Gegen die Panikmacher

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Sind Verzicht und Verbote die richtige Antwort auf den Klimawandel? Gastautor Erwin Jurtschitsch und Salonkolumnist Ludger Weß halten es für besser, überlegt zu handeln und nicht jeden Zweifler oder Kritiker als Ketzer niederzumachen.

„Wir haben nur noch neun Jahre“, sagt Rezo und angeblich sagen das auch 30.000 Wissenschaftler. Dabei waren es bei Greta und den FFF noch zehn Jahre. Vor zwölf Jahren prophezeite uns „BILD“ unter Berufung auf Hans Joachim Schellnhuber, Gründer und Direktor des Potsdamer Klimainstituts, wir hätten nur noch 13 Jahre, um die Erde zu retten. „Schafft es die Menschheit nicht bis zum Jahre 2020, den Treibhauseffekt zu stoppen, löscht sie sich selbst aus – unter entsetzlichen Qualen.“ Schellnhuber hat das im Juni 2019 noch einmal bekräftigt: Wenn „die Welt in den nächsten Jahren nicht geheilt werden kann, kann sie bis 2020 durch Nachlässigkeit tödlich verwundet werden“.

Das aber steht so in keinem einzigen IPCC Bericht. Die sogenannte „Heißzeit-Studie“, auf die sich Greta, Rezo und die Grünen beziehen, gilt in der Forschungsgemeinde als „worst case“ Szenario und nicht als „extrem wahrscheinlich“. Aber es passt halt perfekt in die Panikmache rund um das Klima.

Für alle Bekenntnisheischenden vorweg: Ja, es gibt einen Anstieg der CO₂ Emissionen und er ist das Ergebnis menschlichen Handelns. Und es gibt einen Konsens unter den IPCC Wissenschaftlern, dass das Klima sich verändert. Konsens besteht auch darüber, dass der Mensch die Änderung des Klimas durch Manipulation des CO2-Ausstoßes rückgängig machen kann.

Konsens und Beweis

Konsens unter Wissenschaftlern ist ein starkes Signal, jedoch leider kein Beleg, dass eine These stimmt. Und wenn Widerspruch als Ketzerei gilt, wird es brandgefährlich.

Jahrzehntelang galt es unter Medizinern als ausgemacht, dass „Übersäuerung des Magens“ und psychische Faktoren die Ursache von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren sind. Die Erkrankung wurde mit Medikamenten behandelt, die Magensäure neutralisierten (Antazida) oder ihre Produktion blockierten (Magensäureblocker). Man nahm an, das saure Magenmilieu schließe eine Magenflora aus, obwohl bereits im Jahr 1905 von Walter Krienitz Bakterien im Magen beobachtet worden waren.

Die australischen Mediziner Barry Marshall und John Robin Warren schließlich entdeckten 1983 Helicobacter pylori im menschlichen Magen, aber noch immer wurde dies von der medizinischen Forschung nicht ernstgenommen. Erst 1989 kam es dank eines heroischen Selbstversuchs zum Durchbruch und das Bakterium wurde weltweit als Ursache des Ulcus anerkannt. Im Dezember 2005 wurden Warren und Marshall für ihre Arbeiten über H. pylori je zur Hälfte mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet.

Dank des wissenschaftlichen Konsens wurden von 1905 bis 2005 Millionen von Menschen falsch behandelt und eine ganze Industrie verdiente Milliarden an Säureblockern.

Besonders problematisch sind Katastrophenszenarien, die sich auf wissenschaftlichen Konsens berufen und noch dazu von Wissenschaftlern vorangetrieben werden. Erinnert sei an die apokalyptischen Botschaften des Club of Rome 1972, die zum Glück wenig Widerhall in der Politik fanden: Die Prognosen – 1992 sei der letzte Tropfen Erdöl verbraucht, spätestens am Ende des 20. Jahrhunderts seien auch die Vorkommen von Erdgas, Kupfer, Blei, Aluminium, Wolfram usw. erschöpft – sind allesamt nicht eingetroffen. Wären die Wissenschaftler damals allerdings ernst genommen worden, wäre die für 2020 prophezeite weltweite Hungersnot möglicherweise tatsächlich eingetreten, und zwar schon recht schnell.

Warnendes Beispiel sollte auch der wissenschaftliche Konsens sein, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts als unumstößliche Tatsache galt: Die Menschheit, so hieß es damals, würde binnen weniger Generationen genetisch degenerieren, wenn nicht sofort energische Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

Zentraler Bestandteil der Überzeugung war die These, Träger ‚minderwertigen Erbguts’ würden sich rascher vermehren als die Träger „hochwertiger Erbanlagen“, so dass es von Generation zu Generation zu einer fortschreitenden Erosion der genetischen Substanz – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – kommen würde. Dieses Katastrophenszenario erklärt die apokalyptischen Bevölkerungsdiskurse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nicht nur in Deutschland geführt wurden.

In Europa, in Südamerika, den USA und sogar in der Sowjetunion wurden in dieser Zeit Eugenik-Gesellschaften gegründet (allein die US-Gesellschaft umfasste mit ihren zahllosen Unterorganisationen zehntausende Mitglieder) und der Genetiker und spätere Nobelpreisträger Herman Joseph Muller schrieb gar an Stalin, der Sozialismus eigne sich besonders gut zur Formung des besseren neuen Menschen mit hochwertigem Genmaterial.

Daten, die an Tierpopulationen gewonnen wurden, schienen das Szenario Ende der 1920er Jahre zu bestätigen. Brachen schon Fruchtfliegenpopulationen unter ungünstigen Umständen in drei, vier Generationen unter der Mutationslast zusammen – wie viel schlimmer musste es um die Menschheit stehen, die doch die natürliche Auslese durch zivilisatorische Einflüsse ausgeschaltet hatte!

Durch Begünstigung der Fortpflanzung gesunder Menschen – etwa durch steuerliche Belohnung hoher Kinderzahlen – und die Verhinderung der Fortpflanzung „genetisch belasteter“ Menschen – z. B. durch Empfängnisverhütung, Geburtenkontrolle und Zwangssterilisation – sollten die Erbanlagen in der Bevölkerung langfristig verbessert und Erbkrankheiten vermindert werden.

Es wurden von allen damals beteiligten Forschern, inklusive zweier Nobelpreisträger, der folgerichtige Vorschlag „diskutiert“, Menschen mit „minderwertigem“ Genmaterial zu sterilisieren oder anderweitig an der Fortpflanzung zu hindern – noch 1962 forderten Wissenschaftler, dem Trinkwasser Verhütungsmittel zuzugeben und nur denjenigen ein Gegenmittel zugänglich zu machen, die zur Vermehrung taugten – und die anderen zur Fortpflanzung zu ermuntern oder ihnen, etwa durch eine in den USA von Wissenschaftlern gegründete Nobelpreisträger-Samenbank, „hochwertiges“ Sperma zu vermitteln.

Die wenigsten wissen, dass das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 auf einem Entwurf aus den 1920er Jahren beruhte, in den auf Initiative des Gesundheitsexperten der sozialdemokratischen(!) Fraktion im preußischen Parlament die Zwangssterilisation, einschließlich der „sozialen Indikation“, hineingeschrieben worden war. Nichts davon erwies sich später als wissenschaftlich haltbar, aber über Jahrzehnte galt diese Irrlehre als Konsens. Sie führte zu Zwangssterilisierungen in zahlreichen Ländern (darunter Kanada, die USA und die Schweiz) und in Deutschland darüber hinaus zum Massenmord an vorgeblich minderwertigen Menschen. Viele, einschließlich deutsche Wissenschaftler, rückten selbst nach 1945 lange Jahre nicht davon ab. Noch bis 1976 wurden auf der Grundlage dieser Theorie Menschen im sozialdemokratischen Schweden zwangssterilisiert – insgesamt etwa 62.000.

Sollten wir also alle nicht etwas vorsichtiger sein mit dem Wort und auch diejenigen hören, die nicht in das Panikorchester einstimmen wollen und zu klugem Handeln raten?

Deutscher Sonderweg

Weltuntergangszenarien werden in keinem Land der Welt ernster genommen als in Deutschland, und die typische deutsche Reaktion ist ein Bündel von Maßnahmen, die allesamt tief in den Lebensstil der Bürger und in ihre individuellen Freiheitsrechte eingreifen und totalitäres Denken offenbaren (1933: „niemand hat das Recht, erbkranke Kinder in die Welt zu setzen“, heute: „niemand hat das Recht, sein CO2-Budget zu überschreiten, jeden Tag Fleisch zu essen, einen SUV zu fahren, zweimal im Jahr in Urlaub zu fliegen …“).

Nehmen wir aber einmal an, die vielen Forderungen von Verboten und Appelle an Verzicht, die in Deutschland derzeit landauf, landab laut werden, würden erfüllt – was würde das bewirken? Selbst wenn in Deutschland morgen alle Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren stillgelegt, alle Inlandsflüge und der Verzehr von Fleisch und Wurst verboten und sämtliche Industriebetriebe dicht gemacht würden – am Ausstoß von Treibhausgasen würde das im Weltmaßstab praktisch nichts ändern. Die EU ist für gerade mal etwa neun, Deutschland für 2,2 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Das typische Argument „aber einer muss anfangen, dann ziehen die anderen nach“ verfängt nicht, denn ein Deutschland, in dem Industrie und Freiheit am Boden liegen, wäre sicher kein Vorbild, das für andere Länder attraktiv wäre. Im Gegenteil, es wäre ein abschreckendes Beispiel und damit nicht nur unwirksam, sondern erst recht kontraproduktiv für das Erreichen des 1,5 Grad-Ziels.

Also gar nichts tun? Falsch! Statt verbissen über Verzicht und Verbote nachzudenken, die allenfalls negative globale Effekte haben, sollte Deutschland sich auf die Tugenden besinnen, für die es international hoch geschätzt und bewundert wird und denen das Land seinen Wohlstand verdankt: Erfindergeist und Innovationskraft. Neue Technologien und Know-how, nicht Verzicht und Verbote, sind weltweit nachgefragt und dürften uns aus der Hand gerissen werden.

Der Traum der deutschen Ökoromantiker von einem sozialistischen Arkadien, in dem nur noch vergesellschaftete Elektromobile leise säuselnd entschleunigt durch die Lande gleiten, kein Kondensstreifen mehr den blauen Himmel durchteilt, wo Permakulturgartenstädte uns das ganze Jahr mit wohlschmeckenden Nahrungsmitteln versorgen – Avocados, Kaffeebohnen und Goji-Beeren eingeschlossen –  und alle vom gesicherten Grundeinkommen leben, ohne dass irgendwo noch ein Industrieprodukt gefertigt wird, von einem Land, in dem es weder Pharma-, Chemie und Aluminiumhersteller noch Pflanzenschutzmittel noch Niederlassungen internationaler Großkonzerne gibt, wird sich nicht erfüllen.

Könnte es sein, dass die FFF und ihre erwachsenen Unterstützer völlig unterschätzen, was ihre Träume und Ideen in einer Industrieregion wie Europa anrichten können? Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn und die Versorgung von 500 Millionen EU-Bürgern mit Energie und Lebensmitteln ist eine unfassbar erstaunliche zivilisatorische Leistung. Diese Lieferketten einfach zu unterbrechen und die Versorgung einer Großstadt wie Hamburg mit Lastenfahrrädern betreiben zu wollen (Strategiepapier der Hamburger Grünen), macht fassungslos.

Realismus ist gefragt

Fünf von mehr als 190 Staaten (China, USA, Indien, Russland, Japan), so rechnete es kürzlich der Münsteraner Autor Thomas Grüter vor, verursachen mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen, von denen alle (bis auf Japan) Deutschland und die EU weder als politisches noch als moralisches oder technologisches Vorbild betrachten. Wir bereiten uns also besser auf eine etwas stärkere Erwärmung vor. Das legt schon allein die Entwicklung der Bevölkerungszahlen und die steigende Zahl (und Lebenserwartung) von bald zehn Milliarden. Menschen nahe. Und niemand (auch nicht die Diktatur in China) hat dagegen ein Konzept. Solange Frauen in Unmündigkeit und Unterdrückung und ohne Zugang zu Bildung leben müssen wie in vielen Staaten im Nahen Osten, Asien und Afrika, werden diese Zahlen weiter ansteigen.

Weiterhin müssen wir davon ausgehen, dass erst in den Jahren nach 2030 Solarstrom für mehr als 10% der weltweit benötigten Energie sorgen wird und dass mit den derzeitigen Technologien (Solar, Wind, Biomasse) eine „Klimaneutralität“ bis 2050 nicht erreichbar ist.

Umso wichtiger wären ergebnisoffene Konferenzen und Debatten über die Allokation der begrenzten Ressourcen an Finanzen und Menschen.

Die Maßnahmen

Ab heute sollten also Maßnahmen, Technologien und Verfahren gefördert werden, die helfen, den Effekt abzumildern:

Am wichtigsten wäre die massive Förderung von CO₂-Entnahme-Technologien (Stichwort Carbon Capture & Storage). Denn, so auch der IPCC, ohne negative Emissionen im Gigatonnenbereich ist die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens unmöglich. Diese Technologien zu entwickeln, wäre (s.o.) eine echte Aufgabe für den Standort Deutschland.

Wir können nicht verhindern, dass China und Indien im kommenden Jahrzehnt tausende neue Kohlekraftwerke bauen werden, aber wir könnten sie mit unserem Know-how effizienter und weniger umweltschädlich machen. Wir könnten Methoden entwickeln und weltweit anbieten, das CO₂ aus den Abgasen zu binden. Dasselbe gilt für den Einsatz von Gaskraftwerken.

Wir müssen wohl auch erneut über die Frage der Nutzung der Atomenergie nachdenken, da auch in absehbarer Zeit keine Energieform zur Verfügung steht, die weltweit benötige Energie im Grundlastbereich über das ganze Jahr hinweg zu gewährleisten. Wir könnten (in diesem Punkt muss man leider vermutlich schon sagen: hätten können, denn das entsprechende Know-how sowie die Infrastruktur ist durch politische Vorgaben weitgehend zerstört worden) Kernkraftwerke mit Designs entwickeln, die inhärent sicher sind, wenig lange strahlende Reststoffe erzeugen und dazu womöglich noch vorhandenen „Atommüll“ verwerten können.

Wir könnten Verbrennungsmotoren entwickeln, die noch effizienter sind, und Wasserstoffantriebe, die die vorhandene Infrastruktur nutzen können. Doch statt solche Technologie zu exportieren, verschiffen wir derzeit Woche für Woche Tausende unserer aus Umweltschutzgründen abgewrackten Oldtimer nach Afrika, wo sie vermutlich noch für Jahrzehnte Stickoxide und Feinstaub in die Atmosphäre pusten werden.

Statt weiter Geld für die komplett unwirksame Energiewende zu verpulvern, könnten wir Bangladesch und anderen bedrohten Ländern beim Bau von Dämmen und Flutanlagen helfen.

Wir könnten synthetische Biologie nutzen, um Pflanzen besser an den Klimawandel anzupassen, Erträge zu steigern, ohne mehr Flächen und mehr Insektizide einsetzen zu müssen (im letzten IPCC-Bericht wird genau diese „nachhaltige Intensivierung“, also Produktionssteigerung empfohlen), um Abfall zu mindern und zu verwerten, Rohstoffe zu erzeugen usw. Stattdessen bemühen wir uns unter erheblichem Einsatz von Steuermitteln, Afrikaner und Asiaten, die dank Internet-Anschluss längst die Welt kennen, von der Biotechnologie abzubringen, die uns seit Jahrzehnten ein Leben in Wohlstand und Gesundheit ermöglicht, und ihnen stattdessen die angeblichen Vorzüge der Subsistenzlandwirtschaft nahezubringen, aus der sie lieber heute als morgen entfliehen möchten.

Statt Wirtschaftswachstum in Afrika und Asien zu verteufeln, sollten wir es fördern. Wohlstand ist der wichtigste Faktor, um Reformen zu initiieren, die zu mehr Freiheit und Sicherheit führen, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen und effizienten Umweltschutz betreiben zu können.

Das alles erfordert vor allem eines: keine quasi-religiösen Debatten, keine Bekenntniskultur und keine Panikmache. Gefordert sind rationale Reaktionen auf ein Problem und rationale, nicht gefühlsmäßig begründete Lösungen.

Denn das ist die traurige Wahrheit und Erfahrung der letzten 300 Jahre quasi-religiöser oder vorgeblich wissenschaftlicher Bewegungen: An „Bewegungen“ und deren Ideen, die allesamt glaubten, die einzig wahre Wahrheit zu vertreten, sind schon viel zu viele Menschen zugrunde gegangen.

Ein Beitrag von Ludger Weß und Erwin Jurtschitsch. 

Erwin Jurtschitsch war Mitgründer und Redakteur der taz und bis 1999 Journalist, zuletzt Chefredakteur von Stern Online und zugleich Ressortleiter Wissenschaft, Medizin, Computer des Magazins Der Stern. Heute ist er Chef der Unternehmensberatung Consigliere.




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