Frisch aufgeblubbert! Ein Kaffeekränzchen unter Spießern. Bundesarchiv

Mehr Spaltung bitte!

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Krawalle rechter und linker Radikalinskis, Wutbürger, Pöbel-Talkshows, aufgeregte Feuilletondebatten: Leben wir in einem gespaltenen Land? Im Gegenteil: In Deutschland geht es viel zu harmonisch zu.

Häufig wird in letzter Zeit beklagt, dass die Flüchtlingsfrage die Gesellschaft spalte. Die einen sehen nur arme verfolgte Opfer, die anderen kriminelle Banden und Terroristen. Weil der Konflikt um diese Frage so kompromisslos wirkt, gerät in den Hintergrund, dass Deutschland nach wie vor ein Land des ganz großen Konsenses ist. Ein öko-konservativ-protestantisches Weltbild gehört zur Nationalkultur. Die bürgerliche Mehrheit hat es kritiklos verinnerlicht und ist sich darin so einig wie die Bundesversammlung bei der jüngsten Präsidentenwahl.

Deshalb frage ich mich, ob man nicht eher den Konsens als den Dissens bedauern sollte. Eine harte kontroverse Debatte, wie in der Flüchtlingsfrage, würde bei anderen Themen möglicherweise der Wahrheitsfindung gut tun.

Unentwegtes Geblubber

Zur Veranschaulichung habe ich einmal eine kleine Liste von Sätzen aufgeschrieben, welche in fast jeder beliebigen deutschen Runde gesagt werden können – ohne dass mit ernsthaftem Widerspruch zu rechen ist. Sätze, zu denen die meisten Grünwähler ebenso nicken, wie AfD-Anhänger, CSU-Mitglieder oder Sozialdemokraten. Man kennt sie aus Talkshows und Bierzelten, von Kirchentagen und Vernissagen. Sie sind Teil des des unentwegten Geblubbers, an dem jeder teilhaben kann:

  • „Früher war mehr Gemeinschaft.“
  • „Die Leute denken doch nur noch ans Geld.“
  • „In der DDR war nicht alles schlecht.“
  • „Neoliberalismus und Turbokapitalismus beherrschen alles und machen alles kaputt.“
  • „Freihandel ist ein neoliberales Konzept, das nur amerikanischen Großkonzernen nützt.“
  • „Wir sind doch nur der Zahlmeister der EU.“
  • „Was hat denn der ganze Wohlstand gebracht? Jeder denkt nur an sich und alle fühlen sich gehetzt.“
  • „Wirtschaft muss nachhaltig sein.“
  • „Wir werden von den Amis wie eine Kolonie behandelt. NSA, CIA und Mossad haben unsere Regierung in der Hand.“
  • „Ob das mit dem 11. September wirklich so war, wie wir erzählt bekommen? Darüber gibt es auch ganz andere Ansichten.“
  • „Bio-Essen ist gesünder und ist besser für die Umwelt.“
  • „Bio schmeckt einfach besser.“
  • „Ich würde gern viel mehr Geld für Fleisch bezahlen, wenn die Massentierhaltung abgeschafft wird.“
  • „Man kann es noch nicht ganz genau erklären, aber an Homöopathie ist was dran. Meiner Cousine hat es geholfen.“
  • „Diese kalte Apparatemedizin steht doch im Dienst der Pharma-Lobby.“
  • „Was natürlich ist, ist immer gut. Wir sollten uns die Natur zum Vorbild nehmen.“
  • „Wenn wir so weitermachen, zerstören wir den Planeten.“
  • „Die Klimakatastrophe kommt, das ist bewiesen. Wer das in Frage stellt ist ein bezahlter Agent der Öl- und Kohlelobby.“
  • „Die Winter sind nicht mehr so, wie sie waren.“
  • „Die Sommer sind nicht mehr so wie sie waren.“
  • „Deutschland macht die beste Umweltpolitik der Welt und alle anderen bewundern uns dafür.“
  • „Die Energiewende ist weltweit vorbildlich. Deutschland schreitet voran, die anderen folgen.“
  • „Durch Atomkraftwerke sind Millionen Menschen ums Leben gekommen.“
  • „Gentechnik ist eine teuflische Technologie, die Menschen vergiftet und die Umwelt zerstört.“
  • „An den Kriegen in der Welt ist der Westen schuld, weil er seinen Lebensstil den anderen aufzwingen will.“
  • „Es gab noch nie soviel Armut auf der Welt.“
  • „Man sollte mehr Verständnis für Putin haben. Die Russen fühlen sich vom Westen an die Wand gedrückt.“
  • „Ohne Israel wäre Frieden im Nahen Osten.“

So reden die Diederich Heßlings unserer Zeit. Früher musste man sich noch entscheiden: Systemopposition oder Bausparvertrag. Heute geht beides zusammen und bringt einen Typus hervor, der larmoyante Unzufriedenheit und rebellische Rhetorik mit Risikoscheu, Bequemlichkeit und dem Streben nach Geld und Status verbindet. Diese neue Spießerkultur wähnt sich nonkonformistisch. Jeder möchte, dass sich alles radikal ändert  – abgesehen von den eigenen Privilegien versteht sich.


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Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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