Hannes Stein

Fundstück

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Gedacht oder Gedicht? Unser Autor erinnert sich an einen Streit mit Wolf Biermann.

Wenn ich gar nicht mehr weiterweiss, lese ich Gedichte. Diesen Vormittag blätterte ich in „Sensible Wege“, einem alten Lyrikband von Reiner Kunze (erschienen 1969, ein Jahr nach dem Einmarsch in Prag). Dort fand ich dieses Gedicht mit einer handschriftlichen Korrektur.

 Die Korrektur ist nicht von mir; dies ist die Handschrift von Wolf Biermann.

 Es ist jetzt bestimmt schon zwanzig Jahre her. Ich war ein unbekannter Anglistikstudent, er mein berühmter Freund, Wir hatten uns am Vortag gestritten – er hatte gesagt, die Gedichte von Kunze seien „alles Gedachte“, also Gedankenlyrik, nicht viel wert. Ich widersprach und brachte ihm am  Tag darauf dieses Gedicht mit. „Ja, ist schön“, knurrte Biermann widerwillig. „Aber in einer Hinsicht müssen wir den Genossen Kunze verbessern.“ Sprach’s, griff zum Bleistift, schrieb und gab mir das Buch zurück.

Ich finde übrigens, dass die Verbesserung wirklich eine ist.

Oder?


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Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com