Brotlose Kunst. Da haben die Grünen einen herausragenden Politiker und nutzen es nicht. Sven Mandel/Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0

Özdemir: Eine verpasste Chance

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Obwohl der einstige Spitzenkandidat zu den besten seiner Partei gehört, kann er nicht Fraktionschef werden. In einem Gastbeitrag für die Salonkolumnisten zeigt die grüne Europaabgeordnete Helga Trüpel sich fassungslos.

Cem Özdemir war neben Katrin Göring-Eckardt ein sehr guter Spitzenkandidat unserer Partei bei der Bundestagswahl. Özdemir hatte nicht nur uns Grüne bei den Urwahlen zur Spitzenkandidatur überzeugen können, sondern fand auch unter den WählerInnen Anklang. Mit zwei Realos haben wir Grüne ein gutes Ergebnis geholt. Kompetenz und Ausstrahlung haben entschieden. Cem hat einen guten Job gemacht und Kompetenz gezeigt. Er war außerdem einer von 14 starken grünen Verhandlern bei den Jamaika-Sondierungen – das Team bestand je zur Hälfte aus Realos und Linken.

Das wird von der Bevölkerung honoriert, so zeigen es die Beliebtheitsumfragen. Cem ist im Moment der einzige Grüne unter den zehn beliebtesten deutschen PolitikerInnen. Doch all das wird in der Grünen Bundestagsfraktion nicht anerkannt und nicht belohnt. Er kann nicht Fraktionsvorsitzender werden. Ich finde das schade, politisch falsch und schlecht für die Grünen.

Der Erfolg unserer Sondierer war messbar. In einigen Umfragen legten wir bis zu vier Prozentpunkte im Vergleich zum Wahltag zu. Das zeigt: Die WählerInnen wissen wieder, wofür wir stehen. Auch deshalb waren die Ankündigungen zur Beendigung der Flügelkämpfe und der Postenverteilung nach Flügeln richtig. So werden wir als frisch und lernfähig wahrgenommen.

Jetzt fällt die Bundestagsfraktion in genau dieses Muster zurück und verharrt in der Flügellogik, um angeblich die Partei zu stärken.

Mir leuchtet das nicht ein.

Hinzu kommt: Als Bundesvorsitzende kandidiert Anja Piel auch mit der Begründung, die Flügel dürften nicht mehr so dominant sein, um dann genau die linke Flügelkarte zu spielen. Das ist mehr als widersprüchlich und aus meiner Sicht kein grüner Neuanfang. So verharren wir im alten Muster: ein Linker/ein Realo, eine Linke/ eine Reala.

So verpassen wir eine Chance. Parteiflügelinteressen siegen über Kompetenz und gute Leistungen

 

Unsere Gastautorin Helga Trüpel kommt aus Bremen und gehört mit Unterbrechungen seit 2004 dem Europäischen Parlament an. Sie ist Vizepräsidentin des Kulturausschusses. Von 1991 bis 1995 war sie Senatorin für Kultur in Bremen.




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