Mein Book of Kells – Folge 18

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat – 3. März 2020

Im alten FAZ-Magazin gab es einen Fragebogen, den Personen des öffentlichen Lebens ausfüllten. Es wurde nach den Persönlichkeitseigenschaften gefragt, nach dem Lieblingskomponisten, der eigenen Vorstellung vom Glück usw. Die aufschlussreichste Frage lautete: „Was ist Ihr größter Fehler?“ Es war sinnvoll, die Antwort auf diese Frage zuerst zu lesen. Lautete sie „Ungeduld“, konnte man sich die weitere Lektüre sparen, denn man konnte sicher sein, es mit einer unehrlichen Person zu tun zu haben.

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Ökonomen verweisen darauf, dass eine der wichtigsten Ursachen der Bankenkrise vor einem Jahrzehnt das Auseinanderdriften von Risikoentscheidung und Haftung gewesen sei. Bankmanager konnten die phantastischsten Summen verwetten, ohne Gefahr zu laufen, für die Folgen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Was bedeutet es für die Demokratie, wenn das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt wird und das Jugendstrafrecht weiterhin bis zum 18., teilweise bis zum 21. Lebensjahr gilt?

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Es ist eigentlich kein Wunder, dass der Liberalismus einen schweren Stand hat, denn er ist die einzige politische Weltanschauung, die den Wählern keine gebratenen Gänse verspricht, sondern nur das Recht, sich abzumühen, damit sie sich mit dem verdienten Geld – vielleicht – eine Gans kaufen und selbst braten können.

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Kleines Hilfsmittel zur Einordnung von Sachbuchverlagen: Einem Verlag ist umso mehr zu misstrauen, je häufiger in seinen Titeln die Begriffe „geheim“, „verboten“ oder „ganzheitlich“ vorkommen.

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Ein fast sicheres Zeichen für unseriöse Buchpublikationen ist außerdem die Nennung des Doktortitels des Autors auf der Titelseite (Ausnahme: Medizinische Fachpublikationen).

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„Womit wollen Sie jetzt punkten?“ Eine höchst ärgerliche und entlarvende Journalistenfrage an Politiker. Sie zeigt, dass sich der Fragende nicht für Inhalte, sondern allein für Taktik interessiert. Die einzig richtige Antwort lautet: „Mit dem, was ich für richtig halte.“

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Der Kolumnist Harald Martenstein schrieb einmal, sozialistische Parteien seien schicksalhaft dazu verdammt, stets das Gegenteil dessen zu bewirken, was sie erreichen wollen. Kann es sein, dass das auch für Grüne gilt? Mit größtem propagandistischem Aufwand haben sie es geschafft, dass die Atomkraftwerke im Land abgeschaltet werden, und wundern sich dann über den erhöhten Verbrauch von Kohle. Sie haben bewirkt, dass das Land mit Wäldern von Windmühlen überzogen wird, die sich nun als effektive Vogel- und Fledermausschredder erweisen. Sie setzen die staatliche Subventionierung von Biokraftstoffen durch mit katastrophalen Folgen für die Artenvielfalt auf deutschen Ackerflächen und in tropischen Ländern, in denen Urwälder für Palmölplantagen gerodet werden. Nun die Verteufelung der sparsamen Dieselmotoren zugunsten von Elektroautos mit ihren ineffizienten und giftigen Batterien. Es graut einem bei dem Gedanken, auf welchem Gebiet sie die Welt als nächstes retten wollen.

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Eines Tages um das Jahr 2000 herum blieb Elisabeth Noelle-Neumann, rund 85 Jahre vorher in Berlin geboren, unvermittelt auf dem Kurfürstendamm stehen, schaute sich langsam um und sagte dann: „Das ist jetzt nicht mehr mein Berlin.“ Das war nicht das übliche Genörgel alter Menschen nach dem Muster: „Früher war alles besser“, sondern eine nicht wertende, traurige Tatsachenfeststellung: Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern mindestens ebenso sehr eine Zeit.

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Eine Journalistin veröffentlicht das Porträt eines französischen Intellektuellen, der in verschwurbelten Texten totalitäres Gedankengut ausbreitet, bei dem man – für die französische Geistesgeschichte nicht ganz untypisch – nicht recht entscheiden kann, ob es links- oder rechtsradikal ist. Er antwortet ihr in einem Leserbrief, ihr Text sei von „einer so hochtrabenden Dummheit, dass es komisch wird“. Offenbar seien die in seinen Büchern behandelten Themen ein bisschen zu kompliziert für sie. Tatsächlich zeigt die Reaktion höchstwahrscheinlich das Gegenteil. Sie wäre weniger aggressiv ausgefallen, wenn der Autor nicht verstanden worden wäre.

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Immer, wenn man glaubt, man kenne alle Tricks, mit denen Demagogen versuchen, dem Publikum den Kopf zu verdrehen, hört man etwas, was einem erneut den Atem verschlägt: In der Radioberichterstattung zum Ende der DDR vor rund 30 Jahren kam neulich ein Künstler zu Wort, der darauf verwies, dass die DDR einen Teil des Baumaterials für die Grenzbefestigungen im Westen eingekauft hatte. Er schloss daraus, dass die Mauertoten Opfer des „Kapitalismus“ gewesen seien. Der Reporter hielt es nicht für nötig, an dieser Stelle eine Nachfrage zu stellen.

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In Wahlkämpfen und anderen politischen Auseinandersetzungen sind viele Journalisten und Politiker intensiv damit beschäftigt, von anderen Entschuldigungen für irgendetwas zu fordern. Das ist eine besonders unanständige Form des politischen Kampfes. Wer jemanden auffordert, sich zu entschuldigen, will diesen erniedrigen, indem er versucht, ihm die Chance zu nehmen, den Grund der Entschuldigungsforderung zu bestreiten. Die Verfehlung wird als gegeben vorausgesetzt, das Opfer nur noch vor die Wahl gestellt, sich dem selbsternannten Richter zu beugen oder nicht. In beiden Fällen wird eine gut vorbereitete Empörungswelle auf ihn niedergehen. Es ist schon hässlich, wenn sich Politiker dieses rhetorischen Tiefschlags bedienen. Journalisten steht er schon gar nicht zu.

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Ein schauderhaftes Erlebnis, am Fastnachtswochenende vom Radiowecker mit der Übertragung einer Karnevalssitzung aus dem Schlaf gerissen zu werden: Der Redner rief schmetternd in den Saal: „Jeder Jeck ist anders. Seid ihr alle tolerant?!“ Brav antwortete das Publikum im Chor: „Jaah!“ Daraufhin gab der Redner die Parole aus: „Bleibt so!“. Wehe dem, der nicht „tolerant“ ist.



Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.