Zions falsche Freunde

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Nach Frankreich ist auch Deutschland zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden. Doch wenn der muslimische Flaggenverbrenner glaubt, im Land der Täter auf Solidarität zu stoßen, so täuscht er sich. Der biodeutsche Antisemit ist in Deckung gegangen – und oft versteckt er sich hinter seiner Freundschaft zu Israel.

Der Judenhass im islamischen Raum ist ein Fakt. Er gründet sich auf der wenig originellen Ansicht, dass ja einer an allem Schuld sein muss – und auf das Hauptwerk des Religionsstifters, auf den Koran. Den Juden oder genauer, den Nachkommen des Propheten Jakobs, wird darin zwar als „Buchgläubigen“ ein gewisser Respekt zuteil, doch nur solange sie sich dem Herrschaftssystem der „Rechtgläubigen“ unterordnen. Emanzipation ist nicht vorgesehen, das besagt auch schon die Sure 5 Vers 32, die in vielen Talkshows als Beleg für die angebliche Friedfertigkeit des Islams herhalten muss:

„Aus diesem Grunde haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält.“

Das klingt schwer nach Jesus und den Seligsprechungen aus der Bergpredigt. Doch wer glaubt, dass diese Säusel-Sure sich auch auf die Rechtgläubigen beziehen könnte, muss nur ein paar Verse weiterlesen:

„Der Lohn derjenigen, die Allah und seinen Gesandten befehden, ist indessen (der), dass sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden und sie aus dem Land vertrieben werden.“

Beide Verse im Zusammenhang gelesen machen klar, was der Koran auch ist: Eine Anleitung zur Unterdrückung der Andersgläubigen.

Eingefrorenes Fossil

Nun ist auch die Bibel voller Grausamkeiten, doch während auf den mittelalterlichen Papismus die Reformation folgte, auf naive Buchstabengläubigkeit (Skripturalismus) die neuchristliche Hermeneutik mit historisch-kritischer Textexegese, wirkt der praktizierte Islam (von wenigen progressiven Ausnahmen abgesehen) wie ein in der letzten Eiszeit eingefrorenes Fossil. Im Gegensatz zur weit überwiegenden Mehrheit der Christenheit, die die Bibel heute für ein zeitgebundenes Menschenwerk hält, stellt der Koran für die Muslime selbst ein „göttliches Wesen“ dar – eine Auslegung (al-tafsīr) findet nur dann statt, wenn sich aus der Überlieferung der Verse Widersprüche ergeben.

Da nimmt es nicht wunder, dass auch der Gründer selbst, Mohammed, den Irrungen und Wirrungen des Diesseits längst entschwunden ist und zum „heiligen Siegel“ mystifiziert als „letzter Prophet“ auftritt. Mit anderen Worten: Es kommt keiner nach! Niemand, der den Islam in eine andere zeitgemäße Richtung lenken könnte – kein Luther (dessen bekannt judenfeindliche Einstellung auch keinen Gewinn bedeutet hätte), kein Calvin, kein Bultmann. Eine Sackgasse im Niemandsland! Und „No Direction Home!“, um es mit Bob Dylan zu sagen.

Keine Scheu vor dem ultimativen Tabubruch

Vor diesem Hintergrund wirkt der islamische Antisemitismus wie ein Heiliger Feldzug, ein Dschihad, ausgestattet mit den höchsten Weihen, die eine Religion vergeben kann: dem göttlichen Auftrag!

Doch es gibt auch (Achtung Ironie!) Positives zu berichten: Im Gegensatz zu anderen macht der muslimische Antisemit aus seinem Herzen keine Mördergrube! Er kümmert sich nicht um Stilfragen, er trompetet seinen Judenhass offen heraus, verbrennt lustvoll Fahnen und hat auch ansonsten keine Scheu vor dem ultimativen Tabubruch: „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“ konnte man verschiedentlich auf palästinensischen Demos in Deutschland hören. Er tut dies unter anderem auch, weil er glaubt, im Land der Täter Beifall für seinen antizionistischen Furor zu finden.

Doch da liegt er falsch: Ausgerechnet in Deutschland, wo hinter verklinkerten Reihenhausfassaden noch immer viele Nachfahren der SS-Mörder das „historische Erbe“ kultivieren („Es war nicht alles schlecht“ und „Auch das Dritte Reich gehört zu unserer Vergangenheit “), regt sich kaum eine Hand zum Applaus. Beifall gibt es nur von den BDS-Fanatikern und der antiimperialistischen Szene, die immer und überall den „Befreiungskampf“ gegen die „zionistische und amerikanische Unterdrückung“ propagieren. Und natürlich geizt auch das aufgeklärte Bürgertum nicht mit intellektuellen Verrenkungen, indem es einerseits die antisemitischen Ausschreitungen der letzten Tage verurteilt, sie aber trotzdem mit viel Verständnis angesichts der „empörenden Annexion Ost-Jerusalems“ einkleistert. Ist Deutschland also erfolgreich entnazifiziert? Der Antisemitismus nur noch ein „Privileg“ der Linken und Muslime?

Bewunderer der größten Feuerkraft im Nahen Osten

Äußerungen von führenden Vertretern der AfD und ihr nahestehenden Gruppen legen das nahe. Nirgendwo sonst wird so intensiv über die Freundschaft zu Israel geredet wie bei den Rechtspopulisten. Nach dem bewährten Motto, der Feind meines Feindes ist mein Freund, bewundert man offen jene Macht im Nahen Osten, die über die größte Feuerkraft sowohl gegen sunnitische Terroristen als auch gegen schiitische Tyrannen verfügt. Nicht nur jüdisch-amerikanische Think Tanks und Spendensammler sind davon beeindruckt und überweisen großzügig Geld an die neuen Israel-Fans. Auch die leicht überschätzte Theorie-Gruppe Bahamas der ehemals linksradikalen Antideutschen arbeitet an einer behutsamen Rehabilitierung des rechten Lagers. Die Frage „Wie halte ich es mit Israel?“ ist für sie zu einer Art Lackmus-Test für eine einwandfreie Gesinnung geworden. Einer Ihrer Vordenker, Martin Stobbe, erklärte vor knapp einem Jahr: „Nach Auschwitz und nach der Staatsgründung Israels habe ich noch keinen Antisemiten getroffen, der nicht ein strammer Antizionist war.“ Was im Umkehrschluss heißt: Ein Zionist kann kein Antisemit sein! Wie viel Spaß es dann noch macht, antideutsch zu sein, wenn einem die Deutschen ausgehen, steht auf einem anderen Blatt.

Deutsche Wehrmachtssoldaten nicht übel!

Einer dieser rechten Zionisten ist Alexander Gauland, der einerseits betont, „an der Seite Israels zu stehen“ und andererseits behauptet, dass das „Existenzrecht“ Israels nicht zur „deutschen Staatsräson“ gehört. Noch unverfrorener argumentiert das Internetorgan des ehemaligen taz-Redakteurs und jetzigen Rechts-Bloggers Thomas Böhm, Journalistenwatch, das wie Die Zeit recherchierte, von den israelfreundlichen Middle East Studies des amerikanischen Historikers Daniel Pipes unterstützt wird. Zu dem von Alexander Gauland geäußerten Stolz „auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ heißt es auf Journalistenwatch: „Im Nachhinein betrachtet haben sie halt das Falsche geleistet. Aber die Leistung als solche war nicht übel, so von 1939 bis 1941.“ Eine Zuschreibung, die dem Autor Max Erdinger übrigens ein „innerer Reichpsarteitag“ war. Nicht übel – so von 1939 bis 1941 – war dann wohl auch die Beteiligung deutscher Soldaten an den von den Einsatzgruppen kommandierten „Säuberungen“ der besetzten polnischen Gebiete von „jüdischen Elementen“, ihre Sammlung und massenhafte Ermordung, die den Auftakt zum Holocaust bildete. Können Leute, die das nicht übel finden, Freunde und Geldempfänger jüdischer Organisationen sein? Man darf sich wundern.

Geschichte Israels als antiislamischer Action-Comic

Geht das überhaupt zusammen, die Parteinahme der Rechten für den Zionismus und die von Höcke geforderte „180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungskultur“? Die Begeisterung für Israel und die Ablehnung des „Denkmals der Schande“? Oh ja, das geht! Und zwar aus denselben Gründen, mit denen auch viele Linke Ihren Antisemitismus bemänteln. Indem man nämlich den Staat Israel seiner jüdischen Identität und seiner jüdischen Geschichte beraubt und ihn auf eine Art antiislamischen Action-Comic mit einer simplen Gut-Böse-Erzählstruktur reduziert. Auf diese Weise wird aus Israel ein x-beliebiges politisches Gebilde, das sich als Folie für alle möglichen Obsessionen eignet, sei es für Israel oder dagegen. Letzteres etwa bei Jakob Augstein, der in gefühlt drei von zehn seiner Spiegel-Kolumnen seine Abneigung gegen die Juden im Heiligen Land zur veritablen Verleger-Meise erhoben hat.

Ein Paradoxon, aber nicht gänzlich überraschend in einem Land, das seine antisemitischen Wurzeln von Martin Luther bis zum Hofprediger Adolf Stoecker, von dem Wagner-Biographen Houston Stewart Chamberlain bis hin zum Filmemacher Rainer-Werner Fassbinder, nie ausgerissen, nur gut versteckt hat. Ein Salonantisemitismus der verfeinerten Sorte, der sich selbstverständlich niemals mit dem ungebildeten Hamas-Proll von der Straße gemein machen würde, obwohl er mit ihm in vielerlei Hinsicht deckungsgleiche Ansichten über das „jüdische Übel“ in der Welt teilt. Und wenn er mal sein Gesicht offenbart, dann nur mit maliziösem Lächeln und in Sätzen wie: „Aha, Sie sind Jude, wie interessant. Haben Sie eigentlich die deutsche Staatsbürgerschaft?“ Oder: „Für einen Araber verhalten Sie sich ganz schön jüdisch.“ Oder: „Als Rechtsanwalt verdienen Sie sich mit diesen Restitutionsansprüchen doch sicherlich eine goldene Nase.“ Eine Zitatensammlung, die man beliebig fortsetzen kann.

Perfektes Beispiel für den Ethnopluralismus?

Da trifft es sich gut, dass die Existenz Israels perfekt in das ideologische Konzept des Ethnopluralismus zu passen scheint – in die von den Identitären und den amerikanischen Breitbart-Bloggern um Stephen Bannon propagierte Idee von der Trennung der Völker zur „Reinhaltung der Kultur“. Unterschlagen wird dabei, dass Israel wie kaum eine andere Gesellschaft ein Multi-Kulti-Staat ist, in dem Juden, Christen, Drusen und Moslems aus unterschiedlichsten Ländern und Glaubenstraditionen (meist) friedlich zusammenleben. In einem eigenen Staat – die Madagaskar-Lösung lässt grüßen – ist der Jude akzeptabel, vielleicht sogar hilfreich, wenn sich mit ihm die eigene Feuerkraft verstärken lässt, aber wehe, er kommt auf die Idee, sich als Teil der „deutschen Volksgemeinschaft“ zu fühlen, wie er es Mitte des 19. Jahrhunderts schon mal versuchte. Der Jude mochte Industrieller gewesen sein, Wissenschaftler oder Künstler, glühender Monarchist und bereit, in den Schützengräben vor Verdun für das Vaterland zu sterben, er blieb trotzdem ein Fremder, den man wegen seiner Nichtzugehörigkeit nach Auschwitz schickte. Alle Anstrengungen zur Assimilation und Emanzipation waren vergebens. Wer wie zahlreiche Deutsche (nicht nur in der AfD!) unter diese Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen möchte, hat die Geschichte, die zur Gründung des Staates Israel führte, nicht verstanden und kann schon gar kein Freund der Juden sein.

Keine Gefahr vom biodeutschen Antisemitismus?

Nun mag man einwenden, dass vom biodeutschen Antisemitismus derzeit keine große Gefahr ausgeht. Ein jüdischer Student, der heute mit Kippa durch Neukölln läuft, hat andere Sorgen, als sich mit Kryptofaschisten aus der AfD herumzuschlagen. Doch das Zusammentreffen des jüdischen Gastronomen Yorai Feinberg mit einem deutschen Nazi mitten in Berlin-Schöneberg („Ihr werdet alle in den Gaskammern landen“) vor wenigen Tagen sollte ein Alarmsignal sein.

Ein Blick in die Geschichte genügt: Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 wütete ein antisemitischer Mob durch die Berliner Straßen, in ihrer Spontaneität nicht unähnlich den Wutdemos in Neukölln gegen Israel. Es waren die Schläger der SA. Im Sommer 1934 wurden Ernst Röhm und die Spitzen seiner Kampforganisation auf Druck konservativer Kreise in der „Nacht der langen Messer“ durch die SS-Leibstandarte liquidiert. Das Bürgertum atmete auf, unter ihnen auch viele Juden. Da standen die Nürnberger Gesetze erst noch bevor.




Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.