Die grüne Ideologie ist – wie alle Ideologien – gefräßig. Norbert Nagel

Leichen im grünen Keller

Nach dem katastrophalen Hochhausbrand in London stellt fast niemand die Wärmedämmung in Frage. Warum fürchten sich die Menschen lieber vor Atomkraft, Gentechnik und Klimaerwärmung?

79 Menschen starben beim Hochhausbrand in London. Normalerweise wird nach Katastrophen solchen Ausmaßes alles in Frage gestellt, was auch nur im Entferntesten dazu beigetragen haben könnte. Zur Recht wurde sofort angeprangert, dass die Dämmstoffe auf der Fassade aus leicht entflammbaren Material waren. Doch kaum ein Journalist oder Politiker stellte es grundsätzlich in Frage, Wohnhäuser mit dicken Kunststoffplatten zu ummantelt. Denn die Dämmung dient dem Klimaschutz. Und Klimaschutz ist gut, so hat es der Zeitgeist beschlossen.

Wer den Geist einer Zeit erkennen will, sollte nach den Dingen suchen, über die nicht gesprochen wird. Die Bürger des antiken Griechenlands regten sich nicht über Sklaverei auf. Lange galt es als selbstverständlich und kein Thema, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde industrielle Umweltverschmutzung als Zeichen des Fortschritts und wachsenden Wohlstandes gewertet. Ihre Nicht-Themen kennzeichnen den Geisteszustand einer Gesellschaft treffender als die Schlagzeilen der Zeitungen.

Besondere deutlich wird das beim Blick auf die Opfer, die man für unvermeidlich und hinnehmbar hält. Dass etwa die Hälfte der Kinder stirbt, die eine Frau zur Welt bringt, war die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte nichts Besonderes. Der Kindstod wurde zwar betrauert, jedoch als normales  Schicksal hingenommenen. Die Massenmotorisierung der 50er- und 60er-Jahre führte dazu, dass man sich sehr schnell an Tausende Tote im Straßenverkehr gewöhnte.

Grüne Industrie ist sakrosankt

Heute ist die öffentliche Wahrnehmung auffallend unsensibel, wenn grüne Technologien sich als lebensgefährlich erweisen. Dann schweigen Journalisten, keine Talkshow macht ein Thema daraus und keine Aktivistengruppe protestiert. Niemand kommt auf die Idee, grüne Industrien grundsätzlich in Frage zu stellen, wie es bei Chemie, Pharmazie und anderen Branchen nach jedem Skandal üblich ist.

Kein Mensch ist in Deutschland bislang durch Atomenergie oder Pflanzengentechnik ums Leben gekommen. Für Pflanzengentechnik gilt „Null Tote“ sogar weltweit. Ob es Klimatote gibt, ist umstritten. Schaut man sich die behaupteten Klimaopfer an, so liegen die Ursachen doch eher in Armut, technologischer und ökonomischer Rückständigkeit. Und noch immer gibt es in Europa viel mehr Kältetote als Hitzetote.

Dennoch stehen im Zentrum grüner Politik der Schutz vor Klimaerwärmung, Kernkraft und Gentechnik. Regierung und Opposition beteuern, die Deutschen davor zu bewahren. Und die Mehrheit findet das gut. Getrieben von den Grünen und ihren außerparlamentarischen Lobbyverbänden haben CDU, SPD, Die Linke, AfD, Konzerne, Banken, Kirchen, Medien, Kulturbetrieb und die meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen die Angstszenarien nach und nach kritiklos übernommen.

Es sterben echte Menschen

Dummerweise werden gleichzeitig andere Gefahren ausgeblendet, die hier und heute Menschen das Leben kosten – echten Menschen, nicht solchen, die nur in Szenarien existieren. Beispiel Bio-Landbau: Als 2011 in Deutschland 4000 Menschen an EHEC-Bakterien erkrankten, 855 dadurch unter lebensgefährlichen Nierenfunktionsstörungen litten und 53 starben, kamen keinerlei Zweifel an der Bio-Landwirtschaft auf. Obwohl Bio-Salatsprossen die Ursache dieser schlimmsten Lebensmittelkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik waren.

Das Thema des Jahres war stattdessen die durch einen Tsunami ausgelöste Havarie der Atomkraftwerke im japanischen Fukushima. Durch die austretende Radioaktivität starb kein einziger Mensch, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) später feststellte. Das hinderte manche Journalisten und Politiker nicht daran, die 18.500 Tsunami-Opfer dem Kernkraftwerk unterzujubeln. Gibt es keine Atomtoten, werden sie herbei phantasiert.

Die vergleichende Statistik (siehe Grafik) zeigt, dass durch Atomkraftwerke weniger Menschen sterben, als durch die meisten anderen Formen der Stromerzeugung. Selbst Biogas fordert mehr Opfer. Dennoch gehört Biogas zu den bevorzugten grünen Energien. Beim Füllen und Warten von Biogasanlagen kamen in Deutschland bereits über ein Dutzend Menschen ums Leben. Niemand regt sich darüber auf, niemand protestiert. Über Biogas-Unfälle wird nur regional berichtet. Man stelle sich die Reaktionen vor, wenn es ein Dutzend Strahlentote in einem deutschen Kernkraftwerk gäbe. Politiker kümmern sich lieber um populäre Ängste statt um reale Gefahren. Wer liest schon Statistiken?

Tote pro Terawattstunde und Energiequelle Baubau123

Auch Windräder töten nicht nur Zigtausenden Vögel und Fledermäuse, sie schädigen auch Menschen. Der Abbau und die Verarbeitung der Seltenen Erde Neodym, die beim Bau der Rotoren verwendet wird, ist eine hochgiftige Angelegenheit. Die Umgebung der Fabriken, die Neodym vom Erz trennen, sei verseucht, wird aus aus China berichtet. Die Gewässer seien vergiftet und viele Menschen erkranken.

Die meisten Opfer grüner Ideologie starben in tropischen Ländern. Weit weg vom Manufactum-Wohnzimmer im schönen deutschen Altbau. In den 80er und 90er-Jahren führten grüne Aktivisten aus Europa und Nordamerika einen globalen Feldzug gegen das Insektizid DDT. Aus nachvollziehbaren Gründen: Das Gift hatte durch übermäßigen Einsatz in der Landwirtschaft Vogelsterben verursacht. Man hätte es jedoch weiterhin in Dörfern einsetzen können, um Malariamücken abzutöten, ohne Vögel zu gefährden. Anti-DDT-Lobbyisten bestanden jedoch auf ein Totalverbot. Die meisten Entwicklungsländer gaben nach und setzten den Stoff nicht mehr ein, um Malaria zu bekämpfen. Die Zahl der Fiebertoten schnellte hoch auf über 830.000 im Jahr 2000. Durch neue Präventionsmaßnahmen wurde sie seither glücklicherweise halbiert.

Im Jahr 2001 drangen Nachrichten nach Europa, mit welchen Methoden der internationale Emissionshandel zur Rettung des Klimas in manchen Entwicklungsländern durchgesetzt wird. In Uganda und Honduras wurden Tausende Menschen aus ihren Dörfern vertrieben, einige auch ermordet, weil auf ihrem Ackerland Bäume gepflanzt werden sollten. Als Ausgleichsmaßnahme für Kohlendioxid-Emissionen in Europa. Seit in der EU Kohlendioxid-Zertifikate einführte, strömen Vertreter von Handelshäusern hinaus in alle Welt, um passende Klimaschutzprojekte zu finden. Nicht immer interessierten sie sich für die Nebenwirkungen ihrer Projekte.

Die Masern sind wieder da

Dass die Regierung Sambias im Jahr 2002 keine amerikanischen Mais-Hilfslieferungen an ihre hungernde Bevölkerung verteilte, weil US-Mais gentechnisch verändert war, wurde ebenfalls aus der grünen Bewegung Europas und Nordamerikas ermuntert und unterstützt. Längst ist vergessen, dass Joschka Fischer in den 80er-Jahren als hessischer Umweltminister, die Produktion eines besser verträglichen Insulins für Diabetiker verhinderte, weil es gentechnisch hergestellt wurde.

Mittlerweile sterben auch in Europa wieder Kinder an Masern, eine Virusinfektion, die als nahezu besiegt galt. Die WHO kritisierte die Impffeindlichkeit, die besonders in Deutschland um sich greift. Weder die Grünen noch Greenpeace machen Propaganda gegen das Impfen. Doch zum Milieu, das die grüne Weltanschauung vor sich her trägt, gehören auch Homöopathie-Anhänger, Anthroposophen und andere Esoteriker, die Impfungen und oft auch die gesamte wissenschaftliche Medizin verdammen. Sich offen gegen dieses Bionade-Bürgertum zu stellen, wäre für Greenpeace-Funktionäre und grüne Politiker nicht opportun.

Die Opfer grüner Gesinnung sind Tote zweiter Klasse, niemand will von ihnen wissen. Journalisten, die sich mit der Bezeichnung „investigativ“ schmücken, lassen den Skandal links liegen. Offenbar gibt es einen starken Wunsch, die leuchtende Gesinnung von der weniger edlen Realität abzuschirmen.

Der unbefleckte Ökologismus

Seltsam: Alle anderen Ideologien haben ihre Unschuld längst eingebüßt. Wer sich heute noch Kommunist nennt, kann sich nicht mehr an den Massenmorden Stalins und Maos vorbeimogeln. Meldet sich ein Katholik zu Wort, muss er damit rechnen, dass ihn jemand an Inquisition und Hexenverfolgung erinnert. Deutsche Konservative leiden bis heute an der Schande, Hitler zur Macht verholfen zu haben. Und Sozialdemokraten schütten immer noch Asche auf ihr Haupt, weil SPD-Abgeordnete einst für Kaiser Wilhelms Kriegskredite stimmten. Es gibt keine idealistische Unschuld im politischen Raum. Alle haben Leichen im Keller, und alle Keller werden hin und wieder mit den Scheinwerfern der Medien ausgeleuchtet. Nur eine Ideologie hat es es geschafft, im Status moralisch unbefleckter Reinheit zu verbleiben: der Ökologismus. Niemand interessiert sich für Öko-Opfer.

Einige Strömungen innerhalb der grünen Weltbewegung argumentieren sogar bewusst und offen anti-menschlich. Zum Beispiel Vertreter der so genannten Tiefenökologie, eine philosophische Strömung, die auf den verstorbenen norwegischen Philosophen Arne Naess zurückgeht. Tiefenökologen fordern eine drastische Verminderung der Weltbevölkerung, die durch strenge Gesetze zur Empfängnisverhütung erreicht werden soll. Manche bekennen, dass sie für Aids und andere Seuchen Sympathie empfinden, weil sie Zahl der Menschen verringern. „Es kann sehr wohl unserer Ausrottung bedürfen, um die Dinge ins Lot zu bringen“, sagte David Foreman, einst Mitbegründer der militanten amerikanischen Tiefenökologie-Gruppe „Earth First“. Doch nicht nur unter Sektierern sondern auch im Hauptstrom des grünen Denkens wird die Menschheit als eine Art Krebserkrankung des Planeten Erde betrachtet. „Offen gesagt“, erklärte Maurice Strong, „wir könnten zu dem Punkt gelangen, wo der einzige Weg, die Erde zu retten, der Kollaps der industriellen Zivilisation wäre.“ Strong war kein grüner Außenseiter, sondern der erste Chef des UN-Umweltprogramms UNEP und Organisator des historischen Gipfeltreffens von Rio, der ersten internationalen Klimakonferenzen.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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