21. Juni 2017

Die Fatwa von Eppendorf

An einer Hamburger Schule wird "freizügige" Kleidung verboten. Die Verordnung diskriminiert nicht nur Mädchen – sie zeugt auch von merkwürdigen Vorstellungen über die männliche Natur.

Knappe Kleidung ist für Schülerinnen ab sofort haram. Zumindest am Gymnasium Eppendorf in Hamburg. In der dortigen Schulordnung heißt es unter anderem: „Auch bei sommerlichen Temperaturen ist auf zu freizügige Kleidung zu verzichten. Darunter verstehen wir z. B. übertiefe Dekolletés, bauchfreie Shirts, pofreie Shorts, zu kurze Röcke etc.“ Und wie das so ist mit den Fatwen, betrifft die bemerkenswert körperfeindliche Gängelung vor allem Frauen.

Die Herren der Schöpfung müssen lediglich „Kapuzen, Mützen und Ähnliches während des Unterrichts und in der Mensa“ ablegen. Nochmal: Männer weniger Stoff, Frauen mehr. Zwar müssen, so berichtet das „Hamburger Abendblatt“, „nun auch die Jungen darauf achten, dass ‚lange Boxershorts‘ nicht unter kurzen Hosenbeinen hervorlugen“. Aber wer ein solches Modeverbrechen begeht, gehört ohnehin direkt der Schule verwiesen.

(Anmerkung: Ja, auch Jungs können übertiefe Dekolletés, bauchfreie Shirts, pofreie Shorts und zu kurze Röcke tragen. Dies sind jedoch dort wo sie im Schulalltag vorkommen mögen, zu vernachlässigende Einzelfälle. It’s the patriarchy, stupid!)

Man habe die Ergänzung „aufgrund gehäufter Fälle von eindeutigen eher für den Strand geeigneten Outfits“ beschlossen, zitiert die „Welt“ Schulleiterin Maike Languth. Konkreter wird man nicht.

Jungs, hoffnungslose Sklaven ihrer Biologie

Woher der wahre Wind weht, zeigt dankenswerter Weise eine Kollegin Langhuts im 716 Kilometer entfernten Horb am Neckar. In einem Elternbrief von 2015 schreibt Bianca Brissaud:

„In letzter Zeit müssen wir gehäuft feststellen, dass Mädchen der Werkrealschule sehr aufreizend gekleidet sind. Diese Entwicklung stimmt uns nachdenklich und wir haben entschlossen, dass wir an unserer Schule keine aufreizende Kleidung dulden wollen.“

Na also. Es geht um „Aufreizung“ und also offenbar darum, die männliche Aufmerksamkeit nicht vom Unterricht abzulenken (worum sonst? Sexyfinden allein ist kein Vergehen). Wenn sich die Jungs also nicht konzentrieren können, müssen Mädchen darunter leiden.

Dies wirft im Übrigen auch in anderer Hinsicht ein Licht auf das Menschenbild der geistigen Urheber des Verbots: Jungs (die demzufolge Mädchen per se sexuell anziehend finden) sind hoffnungslose Sklaven ihrer Biologie.

Und man beginnt sich zu fragen: Welche sexy Outfits haben eigentlich all die Jungs getragen, die von ihren Lehrerinnen verführt wurden (zum Beispiel hier, hier und hier)? An „Kapuzen, Mützen und Ähnlichem“ allein wird es kaum gelegen haben.

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Ein Autorenblog für alle, die gern streiten und nicht an den Weltuntergang glauben. Die Salonkolumnisten schreiben über Politik und Kultur – klug, pointiert und in vielen Stimmen, die sich oft uneins sind. Verteidiger der offenen Gesellschaft, Gegner jeder Schwarzmalerei.

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