Deutschland ist auch, was das Thema Einwanderung angeht, eine „verspätete Nation“. Erst seit rund zwanzig Jahren wird es weitgehend akzeptiert, dass wir ein Einwanderungsland sind, obwohl anhand von Familiennamen schon immer erkennbar war, dass Einwanderung ein genuiner Bestandteil der Nation und Nationwerdung war. Trotzdem brauchte es bis zur rot-grünen Koalition zwischen 1998 und 2005, dass der Geburtsort beim Staatsangehörigkeitsrecht Geltung erhielt (ius solistatt ius sanguinis). Daneben gab es schon länger die Möglichkeit, sich quasi in die deutsche Staatsangehörigkeit hineinzuarbeiten – ein Prozess, der auf den ersten Blick den Vorteil hatte, dass man durch Zeit die Spreu vom Weizen trennte: wer lange durchhielt, der musste es ja ernst meinen mit dem Deutschwerden. Aber diese Epoche zermürbender deutscher Gemächlichkeit ist vorbei. Angesichts der notwendigen Anpassung an die schon vorherrschenden und die kommenden rasanten Veränderungen, an die zunehmende Konkurrenz und den intensivierten globalen Wettbewerb kann man das nun veränderte Aufenthaltsrecht – „Chancen-Aufenthaltsrecht“ genannt –, das Kettenduldungen reduziert und den Erwerb des deutschen Passes nach fünf Jahren ermöglicht, nur als vernünftig bezeichnen. Der gelegentliche Einwand, erst am Ende der Integration dürfe die Belohnung der Staatsbürgerschaft stehen, kann nicht einleuchten, denn wer fünf Jahre in Deutschland arbeitet, Steuern und Abgaben zahlt, die Gesetze respektiert, hier vielleicht Kinder in die Schule schickt und sich die deutsche Sprache bis zur Partizpationsfähigkeit aneignet, der ist mehr integriert und hat mehr für das Land getan als jemand, der zum Beispiel arrogant und realitätswidrig behauptet, es gebe keine deutsche Kultur. Liegen diese Bedingungen vor, keine Straffälligkeit und keine Verschleierung der Identität – ja, warum sollte diese Person nicht die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen und erwerben sollen? Sie hat die wichtigsten Einwanderungsmotive, hier leben und eine Existenz aufbauen zu wollen, unter Beweis gestellt. Da kann es tatsächlich egal sein, ob die Person als Flüchtling, Asylsuchende oder Migrant ins Land gekommen ist. 

DIE SACHE MIT DEN „FACHKRÄFTEN“

Aber das ist ja erst der Anfang. Die Koalition hat ja noch mehr vor: eine Verkürzung der Asylverfahren und eine gezielte Förderung der Zuwanderung von Fachkräften zum Beispiel. Was die Asylverfahren angeht – da braucht es in erster Linie Beamte, die den überlaufenen und überforderten Ausländerbehörden Entlastung verschaffen und den Staat in die Lage versetzen, abgelehnte Asylbewerber wieder zurückzuschicken. Und doch wird das oft nicht gehen, und dann tut man mit Großzügigkeit in der Regel nichts Falsches, wenn man an Integrationsmaßnahmen festhält. Eine Verkürzung von Asylverfahren bei gleichzeitigem Anstieg der Zahl von Asylverfahren kann ohnehin allerhöchstens einer Verschlimmerung der Situation entgegenwirken – wenn überhaupt –, aber für eine reale Verbesserung wird es nicht reichen.  

Bei der Fachkräfteanwerbung will man sich an Kanada orientieren, einem Konkurrenten auf dem Weltmarkt der Fachkräfte, der schon lange Einwanderung durch ein Punktesystem steuert, dasQualifikation, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung etc. bewertet. Aber anders als Deutschland hat Kanada ja den Vorteil, keine quasi offenen oder auf illegalem Weg zu überwindenden Grenzen gegenüber Artmutsregionen zu besitzen. Der Versuch Deutschlands, legale Wege der Einwanderung einzurichten, ist notwendig, überfällig, ehrenwert – aber nur zu einem Teil von Erfolg gekrönt, wenn es auch hier über das alte und überlastete Ausländerbehördensystem geht und wenn mit der illegalen Einwanderung nicht anders umgegangen wird. Sie über die evangelische Kirche zu fördern, wie es die Bundesregierung im kommenden Jahr allen Ernstes vorsieht, widerspricht der europäischen Solidarität und eigenem Bemühen. 

Für die vermeintlichen Fachkräfte und also die reguläre Migration braucht es eine staatliche, international nutzbare, digitale Arbeitsvermittlung, eine Jobbörse in etwa so einfach und effizient wie Indeed oder Stepstone. Es braucht ein praktikables, schnelles Matching, bei dem der Kontakt der Betriebe mit den Fachkräften im Mittelpunkt steht, und einen gemeinsamen, verpflichtenden Willen zur Integration, der bei der Kontaktaufnahme beginnt und erst endet, wenn die Fachkraft ein Jahr gearbeitet hat bzw. die notwendige Aus- oder Weiterbildung abgeschlossen ist. 

EINE GENERATION VON VERLIERERN

Das allein klingt erst einmal gut und praktikabel. Die entscheidende Frage ist aber: Gibt es all diese Fachkräfte da draußen? Einige schon, Pflegekräfte zum Beispiel. Aber Fachkräfte, die sich in Klimatechnik, den Bau von Elektrolyseuren oder Wärmepumpen auskennen – also Technologien, mit denen die ökologische Transformation vorangebracht werden kann und muss, gibt es die auch? Nein, die gibt es so gut wie gar nicht. Sie müssen ausgebildet oder umgeschult werden. Genau das ist auch der Grund, weshalb man bei den Qualifikationen der Voll- oder Halbfachkräfte zukünftig mehr als ein Auge zukneift. Macht man das bei den Inländern dann auch? Denn das wird nicht unbemerkt bleiben bei den jungen Menschen, die aus unserem Bildungssystem fortgesetzt mit minderen Fähigkeiten in Schreiben, Lesen, Rechnen und einem unterentwickelten Lernvermögen entlassen werden und Schwierigkeiten haben, eine Ausbildung zu bestehen. Und, wie gesagt, den ausländischen Halbfachkräften kommt man gleichzeitig weit entgegen. Eine Generation der Verlierer und Unwilligen wächst heran, ohne dass die notwendige und ernsthafte staatliche Bildungsinitiative irgendwo erkennbar wäre. 

Weil sich heutzutage der Vorwurf, man wolle das eine mit dem anderen gegeneinander ausspielen, so großer reflexhafter Beliebtheit erfreut, kommt hier mein Widerspruch: Nein, so ist es hier nicht. Ich will auf einige Probleme hinweisen, die man beim Thema Einwanderung gerne übersieht.  

Also erstens, noch einmal: Wer von Migration redet, der darf von Ausbildung nicht schweigen. Wer die ausländische Mehr-oder-weniger-Fachkraft einlädt, darf zuvor das Bildungssystem im Inland nicht vergessen – und auch nicht den Arbeitsmarkt, wo Hunderttausende der in den letzten Jahren Eingewanderten noch auf eine Chance warten oder auch nicht. Auch sie müssen mit größter Anstrengung ausgebildet, gecoacht, betreut werden. Ist das irgendwo im Lande vorgesehen? 

Zweitens: Wer von Migration redet, der darf auch nicht den Wohnungsmarkt vergessen. Wo sind momentan die günstigen Wohnungen in großer Zahl, die weitere Migranten, weitere Flüchtlinge, weitere Asylsuchende aufnehmen können? Deutschland erscheint aktuell wie einer jener Teenager, der über Facebook alle in die sturmfreie Bude zur Party einlädt – und dann erstaunt ist, wenn plötzlich Tausende vor der Tür stehen. Wenn es so weiter geht, wird unter den Ärmsten der Wettbewerb um den Wohnraum noch größer werden. Man braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu begreifen, was das bei abnehmendem Wohlstand bedeutet.

Drittens: Mich wundert immer wieder, dass die Fahnenträger des Postkolonialismus den Ländern des Nordens (China nicht, China ist lieb und gehört ja nicht zum raubkapitalistischen Norden) bei jedem Spatenstich außerhalb Europas „Ressourcenimperialismus“ oder „koloniale Ausbeutung“ vorwerfen – wenn der Norden aber ausgebildete Voll- oder Halbfachkräfte den Ländern des Südens und Ostens abwirbt und damit eine bessere Krankheitsversorgung oder schnellere Industrialisierung in den ärmeren Ländern verhindert, so herrscht Stille. Über die Motive lässt sich streiten. Realitätsferne, ideologische Verbohrtheit und moralische Überheblichkeit gehören sicher auch dazu. Die Großbetriebe und Multis freut’s.

Selbstverständlich wird es auch weiterhin Einwanderung geben – und das ist gut so; selbstverständlich werden auch Fachkräfte kommen, die Geld in ihre Heimatländer transferieren und so die Ökonomien dort ein wenig stärken – und das ist gut so. Aber wer Einwanderung nur als Chance sieht und die Probleme nicht im Blick hat, dem wird mehr verderben als gelingen. Ein Polit-Marketing-Kracher wie Kathrin Göring-Eckardts: „Lassen Sie uns Weltmeister der Chancen werden. Dieses Land und seine Menschen haben es verdient“, mag die Urheberin während der letzten Bundestagsdebatte zur Migration berauscht haben und auch ihre Klientel – nicht aber diejenigen, die schnell merken, dass sie nicht gemeint sind.