Donald Trump in Las Vegas
Donald Trump im Frühjahr in Las Vegas CC BY-SA 2.0 Gage Skidmore

Und noch ein Trump-Rant

Viele geben ihren Senf zu Trump. Hier noch ein bisschen.

Ich weiß, viele lassen sich dazu aus. Im Wohlstand, im Frieden, in einer Demokratie lebend und auf der anderen Seite des Atlantiks kostet das ja zunächst nichts. Und Donald Trump zu bashen ist eigentlich langweilig, weil einfach und schon so oft geschehen, in tausenden Variationen. Aber nun will ich auch. Wohl wissend um die Gefahr, als ein halbwissender Erklärbär zu erscheinen.

Ich mochte und mag George W. Bush. Ich mochte ihn, seine leutselige, nahbare Art, ich glaubte und glaube ihm, dass er Gutes tun wollte, auch als er den Irak mit dem Massenmörder Saddam Hussein angreifen lies. Ich sah in ihm nie den blutrünstigen Kriegsherrn, ganz im Gegenteil. Ich verachtete Leute wie Michael Moore, die ihn billig in den Dreck zogen. Ich verachtete die hunderttausenden Demonstranten in Deutschland, in Europa, die gegen ihn auf die Straßen gingen. Jene, die jetzt zum großen Morden in Syrien von welcher Seite auch immer schweigen.

Ich mag auch Barack Obama sehr. Er könnte einen schrecklichen Fehler in jenem Syrien gemacht haben, auch wenn ich diesen nach dem Lesen des „The Atlantic“-Artikels „The Obama Doctrine“ zumindest nachvollziehen kann. Denn, so scheint es: Vielen Beobachtern, egal, was die USA auch machen oder ließen im Irak, in Afghanistan, jetzt in Syrien, erscheint alles falsch.

Ich nehme Obama seine Menschenliebe, seine tiefe Anteilnahme ab. Etwa als er nach einem Massaker an Schwarzen unvermittelt „Amazing Grace“ sang. Als er mit einer Uralten tanzte, die noch die Unterdrückung voll erlebt hatte. Ich nehme ihm ab, dass er nach bestem Wissen und Gewissen handelt, dass er die Belange seines Landes mit vollem Einsatz zum besten für alle seine Bürger wenden wollte. Ich liebe auch seinen Late-Night-Humor, bewundere seine Klugheit.

Damit will ich sagen: Ich bin kein Antiamerikaner, zumindest in dieser Hinsicht kein besserwissender Klugscheißer aus dem Alten Europa, der sagt, die Amerikaner hätten ja keine Kultur und Mario Barth guckt. Ich verehre die USA. Die Musik, die Filme, die Offenheit vieler Menschen, den wahrhaftigen Schmelztiegel, die technischen Errungenschaften, die wir wohl alle tagtäglich nutzen. Ich bin dankbar für die Befreiung Deutschlands, auch für die vielen Bomben auf jene Gesinnung, die manche meiner Verwandten ermordete.

Schon lange dachte ich, wenn es darum ging, wo eine neue, grundlegende Gefahr für die Menschheit entstehen könnte, dass technische Analphabeten wie ISIS und Al-Qaida eher keine solche Gefahr darstellen würden. Sie können, wie sie schon bewiesen, beinahe unvorstellbare Gräueltaten vollbringen, Tausende dahinmorden auch im Westen. Sie würden gerne die ganze Welt in eine freudlose Salafisten-Islam-oder-Kopf-ab-Scharia-Ödnis verwandeln, wenn sie denn könnten. Aber global gesehen wären sie eher zu vernachlässigen. Diese Leute können ja manchmal vielleicht guten Hummus und Mussabaha machen, morden, aber in den meisten Fällen nicht mal eine Kugel für eine Kalaschnikow herstellen.

Auch darbende und doch technisch versiertere Unrechts-Staaten wie die wahrscheinliche Bald-Atommacht Iran und das hungernde Nordkorea könnten Schreckliches vollbringen, mit einer Bombe Großstädte vernichten. Aber die ganze Welt entzünden? Eher nicht, dafür sind sie zu schwach. Nordkorea könnte in einem irren Kim-Jong-un-Verzweiflungsschlag Seoul angreifen, der Iran könnte versuchen, eine Atomrakete nach Israel zu schicken, die hoffentlich – ich weiß nicht wie – abgefangen werden könnte, aber dann gäbe es auch schon keinen Iran mehr. Auch dank deutscher U-Boote.

Also dachte ich schon länger, dass eine weltschlimme Gefahr drohte, wenn ein hochentwickeltes, reiches Land, ein Licht der Forschung und der Kultur, so wie Deutschland es vor Hitler war, einem Faschisten zu Füßen liegen würde. Aber das, so dachte ich, würde in den USA schon nicht geschehen und wenn, dann vielleicht erst in ferner Zukunft. Ich irrte mich. Als Trump von den Republikanern als Präsidentschaft-Kandidat nominiert wurde, der Brexit durchging, war ich mir schon gar nicht mehr sicher und fürchtete das Schlimmste. Jetzt ist es geschehen. AfDler und Pegidisten in Deutschland, rechtsextreme Europäer jubeln.

Das erste Mal wirklich reden hörte ich Trump, als er jene Vorwahlen der Republikaner gewann und einen Triumph-Monolog hielt. Davor hatte ich viel über ihn gelesen, etwa einen langen Artikel aus dem „New Yorker“, auf Hebräisch übersetzt im „Der kleine Prinz“-Café in Tel Aviv. Hier hatte ein Journalist Trump wochenlang beim Vorwahlkampf begleitet, als noch kaum jemand mit ihm rechnete, er von den meisten als Witzfigur abgestempelt wurde, die keine Chance haben würde.

Der Journalist beschrieb, wie er stundenlang mit Trump zu einem Auftritt flog, Trump einen Berg Akten mit Fakten vor sich hatte, die er eigentlich lesen sollte, um sich zu informieren, Trump aber nicht einmal einen Blick da rein warf, sondernd nur redete, redete und redete. Bei der Wahlkampfrede glänzte er dann, redete aus dem Stehgreif, nahm die jubelnde Masse mit, warf Dinge ungeprüft als Fakten ein, über die er zuvor mit dem Journalist im Flugzeug gesprochen hatte. Der Journalist war von Trumps Schläue schwer beeindruckt, kam schon damals, ich glaube es war im Sommer 2015, zum Schluss, dass man mit diesem Mann rechnen müsste.

Und doch dachte ich, bevor ich ihn dann das erste Mal lang und live reden sah, vielleicht ist er ja nicht ganz so schlimm. Vielleicht ist da auch ein wenig Hysterie dabei, vielleicht übertreiben die Beobachter etwas, reissen seine Worte etwas aus dem Zusammenhang, vielleicht sind manche auch von offenem oder latenten Antiamerikanismus getrieben wie damals bei Yung Bush.

Nachts wachte ich auf, schaute eine Stunde lang ungläubig den Livestream aus den USA. Wie er stümperhaft und vollkommen schamlos log, sich widersprach, wie er mit seiner Kindergartensprache gegen Minderheiten geiferte, Deportierungs-Squads ankündigte. Ich schaute dann in drei Nächten alle Duelle mit Clinton, mein Entsetzen wuchs mit seinen Ausfällen. „Wrong!“, „wroong“, „wroooong“.

Mir scheint er ein gefährlicher, zynischer Demagoge zu sein, eine Paarung aus abgrundtiefer Ignoranz, geistiger Faulheit und Bauernschläue mit einem Herz voller Verachtung und bald einer Hand am Alu-Atomkoffer, den er ohne Absprachen, ohne Absicherungen nutzen kann.

Eine hochtechnisierte Supermacht wie die USA könnte mit ihren rund 8000 hochpotenten Atomsprengköpfen wahrhaftig die Welt in einen Feuerball verwandeln. Der Autokrat Putin, der mit Trump für Russland einen guten Freund fand und förderte, hat ein ähnliches Nuklearwaffen-Arsenal und ist ähnlich unberechenbar, skrupellos. Wie lange hält so eine Freundschaft zwischen einem Halb- und einem Voll-Psychopaten und wann schlägt sie in Zerstörungswillen um?

Mich wundert, wie manche Zeitgenossen die Gefahr durch Trump nicht sehen. Ihn verharmlosen, als Phänomen halb bewundern, ihn vielleicht schon aus Daffke nicht so schlecht finden, weil es, wie erwähnt, so einfach ist, ihn zu verteufeln. Weil er interessant ist. Und das stimmt: Ein Freund sagte nach dem Trump-Sieg, es sei so wie in einer spannenden Serie, bei der man denkt, alles sei vorbei und in der letzten Episode kommt ein Cliffhanger für mindestens vier weitere Staffeln.

Wenn er nicht bald Präsident der Vereinigten Staaten, der militärmächtigsten Entität der Menschheitsgeschichte, sondern weiterhin ein Pleitegeier, ein Reality-TV-Star wäre, der Leichtgläubige mit seiner betrügerischen „Trump University“ um Geld erleichtert, wäre es ja auch alles weiterhin witzig und ein bisschen niedlich.

Ich hoffe sehr, ich selbst bin im Unrecht und irre, spiele mich auf, wie damals die Anti-Bush-Demonstranten. Vielleicht meint er nicht, was er sagt. Vielleicht ist er ja doch nur ein harmloses Bärchen, das die USA „great again“ macht oder ein „Teil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Hoffen wir.




Til Biermann ist Reporter bei "B.Z." und "Bild" und treibt sich in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.


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