinç Basad studierte in Stuttgart und Berlin Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literatur. Sie schreibt für Tagesspiegel Causa, WELT und FAZ über Feminismus, den Islam und Antisemitismus. In der Initiative „Liberaler Feminismus“ setzt sie sich für einen freiheitlichen Feminismus ohne Sprechverbote ein. Sie arbeitet für die von Seyran Ateş gegründete Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin-Moabit, die einen liberalen und geschlechtergerechten Islam praktiziert.