"Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer Tohma (talk) / CC4.0

„Emma“ hat fertig

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Einst setzte sich die feministische Zeitschrift für Menschen- und Freiheitsrechte ein, heute macht sie sich zum Instrument der russischen Propaganda. Was ist los mit dem Second-Wave-Feministinnen?

Kaum zu glauben aber wahr: Die „Emma“ republiziert dieser Tage tatsächlich einen Kommentar der „Russia Today“-Chefin Margarita Simonjan, den die Propagandistin kurz nach den sogenannten Wahlen in Russland veröffentlichte. Der Westen, so schrieb Putins-Chefinfokriegerin, die ihren Sender schon mal als „Waffe“und „Verteidigungsministerium“ bezeichnet (Seite 35 dieser Broschüre von „Reporter ohne Grenzen“), müsse es selbst verantworten, dass sich Russland nicht liberal, sondern patriotisch verhalte und Putin wähle: „Ihr wart es, die Liberalismus dem Patriotismus entgegengestellt habt! Ihr habt die Situation geschaffen, dass wir in diesem falschen Dilemma Patriotismus wählten! Obwohl viele von uns, ich eingeschlossen, in Wahrheit Liberale sind. Nun reißt euch zusammen!“, schreibt die „Chefredakteurin“ weiter.

Was ist hier passiert? Während „Emma“ Islamisten das hässliche Opfer-Narrativ (natürlich) niemals durchgehen lassen würde, darf die RT-Chefin sich bei Schwarzers mal nach Kräften ausweinen. Tenor: Der Westen ist schuld, deshalb benehmen wir uns jetzt etwas daneben. Der Gipfel der Jammerorgie ist die Behauptung, RT sei ja eigentlich liberal und stehe für die Meinungsfreiheit ein. Ob Simonjan sich das selbst abkauft?

Opfer-Narrativ

Und was genau meint sie damit? Die Verschwörungstheorien, die ihr Sender am Fließband bringt und nach denen die EU in Wahrheit von einer kleinen Gruppe aus Freimaurern, Bilderbergen und „Weltbänkern“ wie der Rothschild-Familie regiert wird, um die einzelnen EU-Staaten gemäß einer europäischen Rassenideologie in die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu verwandeln? Oder, dass der Sender konsequent einen Massenmörder verteidigt, der die Kinder seines eigenen Volkes mit Fassbomben und Giftgas massakriert?

„Wir wollen nicht so leben, wie ihr das tut – nicht mehr“, schreibt Margarita Simonjan. Wieso nicht? Was ist denn so schlecht daran, seine Journalisten und Aktivisten nicht ins Gefängnis zu werfen, lieber nicht auf Tuchfühlung mit Assad, Ruhani und Erdogan zu sein, sondern stattdessen frei wählen zu gehen, um einen demokratischen Staat und Menschenrechte zu fördern?

Gerade die von Alice Schwarzer geführte Emma, die einst dafür gekämpft hat, dass sich Frauen in Deutschland gemäß des Liberalismus und der Bürgerrechte frei bewegen können, stellt sich nun hinter die Propaganda eines Regimes, das innen- und außenpolitisch die Menschenrechte mit Füßen tritt. Und es ist kein Ausrutscher. Bereits auf dem Höhepunkt der Krim-Krise brachte Schwarzer auf ihrem Blog einen Text, der sich liest, als habe sie ihn aus dem RT-Redaktionssystem geklaut. Titel: „Warum ich trotz allem Putin verstehe!“

Was ist also los mit den Second-Wave-Feministinnen? Ist es der übriggebliebene 68er-Sponti-Hass auf den kapitalistischen Westen oder doch die Sehnsucht nach ein bisschen mehr K-Gruppen-Geborgenheit, die die alten Emanzen plötzlich in die Arme der russischen Propagandisten treibt?

Vielleicht ist es tatsächlich das Opfer-Narrativ, in das sich die „Emma“ verliebt hat. Denn das hat man ja als Feministin quasi ins Herz geschlossen. Und das haben Putinisten, Islamisten und Emmas Feministinnen gemeinsam.




Judith Sevinç Basad wuchs teilweise in Bayern, teilweise in Frankreich auf, hat türkischen Migrationshintergrund, rollt das R aber trotzdem wie eine autochthone Fränkin. In Stuttgart studierte sie Germanistik und Philosophie und studiert momentan Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin. In der Initiative "Liberaler Feminismus" setzt sie sich für einen freiheitlichen Feminismus ohne Sprechverbote ein, im Tagesspiegel schreibt sie darüber.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com