Didier Eribon: Rückkehr nach Reims Suhrkamp-Verlag

Rückkehr nach Reims

Der französische Philosoph und Soziologe Didier Eribon hat mit „Rückkehr nach Reims“ zugleich eine berührende Geschichte seiner selbst und seiner Familie als auch eine Kritik an der postmodernen Linken geschrieben

Didier Eribon ist ein erfolgreicher Philosoph und Soziologe, Professor an der Universität Amiens. Er verkehrte mit Michel Foucault und Pierre Bourdieu, dessen Arbeiten zum Thema Habitus er auf das Thema Sexualität übertrug. Eribon tritt in Frankreich im Fernsehen auf, ist ein bekannter Streiter für die Rechte von Homosexuellen und selbst bekennender Schwuler. Reims, seine Heimatstadt, hat er als junger Student verlassen. Eribon fand alles an seinem Leben in Reims unerträglich: Die Enge des Arbeiterklassehaushaltes, aus dem er stammte, seinen großmäuligen, homophoben Vater, der Kommunist war und gleichzeitig ein autoritärer Reaktionär. Er hasste die Bigotterie der Stadt, die Verfolgung der Schwulen, die Angst, nie akzeptiert zu sein, weder als Schwuler noch als heranwachsender Intellektueller. Reims war für ihn die Vergangenheit, alles, was er zurückließ, als er nach Paris zog. Sogar die Familiengeschichte, seine promiskuitive Großmutter, die auch eine Affäre mit einem deutschen Besatzungssoldaten hatte, seine gesamte Herkunft verschwieg er. Sie war ihm peinlich, ja mehr, sie war kein Teil von ihm. Mit seinem Umzug nach Paris erfand sich das Arbeiterkind Didier Eribon neu. Und dann starb sein Vater.

Eribon machte sich auf den Weg nach Reims, um gemeinsam mit seiner Mutter den Nachlass zu regeln. Und diese Rückkehr nach Reims ist eine Rückkehr zu sich selbst. Die alten Kommunisten, stellt er fest, wählen längst den Front National. Auch einer seiner Brüder wählt die Rechten und seiner Mutter, die sagt, sie hätte den FN nie gewählt, glaubt er nicht.

Aber zum ersten Mal seit Jahren redet er mit ihr. Sie erzählt ihm, wie stolz sein Vater war, als er ihn in einer Talkshow sah und dass er bereit war jeden zu verprügeln, der sich über seinen schwulen Sohn lustig machen wollte. Und Eribon fängt an seine Eltern zu verstehen, ihr Leben, das aus harter Arbeit und zerstörten Träumen bestand, aus Stolz auf die eigene Leistung, die doch immer weniger anerkannt wurde.

Und er macht sich Gedanken über das Verhältnis der Linken, der er sich zugehörig fühlt, zur Arbeiterklasse. Eribon beschreibt, wie sich die französische Linke – und tatsächlich die Linke in der gesamten westlichen Welt – ab den 80er Jahren von den Arbeitern entfernte, sie ignorierte und wie Schröder und neuen Politikkonzepte suchte, die mit der alten Solidarität mit der Arbeiterklasse brachen. Ihm wird klar, dass das Bündnis zwischen Arbeitern und Linken nie natürlich und so eng war, wie viele Linke es glaubten, dass es immer einen großen Anteil an Arbeitern gab, die rechts wählten, dass der Internationalismus auch bei ihnen oft nicht mehr als Floskel war und sich nicht auf den ausländischen Kollegen am Band bezog, der als Konkurrent wahrgenommen wurde. Aber Eribon sieht auch das Versagen der Linken, das auch sein eigenes ist. Er wirft sich vor, dass er nicht einmal versucht hat, seine Leidenschaft an Bildung und Büchern mit seinen kleinen Brüdern zu teilen. Und er wirft der Linken vor, sich nicht mehr um die Arbeiter gekümmert zu haben – eine Aufgabe, die ihr nun bevorsteht, will sie die gesamte Schicht nicht an die Rechte verlieren. Und dabei hat sie die Arbeiterklasse ernst zu nehmen, auch mit ihren Ressentiments, denen man nur entgegentreten kann, wenn man sich ihnen stellt: „Wenn sich die Linke als unfähig erweist einen solchen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich.“

Rückkehr nach Reims“ ist ein sehr persönliches Buch. Es ist Eribons Coming-Of-Age Geschichte, es ist eine Reise durch die von Brüchen gekennzeichnete Geschichte einer französischen Arbeiterklassefamilien, es ist seine eigene Abrechnung mit sich selbst und der Linken, es ist ein Buch voller Fragen und mit wenigen Antworten und es ist an viele stellen so schön und warmherzig geschrieben, das man beim Lesen verzweifelt.



Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.


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