He, Sonne alter Quälgeist, Du!

Zu den John-Donne-Übersetzungen des Michael Mertes

Mit der Lyrik ist das so eine Sache: Es verhält sich mit ihr wie mit einem Witz, den nur Eingeweihte verstehen. Sie gehört leider zu jenen Schätzen, die sich Leuten, die nicht zur Sprachfamilie gehören, nur schwer mitteilen lassen. Versuchen Sie mal, einem Engländer oder Franzosen zu erklären, warum diese Verse von Hölderlin atemberaubend schön sind:

Wohl manches Land der lebenden Erde möcht´

Ich sehen, und öfters über die Berg´ enteilt

Das Herz mir, und die Wünsche wandern

Über das Meer, zu den Ufern, die mir

Vor andern, so ich kenne, gepriesen sind …

Verdammt schwer. Eigentlich unmöglich. Aber andersherum stimmt das natürlich genauso: Nehmen wir zum Beispiel John Donne. Wenn das Englische nicht Ihre Muttersprache ist (oder wenn Sie nicht, wie der Autor dieser Zeilen, zur Zeit der punischen Kriege Anglistik studiert haben), dann kennen Sie vielleicht nicht mal den Namen. Aber sogar, wenn ihnen wenigstens der Name schon mal en passant begegnet sein sollte, wissen Sie vielleicht nicht, wie schön, wie pfiffig, wie durchtrieben, wie elegant schweinisch, wie ergreifend die Gedichte dieses John Donne sind.

He, Sonne, alter Quälgeist du,

was machst du da,

was trittst du uns durchs Fenster denn so nah?

Dein Turnus trifft auf Liebende nicht zu!

Du kleinlich-dreister Knilch, geh streiten

Mit Schülern, die im Bett noch dösen.

Dem Höfling sag: „Der König will jetzt reiten!“

Den Landmann weck, des Dienstherrn Korn zu lesen.

Doch Liebe lässt sich nie durch Zyklen hetzen,

sie kennt nicht Uhrzeit und Kalenderfetzen.

John Donne also. Er war nur sieben Jahre jünger als William Shakespeare – und dichtete doch ganz anders als jener. (Es gibt übrigens keinen Hinweis, dass die beiden sich je begegnet wären.) Die Nachwelt schlug John Donne einer Gruppe von Dichtern zu, die „metaphysical poets“ genannt wurden. Das war ein Schimpfname, wie „neocon“ oder „sansculotte“ – „Metaphysical poet“, das sollte heißen: Gehirndichter. Gesuchte Metaphern. Abgehobenes Zeug. Holpriges Versmaß. Doch irgendwann – genauer gesagt, nach T.S. Eliot – ging der hochwohlgeborenen Nachwelt auf, wie modern diese „metaphysical poets“ waren. Ihr holpriges Versmaß etwa war gar nicht holprig; es war war sehr genau der gesprochenen Sprache abgelauscht. (Am besten begreift man die Gedichte von Donne deshalb, wenn man sich die Verse leise selber hersagt.) Und die gesuchten Metaphern? Mit ihrer Hilfe maß John Donne den gesamten Kosmos bis zu den Grenzen des Sonnensystems aus.

Dein helles Strahlen soll ich ehrn?

Wie lächerlich!

Ein Wimpernschlag – und ich verdunkle dich,

müsst ich dann IHREN Anblick nicht entbehrn.

Und blendet dich ihr Blick nicht gleich,

schau hin und sag dann morgen mir,

ob beide Indien, unermesslich reich,

jenseits des Meeres liegen – oder hier.

Und fragst du, wo die Fürsten alle lagen,

wird man „In diesem einen Bett“ dir sagen.

Es kommt noch eine klitzekleine Schwierigkeit hinzu: Der junge Donne schrieb ganz anders als der alte. Der junge Donne war ein Fachmann für durchtrieben Erotisches. (Das lag an der Art, wie er lebte: Donne brannte mit der Nichte seines Chefs durch, was ihn nicht nur seinen Job kostete, sondern ihm auch einen kurzen Knastaufenthalt eintrug.) Eines seiner schönsten Gedichte, „Der Sonnenaufgang“, beschreibt folgende Szene: Ein junges Liebespaar liegt nach vergnüglich durchvögelter Nacht beieinander-ineinander. Da geht die Sonne auf und schielt durch den Vorhang auf das Lotterbett der Liebenden. Der Mann reagiert mit einer wohlgereimten und hocheleganten Wutrede: Die Sonne soll sich gefälligst sonstwohin scheren! und ihn und seine Liebste in Ruhe lassen. Oder sie soll, das ist die verblüffende Wendung am Schluss des Gedichts, einfach nur noch für ihn und seine Liebste scheinen. Das ist die Ablösung des heliozentrischen durch das ego-zentrische Weltsystem: Die Sonne kreist nicht um die Erde, sondern um das Ich; und alle Fürsten und Kaiser drehen sich mit ihr im Kreis. Galileo Galilei kann einpacken! DAS war die wirkliche Revolution.

„Kein Mensch ist eine Insel“

Der alte Donne schrieb ebenfalls erotische Gedichte. Allerdings hatte er (der aus einer katholischen Familie stammte) mittlerweile Karriere in der anglikanischen Kirche gemacht; und so sind seine Altersgedichte ergreifende Zeugnisse des Christenglaubens. Er bekannte nun nicht mehr seine Liebe zu einer Frau, sondern zum dreifaltigen Gott der Christenheit, protestantische Abteilung. Das ist die Ablösung des egozentrischen durch das theozentrische Weltsystem: Das Ich kreist um den Schöpfer. Und diese Gedichte sind nicht minder schön als die eleganten Schweinigeleien seiner Jugend.

Aus seiner Altersphase stammt auch dieses viel zitierte Stück aus einer Predigt: „Kein Mensch ist eine Insel, in sich ein Ganzes; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wird auch nur ein Erdklumpen vom Meer weggeschwemmt, so ist Europa gemindert, als wär´s eine ganze Landzunge, als wär´s ein Landgut gewesen, das deinem Freund oder mir gehört. Der Tod jedes Menschen mindert mich, weil ich der Menschheit eingewoben bin. Lass daher niemals nachfragen, für wen die Stunde schlägt: Sie schlägt für dich.“ Daraus ist im Englischen ein geflügeltes Wort geworden – und der Titel eines Romans von Ernest Hemingeway: For Whom The Bell Tolls. Aber Donnes Liebesgedichte sind, wie schon angedeutet, auch nicht gerade aus aufblasbarem Gummi.

Der Erdkreis: sie! Der Kaiser: ich!

O einziges Wunder!

Die Fürsten imitieren uns; doch Plunder

ist Ruhm – und Alchemie ist Gold für mich.

Du, Sonne (halb so glücklich bloß

wie wir, der Ausbund dieser Welt),

bist altersmüd. Wir lindern gern dein Los:

Leucht uns, und schon hast du das All erhellt!

Scheinst du uns hier, ist dein System komplett:

Das Zimmer Sphäre, Mittelpunkt das Bett!

John Donne – wer könnte den lieben Deutschen wenigstens einen Eindruck  davon verschaffen, wie reich die Welt dieses Dichters ist? Wie seine Verse Gefühl und Verstand, Emotio und Ratio des Lesers zugleich ansprechen, als seien sie eines? Einen Dolmetscher bräuchte man! Zu unser aller Glück hat Donne nun just einen solchen Dolmetscher gefunden: einen gewissen Michael Mertes. (Enthüllung: Ich bin schon seit ein paar Jahrzehnten mit ihm befreundet. Das hindert mich nicht daran, seine Nachdichtungen ganz rücksichtslos großartig zu finden.) Ganz im Stillen hat Mertes jahrelang an seinen Übersetzungen gearbeitet, gefeilt, geschliffen, er hat verbessert und nochmal verbessert – und jetzt ein rundherum gelungenes Buch vorgelegt, das natürlich kein Schwein interessieren wird. Aber manche Menschen vielleicht schon. Zumindest solche, die Gedichte für ebenso unentbehrlich halten wie Sonnenuntergänge, Bach-Sonaten und Pistazieneis.

Der Titel des Buches lautet: „Schweig endlich still und lass mich leben!“ Mertes hat nicht nur die wichtigsten Donne-Gedichte (und auch ein bisschen Prosa) übersetzt und thematisch gebündelt – er hat sie auch mit erhellenden Essays versehen, die beweisen, dass er tief in die geistige Welt dieses Dichters eingetaucht ist. Und er hat seine ganze Intelligenz, seinen Witz („Witz“ im Sinne von „Geist“), all seine Herzenswärme und all seine Pfiffigkeit in den Dienst des Verseschmieds aus dem elisabethanischen Zeitalter gestellt.

Die Hürde ist die Muttersprache

Es ist ein Wunder, dass es überhaupt möglich ist, John Donnes Gedichte zu übersetzen. Aber – voilà! – Mertes ist es gelungen. Leute, die genug Englisch können, sollen bitte die Probe machen: Legen Sie mal das Original neben die Übersetzung und vergleichen Sie. Und bewundern Sie Michael Mertes´ Wortwitz, sehen Sie die – scheinbare – Leichtigkeit, mit der er das Versmaß beibehält und deutsche Reime findet. Das Problem dabei war selbstverständlich zu keiner Zeit das Englische (das Mertes sowieso aus dem Effeff beherrscht). Beim Übersetzen gibt es, wie Wolf Biermann einmal anmerkte, nur eine Hürde, eine einzige. Und das ist die Muttersprache.

Zum Schluss ein paar biografische Anmerkungen. Der Nach-Dichter, 1953 geboren, ist der Sohn des Diplomaten Alois Mertes, gehört also quasi (ich hoffe, Michael verzeiht mir die Wortwahl) zum alten Adel der CDU. Er ist studierter Jurist und lernte noch den alten Karl Popper, sel. A., kennen. Sein Bruder ist der Jesuitenpater Klaus Mertes, der als Rektor des Canisius-Kolleg in Berlin eine so gute Rolle bei der Aufdeckung von sexuellen Missbrauchsfällen an Schülern dieses katholischen Gymnasiums spielte.

Michael Mertes war Redenschreiber von Helmut Kohl, später diente er diesem Bundeskanzler als Ministerialdirektor. Er war also im allerbesten Sinne das, was man einen Bürokraten nennen könnte; im alten China hätte so jemand wie er „Mandarin“ geheißen. Später war er Redakteur beim „Rheinischen Merkur“ (dort waren wir circa ein Jahr lang Kollegen), noch später war er Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem. Dass ein Mann von solcher Humanität, stupenden Bildung und – wie sich nun herausstellt – poetischen Begabung zum politischen Rückgrat der Bundesrepublik Deutschland gehört hat, beweist unter anderem doch, was für ein zivilisiertes Land da unter amerikanisch-britisch-französischer Besatzung westlich der Elbe entstanden ist. Trotz Globke, Kiesinger, Filbinger und anderen alten Nazis. Seine Donne-Übersetzungen widmete Michael Mertes „Freunden aus Britannien, Frankreich, Russland und Israel, denen ich mich persönlich und im Kampf gegen den Ungeist nationaler Engstirnigkeit tief verbunden fühle“. No man is an island.

Schweig endlich still und lass mich leben!
Ein John-Donne-Lesebuch von Michael Mertes.
Verlag Franz Schön, Bonn. 292 Seiten.  




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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