Krankenhausbett

Wer bekommt das letzte Bett?

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In meinem Praktischen Jahr, dem letzten Jahr des Medizinstudiums, bin ich auf einer COVID-19-Station in München eingeteilt – freiwillig. Die Therapiemöglichkeiten für die Betroffenen sind begrenzt. Auch die Krankenhausbetten werden knapp. Ein Lagebericht.

Am ersten Tag des Praktischen Jahres werden wir Studenten gefragt, ob jemand von uns bereit wäre, auf einer COVID-Station zu arbeiten. Ich melde mich. Dass ich freiwillig gehe, werde ich später noch unterschreiben. Die Klinik nimmt die Pandemie sehr ernst, das merke ich schon am ersten Tag, als von uns PJ-Studenten ein Corona-Abstrich genommen wird und wir nach Hause geschickt werden – Dienstantritt erst am nächsten Tag bei negativem Test. Bevor ich den ersten Patienten sehe, führt ein leitender Arzt mich über die Station, erläutert das Hygienekonzept, übt mit mir, wie ich die Schutzkleidung anziehe. So hohe Sicherheitsvorkehrungen habe ich an anderen Kliniken nicht erlebt, ich fühle mich sicher.

Ich bin nicht auf einer Intensiv- sondern einer Normalstation für COVID-19 Patienten eingeteilt. Viele Patienten haben sich in anderen medizinischen Einrichtungen, Krankenhäusern und Pflegeheimen, infiziert, oder sind über die Notaufnahme auf die Station gekommen. Dort wurden sie wegen Atemnot eingeliefert. Die Luftnot der Patienten entsteht durch eine schwere Lungenentzündung, die durch das Virus hervorgerufen wird. Die Spur, die SARS-CoV-2 in der Lunge hinterlässt, ist sehr charakteristisch, nur wenige andere Erkrankungen verursachen ein ähnliches Muster.

Auf Station werden die Patienten nach den Therapieempfehlungen des Robert-Koch-Instituts behandelt. Dahinter steckt beharrliche Arbeit. Vollzeitmitarbeiter am RKI tun nichts anderes, als täglich jegliche neue Evidenz zu Therapien bei COVID-19 zu sammeln, ein Expertengremium diskutiert die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse regelmäßig und aktualisiert die Therapieempfehlungen entsprechend.

Sauerstoff und Kortison

Die aktuelle Therapieempfehlung, Stand 5. Dezember 2020, sieht folgendermaßen aus. Wenn das Blut der Patienten bei Raumluft zu wenig mit Sauerstoff gesättigt ist (daher kommt die Atemnot), bekommen sie über eine Nasenbrille Sauerstoff. Bei vielen Patienten fällt die Sättigung ohne den zusätzlichen Sauerstoff weit unter 90 Prozent. Brauchen sie kontinuierlich größere Mengen, bekommen sie den Sauerstoff über eine Maske mit einem Plastikbeutel, einem Reservoir. Die nächste Eskalationsstufe ist der Weg auf die Intensivstation. Auch ich habe schon voll-verkittelt im Schnellschritt einen Patienten durch die Gänge im Keller des Krankenhauses geschoben, um ihn auf die Intensivstation zu bringen. Auf Intensiv kann nicht-invasiv mit mehr Druck oder invasiv, also mit Intubation, beatmet werden.

Unsere Autorin auf Station

Außer Sauerstoff erhalten die Patienten, die im Krankenhaus sind, eine Thrombose-Prophylaxe-Spritze, weil bekannt ist, dass eine SARS-CoV-2-Infektion das Risiko für thromboembolische Komplikationen, etwa Lungenembolien, erhöht. Haben die Patienten ein besonderes Risiko für Thrombosen, bekommen sie höhere Dosen. Sind die Patienten so schwer erkrankt, dass sie Sauerstoff benötigen und sind schon einige Tage infiziert (etwa in der zweiten Woche der Infektion), bekommen sie außerdem für zehn Tage das Kortison Dexamethason. Das soll die schwere Entzündungsreaktion in der Lunge bremsen. In der ersten Woche kann die Gabe kontraproduktiv sein, weil Dexamethason das Immunsystem unterdrückt, das vor allem zu Beginn der Erkrankung dagegen kämpfen muss, dass sich das Virus im Körper vermehrt. In der zweiten Woche steht die überschießende Reaktion des Immunsystems auf das Virus im Vordergrund.  Kooperationsfähige Patienten erhalten eine Atemtherapie, eine Physiotherapeutin leitet die Patienten an. Im Verlauf kontrollieren die Ärzte vor allem die Entzündungswerte, Gerinnungswerte und das Blutbild. Unter der Kortisontherapie muss der Blutzucker kontrolliert werden, bei Entgleisungen gibt es Insulin.

Die Datenlage zur Wirksamkeit von Remdesivir sieht heute nicht mehr so vielversprechend aus wie zu Beginn der Pandemie gehofft. Das Medikament kann die Vermehrung des Virus bremsen, das ist nur in der ersten Woche der Infektion sinnvoll. Es hat viele Nebenwirkungen und Kontraindikationen, ist nicht unbegrenzt verfügbar und teuer. Unter anderem weil viele Patienten erst in der zweiten Erkrankungswoche schwere Symptome entwickeln und das Medikament dann nicht mehr so wirksam ist, wird es in der klinischen Praxis immer zurückhaltender eingesetzt.

Sauerstoff, Thromboseprophylaxe, Kortison, Atemtherapie. Bei hohem Fieber bekommen die Patienten etwas zum Fiebersenken. Bei Schmerzen ein Schmerzmittel. Wenn ein Verdacht auf eine zusätzliche Infektion mit Bakterien besteht, Antibiotika. Das ist die Therapie der COVID-19 Patienten. Das Virus bekämpfen muss der Körper am Ende selbst. Wenn sich der Zustand der Patienten dennoch verschlechtert, kommen sie auf Intensivstation. Und wenn die Beatmung dort auch nicht hilft, bleiben kaum noch Behandlungsoptionen.

Personal steckt sich in der Freizeit an

Wenn ich bei den Patienten bin, trage ich eine KN95-Maske, ein Visier, einen Schutzkittel und Handschuhe. Auch wenn wir nicht bei den Patienten sind, tragen wir Mitarbeiter die ganze Zeit die Masken. Bei den hohen Fallzahlen in der Stadt ist das Risiko hoch, dass Personal sich im Privaten infiziert und sich gegenseitig ansteckt. Aktuelle Ausbrüche in Münchner Krankenhäusern und Pflegeheimen machen uns Sorgen.

Trotz Haltehilfen zwickt die Maske immer irgendwo. Mal habe ich Striemen auf den Wangen, mal wunde Ohren oder eine Druckstelle auf der Nase. Abends bin ich sehr müde, den ganzen Tag die Maske zu tragen und das Ein- und Ausschleusen in die Zimmer ist anstrengend, die Kommunikation mit den Patienten durch all die Schichten hindurch ist mühselig, ich muss sehr laut sprechen, viel wiederholen. Aber das ist es nicht, was dazu führt, dass ich angespannt bin. Aktuell hat München eine 7-Tages-Inzidenz von knapp 188,5 auf 100.000 Einwohner. Pro Woche infizieren sich gerade also ungefähr 2800 Münchner mit dem Virus. Statistisch gesehen landen etwa 4 Prozent der Neuinfizierten auf Normalstation und 2 Prozent auf Intensivstation.

Statistisch gesehen wären das mehr als 150 neue Krankenhauspatienten pro Woche, etwa 50 davon Intensivpatienten. 535 COVID-19 Patienten liegen bereits in Münchner Krankenhäusern (Stand 5. Dezember), mehr als 100 von ihnen auf Intensivstation. Die Patienten bleiben zum Teil mehrere Wochen im Krankenhaus. Wenn jede Woche so viele neue Patienten nachkommen, wird es nicht mehr lange gutgehen. Die Betten in den Kliniken werden bereits knapp.

Ein Blick ins DIVI-Register zeigt: In Bayern sind nur noch knapp 20 Prozent der Betten frei. Und nicht alle freie Betten, die im Intensivregister gelistet sind, können tatsächlich belegt werden. Prof. Dr. Stefan Kluge, Lungenfacharzt und Intensivmediziner, Leiter der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Mitglied des Präsidiums der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin, erklärte, dass 20 bis 30 Prozent der Intensivbetten in Deutschland gar nicht belegbar sind, weil zu wenig Pflegepersonal da ist.

Wer nicht COVID-19 hat, kann nicht wie bisher behandelt werden

So wundert es kaum, dass an Münchner Kliniken gar kein normales Behandlungsprogramm mehr läuft. Die beiden Uniklinken und andere öffentliche Krankenhäuser haben ihr OP-Programm massiv reduziert, um Intensivbetten freizuhalten und Personal auf COVID-19-Stationen schicken zu können. Patienten ohne COVID-19 werden gerade also schlechter behandelt als im Normalfall.

Je mehr Fälle es in einer Stadt gibt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Krankenhauspersonal im Privaten infiziert und die Infektion ins Krankenhaus bringt. Werden Patienten und Mitarbeiter infiziert, müssen ganze Stationen in Quarantäne. Damit sinken die Behandlungskapazitäten weiter. Das Münchner Gesundheitsamt hat schon beim Bayerische Hotel- und Gaststättenverband angefragt, ob Mitarbeiter aus Hotels und Gaststätten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen stundenweise als Servicekräfte aushelfen könnten.

Ich habe keine Angst, mich auf Station mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Wenn ich mich infiziere, dann in der vollen U-Bahn auf dem Weg zur Klinik. Ich möchte mich auf keinen Fall anstecken, aber dennoch gibt es etwas, wovor ich noch mehr Angst habe: Dass ich in ein paar Wochen dabei zusehen muss, wie Ärzte entscheiden müssen, welcher Patient das letzte Intensivbett bekommt.




Marisa Kurz, Jahrgang 1988, lebt in München. Sie hat ein Studium der Biochemie mit Nebenfach Virologie (M. Sc., B. Sc.) und ein Studium der Philosophie mit Nebenfach Sprache, Literatur und Kultur (B. A.) abgeschlossen. Aktuell studiert sie Humanmedizin, schließt ihr Studium Ende 2021 ab und strebt eine Weiterbildung zur Onkologin an. Sie promoviert in der Krebsforschung zu Immuncheckpoints bei Lungenkrebs und arbeitet außerdem an einem medizinethischen Forschungsprojekt. Von 2014-2020 war sie als wissenschaftliche Hilfskraft an verschiedenen Forschungseinrichtungen in München tätig. Aktuell befindet sie sich im Praktischen Jahr des Medizinstudiums. Neben dem Studium schreibt sie unter anderem für den Georg-Thieme Verlag. (Foto: Thorsten Meyer)