Mein Book of Kells – Folge 20

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat . 3. Dezember 2020

Ein Freund macht mich darauf aufmerksam, dass ein Eintrag in der letzten Folge des „Books of Kells“ missverständlich war. Meine Bemerkung, dass es fatal wäre, nach dem großen Glück zu suchen, bezog sich auf die Neigung vieler Menschen, ihr privates Leben krampfhaft an einem vorgestellten und meist nicht erreichbaren Idealzustand zu messen. Eine gesellschaftspolitische Aussage war dies aber nicht. Das in der amerikanischen Verfassung klugerweise verankerte Recht auf das Streben nach Glück wollte ich damit nicht in Frage stellen.

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Neulich ein Vortrag über die Digitalisierung. Der Referent ist außerordentlich kenntnisreich und weiß viel Kluges über das Thema zu berichten. Ohne Zweifel ist er einer der führenden Fachleute auf dem Gebiet. Aber kein Hinweis auf seine Forschungen kam ohne die Zusatzinformation aus, dass sie in einer führenden Fachzeitschrift veröffentlicht seien. Jeder dritte Satz enthielt einen Hinweis darauf, welche Größen aus Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik in der ganzen Welt er persönlich kenne. Diesen Leuten habe er selbstverständlich schon vor Jahren gesagt, wie die Lage heute sein werde, aber die hätten ja alle keine Ahnung gehabt. Die wenigen positiven Entscheidungen zu diesem Thema aus den letzten Jahren habe er natürlich selbst in die Wege geleitet, indem er die Entscheider in stundenlangen Gesprächen überzeugt habe. Vor meinem geistigen Auge erschien das Bild eines Wissenschaftlers, der vor etwa drei Jahrzehnten in den Beraterkreis eines führenden Bundespolitikers aufgenommen worden war. Von diesem Moment an erzählte er jedem, wie bedeutend er sei. Kein Friseur, kein Tankwart entging der Information, dass er gerade mit dem eigentlich entscheidenden Mann in Bonn spreche. Nach kurzer Zeit wurde er aus dem Beratergremium wieder verabschiedet.

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Ein Kollege macht mich auf ein Bild auf der höchst seltsamen aber auch unterhaltsamen Internetseite „Binmitdabei.com“ aufmerksam. Es zeigt ein Schild mit der Aufschrift: „Beschreiben Sie Deutschland in einem Satz: Die Treppe ist gesperrt, weil die Stufen nicht der DIN-Norm entsprechen, allerdings kann sie nicht umgebaut werden, da sie unter Denkmalschutz steht.“

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Sehr aufschlussreich ist die Diskussion in Sachsen-Anhalt um die geplante Rundfunkgebührenerhöhung. Mit großem Empörungsgeheul versuchen andere Parteien und die mit ihnen verbündeten Medien die dortige CDU zu zwingen, von ihrer seit vielen Jahren vertretenen Position abzurücken, vorgeblich allein, weil in dieser Frage die AfD die gleiche Position vertritt. Aus Sicht der CDU bedeutet dies: Richtiges wird für falsch erklärt, weil es die Falschen fordern, und man muss dementsprechend wider besseren Wissens Falsches vertreten, wenn man nicht aus dem Kreis der „Richtigen“ ausgestoßen werden will. Aus Sicht der AfD eröffnet die Situation fantastische Machtperspektiven: Sie kann ungehindert regieren durch die Praxis „negativer Antragsstellung“: Ein Vorhaben anderer Parteien, das ihr nicht gefällt, kann sie leicht zu Fall bringen, indem sie es öffentlich ebenfalls befürwortet.

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Ein vorzüglicher Vortrag des Weltanschauungsbeauftragen der Evangelischen Kirche Andreas Hahn, der passenderweise in Bielefeld lebt, über die Entstehung und die Strukturen von Verschwörungstheorien. Hahn macht klar, dass Verschwörungstheorien für ihre Anhänger etwas Großartiges sind und, anders als meist behauptet wird, alles andere als irrational, sondern im Gegenteil das Ergebnis einer übersteigerten Rationalität. Verschwörungstheorien machen ihre Anhänger zur Elite, den wenigen „Wissenden“. Sie erklären, was sonst unerklärlich wäre. Nichts geschieht aus Zufall, was die Dinge – zumindest im Prinzip – beherrschbar erscheinen lässt: Die Welt ist in der Hand finsterer Mächte, aber immerhin hat man dies erkannt und die Mächte identifiziert, so dass man sie nun wenigstens bekämpfen kann. Damit bekommt das Leben einen Sinn und Klarheit: Die Rollen von Gut und Böse sind eindeutig verteilt, die Welt ist widerspruchsfrei. Das Konstrukt ist nicht zu erschüttern. Denn wer der Sichtweise nicht folgt, gar auf ihre offensichtliche Unsinnigkeit hinweist, gehört zur dunklen Seite der Macht.

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Hahn legte übrigens mit zwingender, in sich geschlossener Logik dar, dass der neue Berliner Flughafen nur deswegen so lange nicht eröffnet werden konnte, weil die Amerikaner darunter eine riesige Bunkeranlage zur Lagerung von Atombomben errichtet hätten. Ich habe die Details der Beweisführung vergessen, aber sie war absolut lückenlos.

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„Wat man nich selber weiß, dat muss man sich erklären“ sang vor Jahrzehnten der Kabarettist Jürgen von Manger. Hier liegt wahrscheinlich nicht nur eine der wichtigsten Triebfedern für die Entstehung von Verschwörungstheorien, sondern allgemein eine der wichtigsten Quellen gesellschaftlicher und politischer Irrtümer: Der Glaube, man könne die Welt allein durch Denken erfassen. Konrad Lorenz schrieb bereits 1944, es sei eine mehr als kopernikanische Wende in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Erkenntnisstrebens gewesen, „als die Menschheit zum ersten Mal begann nachzusehen, anstatt wie bisher nur nachzudenken. Die nach Erkenntnis ihrer selbst und der sie umgebenden Welt ringende Menschheit hat zuerst das Nachdenken gelernt und erst sehr, sehr viel später das Nachsehen.“ Lorenz bezieht sich auf die Entwicklungsgeschichte der Naturwissenschaften. Auf dem Gebiet der Gesellschaftspolitik ist der Schritt bis heute nicht vollzogen.

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Nach Armin Laschet gefragt, antwortet Elke Heidenreich: „Ach, Armin! Er stammt ja von Karl dem Großen ab. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen.“ Es ist seit Adenauers Tagen eine verlässliche Regel, dass man wirklich erfolgreiche Politiker an der Herablassung erkennen kann, die ihnen von Intellektuellen entgegengebracht wird.

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Freiheit ist für die meisten Menschen die Freiheit der mit ihnen Gleichgesinnten.




Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.