Norbert Blüm lässt sich nicht den Mund verbieten. Engelbert Reineke / Presse- und Informationsamt

Nicht die hellste Kerze auf der Menorah

Der WDR hat „Auserwählt und ausgegrenzt“ als kommentierte Fassung gezeigt. Anschließend wurden die beiden Autoren vom TV-Gerichtshof bei Maischberger in Abwesenheit verurteilt. Und Norbert Blüm erklärte den Nahostkonflikt. Ein Abend zum Verzweifeln.

Man weiß nach diesem denkwürdigen TV-Abend nicht, wo man einsteigen soll. Bei Norbert Blüm, der in zwei Minuten jedes antisemitsche Klischee bediente, bei einem „Faktencheck“, der an wesentlichen Stellen „Fake News“ war, bei einem selbstgerechten Jörg Schönenborn, der mit jedem Satz den „Lügenpresse“-Brüllern Munition lieferte, oder bei den diversen Beipackzetteln, mit denen der WDR seine Filmautoren nicht nur beim Publikum, sondern in der ganzen Branche unmöglich machte. Klar ist nur: Was sich da Mittwochabend im Ersten abspielte, war irgendwas zwischen Farce und Schmierentheater. Wer wissen wollte, wie es um die Antisemitismusbekämpfung in Deutschland bestellt ist (und starke Nerven hat), der konnte sich über 165 Minuten einer fatalen Dosis Antisemitismusdebatte aussetzen. Jeder einzelne Abschnitt dieses schauerlichen Spektakels verdient es, separat betrachtet und gewürdigt zu werden:

Wie der Umstand, dass die Dokumentation durch Spruchbänder, eine stark nach Giftschrank riechende Distanzierung Vorankündigung und einen Faktencheck, der nach einem Faktencheck schrie, komplett desavouiert und maximal unterminiert wurde.

Der große Schlagabtausch

Oder das Maischberger’sche One-on-one-Auftakttribunal mit Jörg Schönenborn und Michael Wolffsohn, in dem Schönenborn seinen staatstragendsten Gesichtsausdruck aufsetzen und in sanfter Politbarometer-Stimme großherzige Sätze wie „Es passiert, dass ein Film nicht gelingt“ in den Raum stellen durfte. Der Wolffsohns Kompliment, der Film sei in seiner jetzigen Form viel bekannter geworden als in der ursprünglich geplanten Fassung als einfache „arte“-Doku, mit Leichenbittermiene zurückwies und erklärte, er bedauere derartige PR, vielmehr hätte er sich schließlich gewünscht, dass der Film „bei uns [im WDR] nicht abgenommen worden wäre“. Jedenfalls aber brauche es in solchen Fällen einen „Raum des Vertrauens“, den man dann offenbar unter anderem mit Kritik an Wolffsohns Zensur-Vorwurf füllen kann, denn schließlich, das war ihm wichtig, sind wir hier nicht in einer Diktatur. Bei solchen Anwürfen, da läuft es selbst dem großen Jörg Schönenborn „kalt den Rücken“ runter.

Und schließlich, nach freundlicher Überleitung der enorm ge- und teilweise überforderten Moderation, der eigentliche Höhepunkt des Abends, der Klimax jenes absurden Theaters, an das wir uns in den letzten Tagen und Wochen bereits viel zu sehr gewöhnen mussten: der große Schlagabtausch.

Die Antisemitismuskeule war auch da

Von niemandem kann verlangt werden, sich die Runde in voller Länge anzutun. Ihr Inhalt war auch bekannt und eher zweitrangig, aufschlussreich war sie nur vom diskursiven Standpunkt aus. Wer Maischberger gesehen hat, der kennt die Probleme. Sie tragen Namen wie Rolf Verleger, „kritischer Jude“, der wirre Familiengeschichten und moralisierende Anekdoten zum Besten gab, oder Gemma Pörzgen, die von „Multiperspektivität“ und von Auschwitz als „deutschem Narrativ“ faselte, das man nicht allen überstülpen könne.
Und natürlich Norbert Blüm, der ein selbst für seine Verhältnisse beachtliches Feuerwerk peinlicher Plattitüden abbrannte und mit jener Sorte ausgenudelter, moralinsaurer Kirchentagssprüche nur so um sich warf, die in moralisch gefestigten, von keinerlei Faktenkenntnis verbildeten bürgerlichen Haushalten eben so zum Nahostkonflikt im Umlauf sind. Glücklicherweise ist Norbert Blüm laut der Expertise des einschlägigen Gutachters Norbert Blüm aber kein Antisemit, was gut ist, denn wer der Dokumentation eine „Logik der Rache“ unterstellt, hernach die „Spirale des Hasses“ bemüht und schließlich darauf hinweist, dass Jesus ja selbst Semit war, der könnte sonst leicht in den Ruch geraten, vielleicht doch etwas gegen Juden zu haben und das nur sehr, sehr schlecht mit einer Phalanx abgestandener Floskeln zu kaschieren. Nicht jedoch Blüm, der sich deswegen selbstredend auch gegen die „Antisemitismuskeule“ verwahrte und außerdem darauf bestand, Israel und den „Finanzkapitalismus“ (sic) kritisieren zu dürfen, ohne gleich des Antisemitismus geziehen zu werden, wie dies der notorisch hysterische Zentralrat bereits einmal getan hatte.

Gegen diese explosive Kombination aus unendlicher Ahnungslosigkeit und grenzenloser Selbstüberhöhung kamen ein tapferer Ahmad Mansour und ein gegen Ende verständlicherweise genervter Michael Wolffsohn qualitativ durchaus an, quantitativ hatten sie gegen eingeschossene Dampfplauderer vom Schlage Blüms und Pörzgens keine Chance. Klar, sie hatten ihre Momente: Als Rolf Verleger etwa erklärte, so wie bisher „geht es bei uns Juden nicht weiter“, denn „wir“ müssten viel stärker Israels Völkerrechtsverletzungen kritisieren, brachte Mansour ihn mit der einfachen Nachfrage, woher bei ihm die ständige Verbindung zwischen Juden in Deutschland und Israel rühre, doch arg ins Schwitzen.

Strukturelle Idiotie

Doch das sind Petitessen vor dem Hintergrund der kaum in Worte zu kleidenden strukturellen Idiotie, die diesen Abend ebenso wie die vorangegangene Debatte geprägt und ermöglicht hat. Was die Eingeladenen sagten, war im Großen und Ganzen vorhersehbar und unter dem Strich weniger wichtig als die Tatsache, dass sie überhaupt eingeladen waren – und nicht andere, fähigere Diskutanten. Jeder wusste schließlich, dass Norbert Blüm schon zu seinen besten Zeiten nicht die hellste Kerze auf der Menorah war und auch rein gar nichts an Altersweisheit hinzugewonnen hatte. Auch ist bekannt, dass Gemma Pörzgen zu den wichtigsten Putin-Apologetinnen in Deutschland gehört, was aber offenbar noch immer nicht reicht, um sie für ernst gemeinte Diskussionen unter Erwachsenen zu disqualifizieren. Und Rolf Verleger, nunja, der ist Rolf Verleger: Gäbe es ihn nicht, müsste die deutsche Medienlandschaft ihn erfinden, denn schließlich will sich wirklich niemand Knalltüten wie Abi Melzer oder Evelyn Hecht-Galinski in die Sendung holen. Wer aber Erkenntnisse aus einer solchen Diskussion ableiten will, der diskutiert anders und mit anderen Gästen, anstatt unsere Gebühren für ein überflüssiges und peinliches Tribunal über einen Film zu verpulvern, den nach Meinung der Organisatoren der heutigen Runde ohnehin niemand hätte sehen dürfen. Und nun weiter im Pogrom.

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Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“


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