Fridays for Future-Demo in Berlin © Jörg Farys / WWF / Flickr.com (CC BY 2.0)

Wider die Angstpolitik

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Unsere Autorin antwortet den Kritikern ihres offenen Briefs an die „Scientists for Future“.

Lieber Herr Flinzberger,

Danke für Ihren Brief. Und gestatten Sie eine Gegenrede:

Sie müssten mir mal erklären, warum dieser Aufruf nur symbolisch sei, während meine Antwort eine inhärente Agenda habe (Ihr Vorwurf der Trittbrettfahrerei).

Ich bin Historikerin. Das heißt ich bin ein Profi für die Interpretation von Textquellen. Und als solcher gehe ich erst einmal davon aus, dass Menschen mit einem Aufruf etwas erreichen wollen. Wäre es so, wie Sie sagen (Verteidigung eines Anliegens gegen Diffamierung), dann hätte das ja in dem Aufruf so auch stehen können: „Wir verteidigen … wir unterstützen ein legitimes Anliegen“, etc.

Es steht in diesem Text aber mehr, und da ich annehme, dass wissenschaftlich arbeitende Menschen genau hinschauen, bevor sie eine Unterschrift unter einem Aufruf leisten, kann ich auch unterstellen, dass Sie und Ihre KollegInnen hinter dem stehen, was da steht.

Das ist keine „Beleidigung“, wie Sie unterstellen. Im Gegenteil: Ich nehme Sie ernst. Und da steht nichts anderes als ein Aufruf zum radikalen Gesellschaftswandel und eine exklusive Benennung der regenerativen Energieumwandlung als einzige Lösung. Das jedoch ist das Programm der „Großen Transformation“, die bereits das Jahresgutachten 2011 des Regierungs-Sachverständigen-Gremiums „Globale Umweltveränderungen“ eingefordert hat. Hier handelt es sich um eine ausformulierte Agenda, die von einer Wissenschafts-Elite vorangetrieben wird. Ich prophezeie große Widerstände, wenn diese Agenda in die Tat umgesetzt werden sollte. Was empfehlen Sie dann? Aufgeben? Oder die Menschen zwingen? Bitte reden Sie sich jetzt nicht raus, es sei ja alles nicht so gemeint. Denn sonst wäre Ihr Aufruf unehrlich. Aber bitte denken Sie ihn doch mal bis zum Ende durch. Ich habe das getan. Ich fürchte, dass dann der Zwang im Kleid eines Schmittschen ökologischen Notstandsregimes einziehen wird.

Angst und Moral

Da ich erstens mit solchen Zwangs- und Notstandsregimes im Namen der Menschheitsbeglückung als Historikerin der Sowjetunion gut vertraut bin, sage ich dazu Nein. Zweitens sehe ich einen guten und gangbaren Weg, eine Klimastrategie zu fahren, ohne den neuen Menschen dafür schaffen zu müssen, den Ihr Aufruf voraussetzt: nämlich die Dekarbonisierung einer Industriegesellschaft unter Einschluss aller Technologien inklusive Kernenergie. Und deswegen nehme ich mir das Recht, genau das auch zu thematisieren. Genau wie Sie und Ihre Kollegen ja auch einen spezifischen Industriezweig unterstützen, nämlich die Erneuerbaren-Industrie, und dafür auf sehr schlichte Art „nach Aufmerksamkeit heischen“.

Ich finde Ihre moralisierende Abwertung meiner Intervention höchst erstaunlich. Denn ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass Sie hier mit zweierlei Maß messen? Wer die Kernenergie in dieser Klimadebatte befürwortet, ist ein Trittbrettfahrer, und wer die Erneuerbaren befürwortet, macht das natürlich völlig interessenfrei, rein aus dem Gebot der Stunde – als gäbe es in dieser Industrie keine milliardenschweren Interessen, insbesondere an weiterer staatlicher Förderung?

Sie kennen mich nicht. Und so erklärt sich Ihre Reaktion. Denn wenn Sie‘s täten, dann wüssten Sie, dass ich in den letzten Wochen in unzähligen Diskussionen in sozialen Netzwerken Greta Thunberg gegen Anfeindungen verteidigt habe – obwohl ich weder mit ihrer Situationsdefinition („wenn nicht sofort Aktion, dann Katastrophe“) noch mit den vorgeschlagenen Mitteln („Kohleausstieg sofort“) noch mit dem Mobilisierungsmodus (Angstpolitik) einverstanden bin. Aus diesem Grunde heraus – der prinzipiellen Anerkennung des Anliegens – hätte ich Ihren Aufruf ja auch gern unterschrieben. Als Mutter dreier Söhne in Gretas Altersgruppe ohnehin.

Als Wissenschaftlerin jedoch kenne ich den Forschungsstand zur Klimaerwärmung so weit, um beobachten zu können, dass die Gruppe, die ein Katastrophen-Szenario für realistisch hält, unter den KlimaforscherInnen in der Minderheit ist. Als Technikhistorikerin kenne ich wenigstens die Kirchhoffschen Gesetze von Stromnetzen gut genug, um zu wissen, dass ein Kohleausstieg „heute noch“ allenfalls zum Zusammenbruch des deutschen Stromnetzes führen würde, aber nicht zu einer nennenswerten CO2-Ausstoßminderung. Als politisch progressiver Mensch lehne ich Angstpolitiken ab, egal ob sie gegen Migranten, Kernkraftwerke oder eine fossil befeuerte Industriegesellschaft gerichtet sind.

Ihre Reaktion auf meine Antwort freut mich. Denn sie bedeutet: Sie ärgern sich drüber. Und das bedeutet: hier kommt endlich eine Diskussion über die besten Instrumente im Kampf gegen den Klimawandel in Gang. Viel zu lange wurde darüber zu wenig und zu verengt diskutiert. Was wir aber brauchen, ist all hands on deck. Und ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich – wie Sie es ja in Ihrem Schreiben von mir verlangen – mich demütig und leise hinten anstellen sollte mit einem Vorschlag, eine sehr starke Hand an Deck zu nutzen.

Herzlichen Gruß,
Ihre AVWendland




Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin und liebt Grenzgänge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Forschungsbedingt arbeitet sie ab und zu in Kernkraftwerken. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig. In ihrer Freizeit arbeitet und schreibt Dr. Wendland als garantiert unbezahlte Atomlobbyistin für den Verein „Nuklearia“, der sich die kerntechnische Re-Alphabetisierung der Deutschen zum Ziel gesetzt hat.