Mein Book of Kells – Folge 19

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat – 28. Oktober 2020

In den Nachrufen auf den plötzlich gestorbenen Vizepräsidenten des Bundestags Thomas Oppermann kann man auffallend oft lesen, er sei ein „überzeugter Demokrat“ gewesen. Das ist für einen langjährigen Parlamentarier ein seltsam defensiver, eigentlich ärgerlicher Ehrentitel. Man kann sicherlich mit Fug und Recht sagen, dass Oppermann dem Land große Dienste erwiesen hat. Auch, dass er ein engagierter und oft erfolgreicher Kämpfer für sozialdemokratische Werte und Ziele war, ja auch für allgemein demokratische Werte und Ziele. Doch dass er ein überzeugter Demokrat war, ist kein Verdienst, sondern für einen führenden Vertreter einer demokratischen Partei eine Selbstverständlichkeit. Die Zuschreibung deutet auf einen befremdlichen Mangel an Selbstbewusstsein bei den Vertretern des Staates hin. Und sie beleidigt zwar nicht Oppermann selbst, aber seine Partei.

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Ein Bekannter, der in den 90er Jahren im Kanzleramt gearbeitet hat, schickt mir die Kopie einer Pressemitteilung des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 1995, die er beim Aufräumen in seiner Wohnung gefunden hat. Die Pressemitteilung war anscheinend direkt an Bundeskanzler Kohl gegangen, der hatte sie an meinen Bekannten weitergeleitet. Sie befasste sich mit der Akzeptanz von Darwins Theorie, wonach der Mensch und die Menschenaffen gemeinsame Vorfahren haben. Die Überschrift lautete: „Mensch und Affe. Das Verwandtschaftsgefühl wächst.“ Kohl hatte daneben geschrieben: „Dies fühle ich auch täglich!!“

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Auf dem Höhepunkt der ersten Welle der Corona-Krise rief die Bundeskanzlerin bei einer Feuerwache in Mecklenburg an, um sich bei den Feuerwehrleuten für ihre Arbeit zu bedanken. Als der Brandmeister die Stimme der der Kanzlerin hörte, legte er kommentarlos den Hörer auf. Er erklärte später, er habe an den Scherz eines Radiosenders geglaubt und keine Lust gehabt, sich in der Öffentlichkeit zum Gespött zu machen. Diese kleine Geschichte ist aufschlussreich: Früher waren die meisten Menschen erfreut, wenn sich bei ihnen der Rundfunk meldete, gaben gerne Auskunft und fragten dann aufgeregt, wann und wo denn das Gespräch gesendet werde. Heute verweigern sie den Kontakt, weil sie mit Recht erwarten können, dass man sich beim Sender nicht für ihre Meinung interessiert, sondern sich nur auf ihre Kosten lustig machen will.

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Ende März schrieb Michael Miersch in den SALONKOLUMNISTEN: „Ein Land, das sich angesichts einer tödlichen Pandemie Sorgen um die Spargelernte macht, wird nicht untergehen.“ Er hat höchstwahrscheinlich vollkommen Recht. Dennoch sollte man aber auch die zweite Deutungsmöglichkeit der Situation nicht ganz aus den Augen verlieren: Ein Land, das sich angesichts einer tödlichen Pandemie Sorgen um die Spargelernte macht, ist verloren.

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„Nichts wird mehr so sein, wie vorher.“ Wenn man dies liest, kann man sicher sein, dass nach einigen Monaten, wenn nicht alles, so aber doch fast alles wieder so sein wird, wie vorher.

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Seltsam, wenn auch nicht überraschend, ist die aus vielen intellektuellen Kommentaren herauszulesende, beinahe flehentliche Hoffnung, die Corona-Krise könne das Ende des „Kapitalismus“ – gemeint ist eine freie, auf Privatinitiative und -eigentum gegründete Wirtschaft – bedeuten. Warum empfinden die Kommentatoren dies als Verheißung? Haben sie ein Interesse daran, die durch die Epidemie ausgelöste Wirtschaftskrise nach deren Abklingen zu einem Dauerzustand werden zu lassen?

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Im Frühjahr häuften sich die Nachrichten, wonach sich die Tiere in den Zoos langweilten, weil die Besucher ausblieben. Das bestätigt meinen seit langer Zeit gehegten Verdacht, dass ungeklärt ist, wer im Zoo eigentlich wen besichtigt. Ich denke an einen Schimpansen im Straubinger Tierpark, der offensichtlich ein alter Profi im Showbusiness war. Er stand ganz gelassen auf einer kleinen Insel in einem Teich, den man in seinem Gehege angelegt hatte. Dutzende Zuschauer starrten ihn an, er starrte zurück. Dann hüpfte er, sichtlich gelangweilt, dreimal kurz in die Höhe. Sofort quietschte und jubelte das Publikum und nahm hektisch Fotos auf. Daraufhin spendete der Affe einen langsamen, kurzen Applaus.

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Mein Vater sagte zu meiner Schwester, es sei sinnlos, nach dem großen Glück zu streben. Vielmehr komme es darauf an, das große Unglück zu verhindern. Ich glaube, er hatte Recht, und ich glaube, dass man noch einen gedanklichen Schritt weiter gegen muss: Es ist nicht nur sinnlos, sondern fatal, nach dem großen Glück streben. Denn wer dies tut, wird fast sicher unglücklich enden.

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Noch einmal zu meinem Vater. Als er vor einigen Monaten starb, fiel mir im Rückblick ein, dass es bei Familienfeiern oder anderen Zusammenkünften mit einer größeren Zahl von Menschen immer wieder dieselbe Situation gab: Es waren 40, 50 Personen im Raum und eine Katze. Man konnte sich darauf verlassen, dass es mein Vater war, dem die Katze auf den Schoß springen würde. Ich habe das nach seinem Tod verschiedenen Menschen erzählt, und sie alle haben mit Lobpreisungen seiner Tierliebe reagiert. Doch damit hatten sie, glaube ich, nicht verstanden, was man aus dieser Geschichte lernen kann. Es gibt viele sehr tierliebe Menschen, denen die Katze nie auf den Schoß springen würde. Für mich geht es nicht um Tierliebe, sondern um das Urteilsvermögen der Katze. Derjenige, den die Katzen immer wieder zuverlässig unter Dutzenden anderen aussuchen und ihm ihr Vertrauen schenken, kann kein schlechter Mensch sein.

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Als es noch gedruckte Lexika gab, warb der damalige Außenminister Joschka Fischer für die Brockhaus-Enzyklopädie mit dem Slogan „Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Meinung.“ Nach meinem Eindruck ist das das Gegenteil der Wahrheit: Je weniger Ahnung jemand über einen Gegenstand hat, desto fester ist seine Meinung darüber.




Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.