Devang Mehta, ein aus Indien stammender Pflanzenforscher, hat gerade in der Schweiz seine Promotion über ein Thema aus der grünen Gentechnik erfolgreich abgeschlossen. Darin ging es darum, Maniok-Pflanzen resistent gegen eine Viruserkrankung zu machen. Doch jetzt verlässt er sein Forschungsgebiet. Er findet die ständige Konfrontation mit Menschen, die denken, dass seine Arbeit ihnen schadet, auf Dauer zermürbend und beängstigend.

Vor ein paar Wochen verteidigte ich, wie tausende von anderen Forschern auf der Welt zuvor, meine Doktorarbeit im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vor einer Jury von Wissenschaftlern.

Diese Verteidigung ist vermutlich der bedeutendste Meilenstein einer wissenschaftlichen Karriere. Es ist zum Teil eine Prüfung und zum Teil ein Ritual – in den Niederlanden zum Beispiel findet sie vor einer Jury statt, die sich in Roben gehüllt hat und es gibt einen Zeremonienmeister mit einem Zeremonienstab. An meiner Schweizer Universität gebietet es die Tradition, dass Doktoranden seltsame Hüte erhalten, die ihre Kollegen angefertigt haben und die dem Kandidaten aufgesetzt werden, wenn das Ergebnis (hoffentlich „bestanden“) bekannt gegeben wird. Mein Hut trug neben verschiedenen Anspielungen auf meine Twitter-Fixierung Hinweise auf die CRISPR-Technologie und die verschiedenen gentechnisch modifizierten Pflanzen, mit denen ich für meine Promotion gearbeitet hatte.

Sie sehen, in den letzten vier Jahren habe ich in einer Schweizer Forschergruppe gearbeitet, die auf genetisch modifizierte Pflanzen spezialisiert ist, die kurz GMO genannt werden (Wissenschaftler bevorzugen den Ausdruck transgen). Und nein, wir werden nicht von Monsanto finanziert und unsere GMOs sind größtenteils nicht patentiert.

Dennoch – meine Beschäftigung mit der Gentechnik und der Herstellung virusresistenter Pflanzen bedeutete, dass ich beständig mit zum allergrößten Teil negativen Reaktionen umgehen musste, die dieses Thema bei so vielen Leuten auslöst. Diese reichen vom plötzlichen peinlichen Verstummen von Alltagsgesprächen, sobald das Thema meiner Arbeit erwähnt wird, über hasserfüllte Troll-Tweets bis zur gelegentlichen Angst, dass Gegner unsere Forschung durch Zerstörungen zunichte machen könnten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ich nach dem Abschluss meiner Promotion teils aufgeregt und teils erleichtert bin, dass ich in ein neues Labor umziehen und an grundsätzlichen Fragen der Pflanzenbiologie arbeiten kann: Wie können Pflanzen die Aktivitätslevel ihrer Gene regulieren?

Unglücklicherweise bin ich mit meiner Erfahrung nicht allein. Die ersten kommerziell verfügbaren Gentechnikpflanzen wurden in den frühen 1990er Jahren in öffentlichen Forschungslabors in Europa und den USA entwickelt. In den Jahren danach haben mehr als ein Viertel der europäischen Universitäten ihre Forschungsprogramme zur grünen Gentechnik beendet  – einige, weil sie keine Forschungsmittel mehr dafür erhielten und andere, weil die Wissenschaftler aus dem Fachgebiet ausstiegen, ermüdet von der Kritik und den starken Gegenreaktionen.

Inbrünstiger Glaube an Verschwörungstheorien

Meine erste Erfahrung mit der Intensität von gentechnikfeindlichen Überzeugungen machte ich während einer öffentlichen Podiumsdiskussion über die Patentierung von Nutzpflanzen und gentechnisch veränderten Organismen, die meine Kollegen organisiert hatten. Die Diskussion wurde durch einen Gegner unterbrochen, der laut herausschrie, dass Gentechnik-Nahrung für den Autismus der Kinder seiner amerikanischen Freunde verantwortlich sei. Wie die Teilnehmer des Panels zu erklären versuchten, gibt es keinen Kausalzusammenhang zwischen Autismus und GMOs oder Impfstoffen und immer wieder haben Studien gezeigt, dass GMOs vollkommen sicher für den menschlichen Verzehr sind. Aber der Protestierende verwarf diese Argumente sofort zugunsten einer Überzeugung, die sich nur als inbrünstiger Glaube an Verschwörungstheorien bezeichnen lässt. Der Vorfall zeigte sehr deutlich, wie zwecklos Versuche von Forschern sein können, Wissenschaft zu kommunizieren.

Interaktionen wie diese – persönlich oder über soziale Medien – passieren andauernd in Diskussionen über GMOs und Impfstoffe, und zwar weltweit. Es ist, als gäbe es eine Gemeinschaft von tief verletzten Aktivisten, die davon überzeugt sind, dass einige Wissenschaftler nichts anderes im Sinn haben, als ihre Kinder zu schädigen, und nichts, was wir sagen, wird jemals in der Lage sein, ihre Überzeugung zu ändern.

Für mich persönlich ist der Gedanke zutiefst beunruhigend, dass es, egal was ich tue, immer Leute geben wird, die denken, dass meine Forschung ihnen schaden wird. Er fühlt sich auch unfair an. Unfair deswegen, weil wir als Wissenschaftler in der grünen Gentechnik sehr hohe Anforderungen erfüllen müssen, wenn wir für unsere Forschung eintreten – Anforderungen, die an meine Kollegen in der Grundlagenforschung meines Erachtens nie gestellt werden. Einer meiner besten Freunde beispielsweise arbeitet an einer Therapie für eine sehr seltene Hauterkrankung. Ich bin ziemlich sicher, dass ihm nie Fragen gestellt wurden wie: „Und, wird Deine Forschung patentiert?“ oder dass er mit den immergrünen Anklagen konfrontiert wird, ein Helfershelfer der Multis zu sein.

Abgesehen vom blanken Hass, der mir von Gentechnikgegnern sowohl persönlich als auch online entgegenschlägt, hadere ich auch mit meinen Forscherkollegen. Viel zu oft ignorieren andere Wissenschaftler das Thema GMO oder behandeln es als eine Technologie, die wir ohne weiteres aufgeben können (wir können es nicht, wenn wir im Jahr 2050 9 Milliarden Menschen ernähren wollen). Es ist zum Beispiel ein offenes Geheimnis bei den Pflanzenforschern in Europa, dass Forschungsanträge, die mit GMOs zu tun haben, nur eine sehr geringe Chance auf öffentliche Förderung haben – obwohl mehrere europäische Agenturen, wissenschaftliche Gesellschaften und öffentlich finanzierte Studien GMO-Pflanzen als sicher und sogar als wertvolles Werkzeug für die Bekämpfung des Hungers bezeichnen.

Feigheit der Forscher

Ein Ergebnis dieser Dämonisierung von GMOs, die sogar in der akademischen Welt wirkt, ist, dass Forscher in neueren Gebieten wie der synthetischen Biologie nun den Fall der grünen Gentechnik als Beispiel für schlechte Wissenschaftskommunikation ausgeben und unwissenschaftliche Grenzen zwischen der grünen Gentechnik und ihrem eigenen Forschungsgebiet ziehen, vermutlich, um der Abstempelung als Genmanipulation zu entgehen.

Wissenschaftler, die mit neuen Technologien der Pflanzenzucht arbeiten, tun dasselbe. In ihrem Versuch, das Etikett „GMO“ zu vermeiden, haben sie damit begonnen, nach meiner Auffassung unsinnige Unterschiede zwischen verschiedenen Produkten der Gentechnik zu machen wie z. B. Cis-genen und transgenen (GMO-) Pflanzen (bei der ersteren Technologie geht es um Pflanzen, die Gene derselben oder eng verwandter Arten erhalten, bei den transgenen um solche, auf die Gene anderer Arten übertragen werden). Wissenschaftlich ist das eine sinnlose Unterscheidung, die einzig und allein aus Furcht getroffen wurde, erneut das GMO-Etikett zu erhalten. Mit dem Einzug der CRISPR-Technologie beobachte ich dasselbe Phänomen, wenn Forscher ihre CRISPR-Produkte stolz als nicht-GMO bezeichnen, obwohl sie doch wissen, dass Verzehr und Anbau von GMOs vollkommen sicher sind.

Ein anderes Element, dass Wissenschaftskommunikation für GMO-Forscher wie mich besonders schwierig macht, ist die enorme Kluft zwischen Anti-Gentechnik-Aktivisten in der reichen Ersten Welt und den Bauern und Konsumenten im globalen Süden, für die wir unsere Wissenschaft betreiben. Als indischer Wissenschaftler, der in der Schweiz arbeitet, sehe ich das jeden Tag bei meiner Arbeit. Wie kann ich Schweizer Studenten, die den höchsten Lebensstandard der Welt genießen, die Konsequenzen des Verzichts auf eine Technologie erklären, die dabei helfen kann, Millionen Menschen zu ernähren? Ich habe die Antwort noch nicht gefunden, und ich denke, dass ich sie niemals finden werde.

Neben dem Problem der mangelnden öffentlichen Akzeptanz und dem Wegducken von großen Teilen der Scientific Community vor pseudowissenschaftlichen Überzeugungen gibt es noch einen weiteren Grund, warum ich froh bin, die Forschung an transgenen Pflanzen zu verlassen: Der Aktivismus gegen Gentechnik hat in den letzten Jahrzehnten die Vorstellung einer Karriere in der Gentechnik-Forschung zu einer riskanten Idee gemacht. Das Labor, in dem ich meine Doktorarbeit durchgeführt habe, hat Gentechnik-Geschichte geschrieben. Es war in diesem Schweizer Labor (und mit Kollegen auf der anderen Seite der Grenze in Deutschland), in dem der Goldene Reis entwickelt und geschaffen wurde. Goldener Reis ist eine Reissorte, die mit Vitamin A angereichert ist und speziell für asiatische Länder entwickelt wurde. Sie besitzt das Potenzial, das Problem des Vitamin A Mangels in diesen Ländern zu beheben – eine der Hauptursachen von vermeidbarer Blindheit bei Kindern. Der Wissenschaftler, der hinter dem Goldenen Reis stand, war Ingo Potrykus. Er startete das Projekt im Jahr 1991 und produzierte die ersten „Golden Rice“-Pflanzen im Jahr 1999 – ein bemerkenswerter Erfolg, der ihn auf die Titelseite des Time-Magazins brachte. (Potrykus emeritierte in diesem Jahr von meiner Universität). Fast 20 Jahre später ist seine Pflanze, eine Sorte, die mehrfach alle vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen überstanden hat, noch immer nicht für die Kinder verfügbar, die sie am meisten brauchen.

Goldener Reis – 20 Jahre andauernde Verzweiflung

Vor drei Jahren veröffentlichte Potrykus (damals 81) einen Artikel in der Zeitschrift „The Annual Review of Plant Biology“ mit dem Titel „From the Concept of Totipotency to Biofortified Cereals“, der, anders als der sehr akademische Titel suggeriert, die faszinierende Autobiografie eines erfolgreichen GMO-Forschers ist. In dem Artikel schildert Potrykus aus erster Hand, wie sich seine anfängliche Begeisterung für die erfolgreiche Zucht von Reiskörnern mit Vitamin A langsam in eine Geschichte von wiederholten Enttäuschungen verwandelte. Er schildert seine Freude, die erstaunlichen Ergebnisse in seinem Emeritierung-Seminar an meiner Universität präsentieren zu können und dann die allmähliche Verzögerung des Projekts angesichts des öffentlichen Widerstands. Negative Berichterstattung, die von gentechnikkritischen Aktivisten inspiriert wurde, Blockaden durch Aufsichtsbehörden, die die Adoption der Technologie zur Herstellung von Reisvarianten für asiatische Farmer verzögerten, fehlende Bereitschaft öffentlicher Einrichtungen, sich Aktivisten entgegenzustellen und ausbleibende Förderung für verschiedene Experimente – die 20jährige Geschichte des Goldenen Reis ist eine Geschichte andauernder Verzweiflung.

Dennoch haben das Projekt Goldener Reis und seine kürzlichen Erfolge mehrere europäische Wissenschaftler inspiriert, öffentlich geförderte Forschungsprojekte zur Herstellung von GMO-Pflanzen für nicht-kommerzielle Zwecke zu initiieren. Zu diesen gehören die Betreuer meiner Promotion, die einen großen Teil ihrer Karriere in der Forschung an grüner Gentechnik verbracht haben.

Für mich jedoch liest sich die Autobiografie von Potrykus wie eine Warnung an junge Wissenschaftler. Ich kann einfach den unvernünftigen Optimismus nicht aufbringen, den Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen beim gegenwärtigen Klima der öffentlichen Meinung benötigt, zumal noch ein gewisses Maß an Fatalismus gebraucht wird. Potrykus selbst sagt es treffend, wo er über die Geschichte des Goldenen Reis nachdenkt: „Obwohl ganz langsam Fortschritte erzielt werden – hätte ich gewusst, was dieses Unterfangen mit sich bringt, hätte ich es vermutlich nicht begonnen. Ich hoffe sehr, dass der Goldene Reis die Bedürftigen noch während meines Lebens erreicht.“

Ich habe viereinhalb sehr erfüllende Jahre mit der Forschung an GMOs verbracht. Meine Arbeit hat es mir ermöglicht, Kleinbauern in zwei afrikanischen Ländern zu besuchen, einer Studentin aus dem globalen Süden die modernen biologischen Techniken beizubringen, von dem viele in ihrem Herkunftsland träumen, und Entdeckungen zu machen, die mithelfen können, ein wichtiges Problem für die Lebensmittelsicherheit in den Tropen zu lösen. Und ja, ich habe deswegen ein gerüttelt Maß an Schuldgefühlen, dass ich dieses Forschungsgebiet verlasse und dass ich die Arbeit meines Labors an besseren Maniok-Sorten für afrikanische und südasiatische Landwirte auf halbem Wege verlasse.

Alles in allem bin ich jedoch – durchaus etwas egoistisch – froh, zu einem Forschungsgebiet zu wechseln, das nicht mit den gleichen öffentlichen Herausforderungen und demselben Grad an ununterbrochenen Verdächtigungen einhergeht. Aber man weiß nie – möglicherweise gibt die entwickelte Welt öffentlich entwickelten Technologien der grünen Gentechnik die Chance, die sie verdienen, um den Hunger unserer Mitmenschen zu stillen. Möglicherweise kehre ich dann auch wieder zurück.

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Der Artikel erschien am 27. März 2018 hier.

Devang Mehta ist Spezialist für synthetische Biologie, Pflanzenforscher und Wissenschaftskommunikator mit Interesse an politischen Fragen. Er stammt aus Indien und forscht in der Schweiz. Sein Blog ist hier https://www.devang.bio zu finden. Er twittert unter @_devangm .