Was Deutschland verlernt hat

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Vor wenigen Tagen starb der französische Schauspieler Jean-Paul Belmondo – und wurde vom französischen Staat geehrt. Mit Staunen betrachtet man die Ehrung – nicht zuletzt, weil sie offenbart, was Deutschland verlernt hat. Und an ihrem Ende rührte sie durch eine unerwartete Geste an und führte zusammen. Ein Anlass für unseren Autor, das Verhältnis zu Repräsentation und Ehrungen zu überdenken.

Schwer, ernst und bedeutungsvoll thront ein Gebäude in Leipzig, das ab 1895 das höchste deutsche Gericht, das Reichsgericht beherbergte. Seit 2002 ist es der Sitz eines der höchsten Gerichte unserer Tage, des Bundesverwaltungsgerichts. Noch heute flößt es dem Flaneur Respekt ein. Es zeigt einen selbstbewussten Staat, der Recht setzt, statt es jedem recht machen zu wollen. Es wird gesagt, dass nur neun Prozent seiner Fläche Nutzfläche seien – die anderen Flächen dienen vor allem der Repräsentation der Idee eines einigenden Staates, vor dessen Gerichten alle gleich sind. Auch das Prinz-Max-Palais in Karlsruhe ist imposant. Gebaut als Villa eines erfolgreich gewordenen Unternehmers – später von Prinz Max von Baden gekauft – ist sie Zeuge einer Zeit, in der Leistung Respekt einforderte und erhielt. In dieser Villa residierte bis 1969 das höchste Gericht der Bundesrepublik, das Bundesverfassungsgericht. Dann zog es in sein heutiges Gebäude um, inspiriert vom deutschen Pavillon, welchen Sep Ruf und Egon Eiermann für die Weltausstellung 1958 schufen – eine Ikone der Architekturgeschichte. Und womöglich der Beginn eines Deutschlands, das die Idee der Repräsentation klein machte, das einen Staat auf Augenhöhe erfinden wollte, einen Staat den niemand mehr fürchten muss, weder im Inneren, noch im Äußeren. In jüngster Vergangenheit hat der deutsche Staat – bei der Verteilung von Impfstoff bis zur Evakuierung der Ortskräfte aus Kabul – eindrucksvoll gezeigt, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen wird, ausgehen kann. Es ist an der Zeit, das Verhältnis zu Repräsentation und Ehrungen zu überdenken, zu entkrampfen.

Auch das Hôtel des Invalides ist ein imposantes Gebäude, mit dem der französische Staat Zeichen setzen wollte. Vor wenigen Tagen wurde es Schauplatz einer beeindruckenden Zeremonie, einer Zeremonie die ebenso deutlich wie ergreifend vor Augen führte, was Deutschland verlernt hat. Der französische Schauspieler Jean Paul Belmondo wurde mit einer Hommage National geehrt, mit einer Zeremonie, die man sich auch mit viel Phantasie in Deutschland nicht vorzustellen vermag, die wenig gemein hat mit dem, was man in Deutschland Staatsakt nennt. 

Im Ehrenhof des Hôtel des Invalides waren nicht nur Familie und Freundes des Verstorbenen anwesend, nicht nur ein Publikum, das den Querschnitt der französischen Bevölkerung repräsentierte und zudem die bekanntesten und beliebtesten französischen Kulturschaffenden, sondern auch Ehrenformationen aller Teilstreitkräfte. Deren jeweilige Oberbefehlshaber salutierten vor dem eintreffenden Präsidenten Emmanuel Macron. Nachdem eine Militärkapelle die Nationalhymne gespielt hatte, herrschte Stille. Das einzige Geräusch war ein minutenlanger strenger Trommelwirbel und die Schritte der zehn Soldaten, die den Sarg Belmondos in die Mitte des Ehrenhofs trugen und dort aufstellten. Während dieser strengen Zeremonie zeigen die Kameras ernste, beklommene, trauernde Gesichter. Über all dem strahlte Belmondos markantes Lachen – von einem überlebensgroßes Foto des Schauspielers in hohem Alter. Die tiefen Lachfalten, die Verschmitztheit – ein Foto, das beim Betrachter unzählige großartige Filme aus dem Gedächtnis ruft, ein Foto, dass den Filmhelden der Kindheit vieler Betrachter lebendig werden lässt. 

Die Familie Belmondos, darunter seine achtzehnjährige Tochter Stella, versammelten sich hinter seinem Enkel Victor, der persönliche Abschiedsworte sprach. So weit, so vorstellbar. Doch dann hielt Macron eine Rede, die voller Respekt für die Lebensleistung Belmondos war, aber auch für sein Leben, die voller Leichtigkeit und Leidenschaft das Leben feierte, den französischen Film und die französische Kultur. Eine Rede, die all jene Lügen straft, die meinen, dass solche Zeremonien in Deutschland nach 1945 niemals wieder möglich seien, weil sie zwangsläufig von Pathos getragen seien und Pathos mit dem letzten Deutschen Reich untergegangen ist, untergegangen sein muss. 

Nein, Macron zeigt der Welt, dass Pathos nicht gleich Pathos ist. Vergleicht man seine Reden, besonders jene zu Ehren Belmondos mit ähnlichen Reden seiner Vorgänger wird deutlich, dass auch das Pathos der Französischen Republik sich gewandelt hat – und dass es von einer Mehrheit der immer diverseren Bevölkerung goutiert wird. Gleichwohl nannte Macron den Schauspieler Belmondo einen Nationalhelden. Kein Erschrecken des Publikums und keine Missgunstbekundungen in den Medien. Wäre das in Deutschland auch so? Oder würde gefragt, weshalb jemand ein Held sein sollte, der „nur“ Schauspieler gewesen sei, der ja mit seiner Kunst schon genug Geld verdient habe, wozu jetzt noch eine Ehrung nötig sei und vor allem was koste eine solche Zeremonie den Steuerzahler? 

Vor allem aber zeigte die Rede Macrons, was in der deutschen Kulturlandschaft fehlt: Eine tiefe Wertschätzung der Kulturschaffenden, ihre Einbeziehung als Teil des Staates und seiner Kultur. „Lieber Jean-Paul, Sie zu verlieren, bedeutet einen Teil unseres Lebens zu verlieren“, sagte Macron sichtlich bewegt. Diese Rede Macrons führte nicht nur zu Tränen im Publikum. Sie gehört zu den besten, die französische Präsidenten bei einer Hommage National je gehalten haben. Ihr folgten nicht nur die Anwesenden und in Sondersendungen unzählige Franzosen an Fernsehbildschirmen, sondern auch tausende, die sich vor dem Hôtel des Invalides versammelt hatten und der Live-Übertragung aus dem Ehrenhof folgten. 

Nach der Rede verneigte sich Macron nach einer Gedenkminute vor dem Sarg Belmondos, ein Chor der französischen Streitkräfte sang die Nationalhymne. Dann traten die Sargträger heran, schulterten den Sarg – und etwas unerwartet Wunderschönes geschah. Die Militärkapelle stimmte Chi Mai an – die großartige Komposition des mehrfachen Oscar-Preisträgers Ennio Morricone. Sie wurde bekannt als Filmmusik eines der erfolgreichsten Filme Belmondos Le professionel. Darin verkörpert er den französischen Geheimagenten Josselin Beaumont, der von den Politikern seines eigenen Landes verraten und so dem sicheren Tod preisgegeben wird. Doch er schlägt dem Staat ein Schnippchen und rächt sich auf elegante Art – um am Ende auf Befehl eines düpierten Innenministers erschossen zu werden. 

Als der Sarg sich in Bewegung setzt und Chi Mai erklingt, beginnen einige der Trauergäste zu applaudieren, der Applaus setzt sich wie eine Welle fort, durch den gesamten Ehrenhof und unter den tausenden vor dem Gebäude. Die Kameras zeigen unzählige Gesichter von Bürgern, von Schauspielern, von Gästen, die tief bewegt sind, mit ihren Tränen kämpfen oder ihnen freien Lauf lassen – und dabei nicht aufhören, Belmondo inbrünstig zu applaudieren. Ein verbindendes Momentum, das unter die Haut geht. Das vom Elysee-Palast veröffentlichte Video steht im Internet – und es ist unbedingt sehenswert.

Wohl kaum niemand wünscht sich den verstaubten Obrigkeitsstaat zurück, der das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig erschuf. Niemand wünscht sich das Pathos zurück, das die Begleitmelodie zweier von Deutschland geführter Weltkriege war. Und niemand muss sich wünschen, dass Deutschland Frankreich imitiert. Aber man darf sich einen Staat wünschen, der durch Gebäude, Zeremonien und Symbole zeigt, für welche Werte er steht. Man darf sich eine Aufwertung von Respekt vor den Künstlern und der Kunst wünschen, ohne gleich fehlenden Respekt vor anderen Gruppen zu argwöhnen. Man darf sich mehr öffentliche und neidfreie Ehrung von Leistung, von Lebensleistung wünschen und ein entkrampftes Verhältnis zu Ehrungen und Zeremonien. Und einen so selbstbewussten Staat, dass er den Geehrten überlebensgroß über eine Zeremonie hinweglachen lässt – und zum Abschied eine Melodie anstimmt, die auf so vielen Ebenen unverkrampfte Leichtigkeit zeigt. 

Unser Autor hat fünfzehn Jahre in Frankreich gelebt und ist immer noch fasziniert vom der Harmonie zwischen Zeremoniell und Leichtigkeit.




Julien Reitzenstein befasst sich als Historiker mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere des Nationalsozialismus, Demokratiegeschichte und Ideologiegeschichte. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher „Das SS-Ahnenerbe und die Straßburger Schädelsammlung – Fritz Bauers letzter Fall“ (2. Auflage 2019) und „Himmlers Forscher – Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im Ahnenerbe der SS.“ (2. Auflage 2019). Er ist Initiator verschiedener Projekte zur Gedenkkultur, unter anderem zum Blick von Shoa-Überlebenden auf die Wannseekonferenz, der Dienstvilla des Bundespräsidenten und Villen des jüdischen Großbürgertums, beispielsweise Villen in der Berliner Pacelliallee. Als Autor betrachtet Julien Reitzenstein aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in ihrem historischen Kontext. Seine Essays erscheinen u.a. in der WELT, der Neuen Zürcher Zeitung, dem Cicero, der PRESSE, der ZEIT, der Jüdischen Allgemeinen, etc. – einige sind auf seiner Homepage zu finden. Julien Reitzenstein lebt im ländlichen Südwesten Irlands.