Es gibt tatsächlich Feste, die ansteckend sind. Sie können Tausende Kilometer entfernt stattfinden – und doch springt der Funke über in alle Damen Länder, es wird in Gesellschaft Bier getrunken, gemeinsam gesungen und begeistert gebrüllt. So ein Fest, genauer: so ein Sportfest, ist über Jahrzehnte die Fußball-Weltmeisterschaft gewesen. Neben dem geselligen, weltumspannenden Feiern und Bangen hat sie epische Erzählungen hervorgebracht, die fast in den Rang von Mythen aufgestiegen sind. (Ach, was gäbe ich dafür, wenn ich noch mein Panini-Album von 1966 hätte!) 

Ich freue mich als Fußballbegeisterter, wenn jetzt morgen die WM in Katar angepfiffen wird, aber es ist eine sehr verhaltene Freude. Über die Bedingungen vor Ort und das Zustandekommen ist genug geschrieben worden. Es ist ein Skandal, und der Skandal hat vor allem vier Buchstaben: FIFA. Diese Organisation ist kleptokratisch, korrupt und eine Ärgernis für jede Rechtsstaatlichkeit: Gerne besteht sie darauf, Länder und Verbände zu maßregeln, wenn sich der Staat in die unsauberen Machenschaften nationaler Fußballverbände einmischt, und es gelingt ihr umgekehrt, als Saubermann dazustehen, wenn ein korruptes und kleptokratisches Regime sein Personal im nationalen Fußballverband durchdrücken will. Doch gleichzeitig schaffte es die Macht dieser Organisation, in WM-Austragungsländern um die Stadien herum quasi Enklaven eigener Rechtsstaatlichkeit zu etablieren (in Katar, den Brüdern im Geiste, etwas weniger). Es ist auffallend und sehr bedenkenswert, wie moralisch bankrott und mafiös vergiftet die großen überstaatlichen Organisationen wie FIFA und IOC (Olympisches Komitee) mittlerweile sind – aber leider waren sie noch nie ein Hort der Integrität und Transparenz, weil echte Kontrollgremien und -Verfahren fehlen. So wie bisher geht es jedenfalls nicht weiter.

ABER ES SOLLTE DOCH EIN ARABISCHES LAND SEIN!

Der Ehrlichkeit halber muss aber auch gesagt werden, dass ein Grund für die WM-Vergabe an Katar nicht nur in seinen ominösen Geldflüssen, geopolitischen Ambitionen und Nabob-Angebereien liegt, sondern auch in den seit Jahrzehnten vorgebrachten Forderungen, die WM müsse auch mal in Afrika und in einem arabischen Land stattfinden. Forderungen übrigens, die von postkolonialer, antiwestlicher Seite besonders lautstark artikuliert oder mit Applaus unterstützt wurden, während man sich jetzt auf einmal über die Menschenrechtslage ganz besonders erschrocken zeigt. Welches arabische Land wäre denn dann opportun gewesen? Marokko aus dem „globalen Süden“ hatte sich noch interessiert gezeigt. Ein wunderschönes, sehr interessantes Land übrigens. Aber fragen Sie besser nicht nach den Menschenrechten!

Jetzt geht es also morgen los – und dass man nach der WM 2018 in Russland, das interessanterweise (sic) nicht so viel Empörung wie Katar abbekommen hat, nicht mehr all zu viel Erwartungen hegt, ist nicht verwunderlich. Immerhin ist eines sicher: Man wird nicht mehr mit Umfragen traktiert, die besagen, dass sich Menschen, die sich ohnehin nicht für Fußball interessieren, die WM nicht anschauen werden. Fans der großen Fußballspiele, -siege und -tragödien wie ich werden aber ein wenig unglücklich sein und trotzdem gucken. Man kann sich ja einreden, man wäre ohne Kirche noch sehr gläubig. Aber zu wissen, da rollt ein Ball und die besten Fußballer dreschen ihn aufs Tor, und man will aus Protest nicht dabei sein – das funktioniert nicht wirklich. Und wenn Neuer wieder weit rausläuft, um die Löcher in der Abwehr zu stopfen, ja, dann denke ich halt in dem Moment gar nicht an den Skalvenhalterstaat außerhalb des Stadions. Aber dann nach dem Abpfiff wieder.

Ehrlich, damals schon, nach der Nacht in Rio 2014, hatte ich das Gefühl, so schön würde es nie wieder werden. Ach, möge ich doch irgendwann eines Besseren belehrt.