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Vom verunglückten Denken

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Reaktionäres in einer immer besser werdenden Welt.

„Unsere westlichen Demokratien“ sind, so Karl Popper 1988, „ein beispielloser Erfolg: ein Erfolg von Arbeit, viel Bemühung, viel gutem Willen und vor allem von vielen schöpferischen Ideen auf vielen Gebieten. Das Resultat ist: Mehr glückliche Menschen leben ein freieres, schöneres, besseres und längeres Leben als je zuvor.“ Worte, die sich bereits 1988 leicht nach kritikbefreitem Jubelpersertum anhörten, weshalb der Begründer des Kritischen Rationalismus dann auch schnell ein „Ich weiß natürlich, dass vieles verbessert werden sollte“ hinzufügte.

Es sind jedoch Sätze, die bei seiner Biografie Sinn ergeben. 1902 zur Zeit von Franz Joseph I. im kaiserlichen Wien geboren, haben sich die Lebensumstände während seines Lebens unheimlich verbessert. Und das auf nahezu allen Gebieten; das Leben, das Popper 1988 führte, wäre dem jungen Popper der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie wahrscheinlich wie Science-Fiction vorgekommen. Vermutlich hätte er sich noch nicht mal vorstellen können, 1988 noch zu leben, lag die durchschnittliche Lebenserwartung von österreichischen Männern 1902 doch nur bei rund 41 Jahren.

Und der Trend ist noch immer ungebrochen, in der Mehrzahl leben die Menschen heute ein besseres und längeres Leben als zu Poppers Zeiten. 1988, als er die Zeilen schrieb, lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland etwa noch bei rund 78 Jahren, 2016 waren es bereits 83. Eine Entwicklung, die in Deutschland zudem mit einer Verdoppelung des Bruttoinlandsproduktes, einer um rund ein Drittel gesunkenen Mordrate und einer Halbierung der Säuglingssterbefälle einherging. Und das, obwohl (West-)Deutschland 1988 schon ein sehr wohlhabendes Land war, in den Schwellen- und Entwicklungsländern tritt die positive Entwicklung der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte sogar noch deutlicher hervor; mittlerweile gibt es auf der Erde rund 6,6 Milliarden Menschen, die nicht in extremer Armut leben, Ende der Achtziger waren es erst 3,3 Milliarden.

Selbst Afrika, ein Kontinent, der es ins deutsche Fernsehen vornehmlich mit Elendsreportagen und Ethnokitsch schafft, hat eine enorme Verbesserungen erlebt. Länder wie die Zentralafrikanische Republik, DR Kongo oder der Südsudan leiden noch heute furchtbar unter endemischer Gewalt und bitterster Armut, aber die Lebenserwartung auf dem gesamten Kontinent hat sich trotzdem von 53 (1990) auf 60 Jahre (2015) verbessert. Und liegt damit fast zwanzig Jahre über der österreichischen Lebenserwartung von 1902.

Alles Leben ist Leiden

Poppers Zitat über das bessere und längere Leben geht jedoch noch weiter, mit den Worten „Aber das muss man auch aussprechen! Ich höre es fast nie. Stattdessen hört man täglich Gejammer und Geraunze über die angeblich so schlechte Welt, in der wir zu leben verdammt sind“ konstatiert der Philosoph eine zutiefst ahistorische Wahrnehmung, an der sich ebenfalls bis heute nichts geändert hat. Es sind eben nicht nur die jammerdeutschen Abendlandverteidiger von Pegida und Co., die den Niedergang des Landes, Europas und der gesamten Welt an die Wand malen, sondern weite Bevölkerungskreise, beileibe nicht nur auf der Rechten.

Niemand muss so weit wie etwa Nicholas Kristof gehen und ein „2017 is likely to be the best year in the history of humanity“ prophezeien, aber so zu tun, als würden sich die globalen Lebensbedingungen stetig verschlechtern, ist schlichtweg gelebte Kontrafaktizität. Und eben diese Verkehrung der Wirklichkeit ins Gegenteil ist der Sound unserer Zeit, mal unterschwellig, mal schrill und aggressiv rübergebracht. Dass es mit uns bergab geht, dass wir immer ungesünder leben, dass die wirtschaftliche Situation immer schwieriger wird, dass Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zunehmen, dass die Welt zunehmend von Krieg, Bürgerkrieg und dem Zerfall ganzer Kontinente gezeichnet ist. Eine fatale Sichtweise, die in Deutschland durchaus hegemonial ist; auf die Frage, ob die Welt besser oder schlechter wird, haben Ende 2016 in einer Umfrage 59 Prozent mit „schlechter“ geantwortet, 31 Prozent mit „weder noch“ und gerade einmal 4 Prozent mit „besser“. Die Welt, ein Leiden ohne Aussicht auf Besserung, so zumindest die vorherrschende Wahrnehmung.

Die Absage an eine Geschichte des Fortschritts hat in Deutschland spätestens seit Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ Tradition, ist aber leider keine spezifisch deutsche Erscheinung (mehr). Vielmehr ist die „Alles geht bergab“-Sichtweise für den ganzen Westen bestimmend, und das nicht nur in Gegenden wie dem amerikanischen Rust Belt, wo die Lebenserwartung tatsächlich wieder sinkt, sondern auch in den urbanen Boom-Regionen. Obwohl es eigentlich jeder besser wissen könnte, gibt es doch so großartige Bücher wie Steven Pinkers „The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined“, Angus Deatons „The Great Escape: Health, Wealth, and the Origins of Inequality“, das Internetprojekt „Our World In Data“ von Max Roser und die (äußerst unterhaltsamen) Vorträge vom leider viel zu früh verstorbenen Hans Rosling.

Fakten zählen jedoch wenig, wenn Menschen sich von gefühlten Wirklichkeiten treiben lassen; eine banale, aber trotzdem zutreffende Erkenntnis, wie zuletzt die aufgepeitschten Trump-Wähler eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Während die Wahl von Trump jedoch wie ein Knall daherkam, wirkt die allgegenwärtige Mär vom Niedergang hingegen wie ein schleichendes Gift. Ein Gift, das als verunglücktes Denken nicht nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit aus den Angeln hebt, sondern sich schlimmstenfalls als eine selbsterfüllende Prophezeiung entpuppt, die immer mehr unglückliche Menschen ein unfreieres, hässlicheres, schlechteres und kürzeres Leben führen lässt.

Die vergesellschaftete Menschheit

Zu den größten Böcken, die Karl Marx geschossen hat, gehört das, was heutzutage als „Verelendungstheorie“ bezeichnet wird. Marx, dabei durchaus ein Kind seiner Zeit, ging davon aus, dass die Verelendung einer immer größer werdenden Arbeiterschaft im Kapitalismus zwangsläufig erfolgt. Dass die kapitalistische Akkumulation die Lage des Arbeiters verschlechtert, bis schließlich – Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! – die Revolution ausbricht. Eine Fehlinterpretation der Welt, die sich aber dadurch erklären lässt, dass er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war; er hat im Grunde genommen eine fehlerhafte Extrapolation hingelegt. Hat gedacht, dass sich die Entwicklung der Arbeiterschaft in England in einer bestimmten Phase der industriellen Revolution aufs große Ganze übertragen lässt.

Marx-Zitat mit Stufen, Humboldt-Universität zu Berlin. © Tobias Blanken

Eine Fehlinterpretation, die sich als folgenschwer erwies. Glaubt man daran, dass das Elend nicht nur systemimmanent ist, sondern zwangsläufig auch noch zunehmen wird, kann die einzig sinnvolle Veränderung nur darin liegen, dass man das ganze System auf revolutionäre Weise umwirft. Reformistische Ansätze sind unter dieser Prämisse unabwendbar eine Si­sy­phus­ar­beit, ein vollkommen sinnloses Anrennen gegen Windmühlen. Und Gläubige hatte Marx viele, ohne die Verelendungstheorie wäre der reformistische Flügel der Arbeiterbewegung vermutlich erheblich stärker gegenüber dem revolutionären gewesen, wären der Welt – das ist jetzt natürlich reine Spekulation – womöglich sogar so manche Revolution (und damit auch: Gulags) erspart geblieben.

Dass die Verelendung noch heute als Rechtfertigung für Gewalt herhalten muss, hat sich kurioserweise auch nach den G20-Protesten in Hamburg gezeigt, die Publizistin Barbara Sichtermann hat etwa in einem taz-Interview mit dem Satz „Aber wenn ich mich in einen jungen Autonomen hineinversetze, der sieht, wie die neoliberale Politik überall in der Welt die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher macht, und der dann aus Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung einen Stein oder einen Brandsatz wirft – dann bleibt da irgendwo ein kleines Restverständnis“ den Krawallen Verständnis entgegengebracht. Sie hat zwar nicht die gleiche geistige Tiefe wie Marx, die Logik – „die Armen immer ärmer“ – ist aber ähnlich. Und ähnlich daneben.

Nun ist aber die Gefahr, dass auf der halben Welt kommunistische Revolutionen ausbrechen, denkbar gering, haben Stalin, Mao, Pol Pot und zuletzt Hugo Chávez doch der kommunistischen Idee so viel Schande gemacht, dass sie ungefähr so populär wie der HSV in Bremen ist, also so gut wie gar nicht. Marx‘ Verelendungstheorie zeigt jedoch ein grundsätzliches Problem auf: Fehlwahrnehmungen haben Konsequenzen.

Das Unbehagen an der Moderne

„Vaccine paradox“ bezeichnet im Englischen das Phänomen, dass beim Impfen der Sieg die Saat der Niederlage schon in sich trägt. Ist die Krankheit erst einmal erfolgreich bekämpft, lässt auch das Bewusstsein über die Krankheit nach; die Leute werden impfmüde. Impfmüde, bis die Herdenimmunität nicht mehr gegeben ist. Das Wirkungsprinzip ist denkbar einfach: Wer selbst noch gelähmten Polio-Opfern begegnet ist, braucht von der Notwendigkeit einer Polio-Impfung nicht überzeugt zu werden. Wer niemals einem Polio-Opfer begegnet ist, dem fehlt die sinnliche Erfahrung des persönlichen Kontakts, die Notwendigkeit der Impfung muss sich über den Verstand, über das Wissen über die Krankheit erschlossen werden. Was im Westen – Prenzlauer Berg und San Francisco geben sich da leider nicht viel – immer weniger gelingt, insbesondere bei vermeintlich harmlosen Krankheiten wie etwa Masern wird sich bewusst gegen die Impfung entschieden.

Lässt man die harten 911-Truther- und Chemtrail-Spinner (und Donald Trump) außen vor, dann handelt es sich bei den meisten Impfgegnern um zurechnungsfähige Menschen, „oft Akademiker mit hohem Einkommen und hohem intellektuellen Selbstbewusstsein“. Die Rechtfertigung, warum sie Impfungen ablehnen, läuft fast durchgängig auf eine Rationalisierung ihres Unbehagens an der Moderne hinaus. Es wird eine Dichotomie gebildet, bei der alles Moderne (Pharmaindustrie, moderne evidenzbasierte Medizin etc.) als böse, alles Natürliche (Krankheiten, traditionelle chinesische Medizin etc.) als gut dasteht. Statt ihnen mit der Impfung einen „Pharmacocktail“ zu verabreichen, werden die eigenen Kinder auf eine „Masernparty“ geschickt. Getreu dem Motto, dass es doch ganz natürlich sei, Masern zu haben, Begleiterscheinungen der Krankheit könnten später ja immer noch mit einer Heilkräuter-Essigtherapie gelindert werden. Dass Viren – ebenfalls ganz natürlich – bei einer Maserninfektion ins Gehirn eindringen können und dort Nervenzellen zerstören, wird hingegen komplett ausgeblendet.

Gab es im weiteren Bekanntenkreis keinen Fall der Gehirnentzündung SSPE, kommt bei Masern das „Vaccine paradox“ zum Tragen, die Notwendigkeit der Impfung muss sich über den Verstand, über das Wissen über die Krankheit erschlossenen werden. Obwohl es ansonsten zurechnungsfähige Menschen sind, sorgt das Unbehagen an der Moderne und die damit einhergehende Verklärung von allem Natürlichen jedoch für eine Verzerrung der Urteilskraft; es werden irrationale Entscheidungen getroffen, die schlimmstenfalls den Tod des eigenen Kindes nach sich ziehen. Ein simples „Messing with nature is the whole point of medicine, given that it’s nature that cooked up every disease that ever existed“ verfängt bei diesen Leuten nicht mehr, halten sie sich doch in ihrem verunglückten Denken für besonders kritisch. Dass die Menschen dank der Moderne ein immer längeres und gesünderes Leben führen, wird nicht mehr anerkannt, stattdessen wird das gesundheitliche Heil in vormodernen Praktiken gesucht. Zurück zum einfachen Leben, zurück zur Natur.

Und das leider nicht nur beim Impfen, sondern in allen möglichen Bereichen. Die Werbung ist in das Adjektiv „natürlich“ regelrecht vernarrt. Soll etwas verkauft werden, kann gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass es „ganz natürlich“ sei – bei den Lebensmitteln unterliegt die Verwendung des Adjektivs beim Bewerben daher sogar gesetzlichen Regelungen (§17 Abs. 1 Nr. 4 LMBG). Ähnlich vernarrt ins Adjektiv sind die ganzen bunten Zeitschriften in den Bahnhofsbuchhandlungen. Egal, ob Frauenzeitschrift, Lifestyle-Magazin oder Lebensratgeber, „natürlich“ wird niemals wertfrei verwendet, sondern ist wahnsinnig positiv aufgeladen, steht für Qualität, Authentizität und Gesundheit. Hinzu kommen dann noch alle Zeitschriften wie „Landlust“, „LandIdee“ und „Mein schönes Land“, die aus dem „Zurück zum einfachen Leben, zurück zur Natur“ ein eigenes Zeitschriften-Genre gemacht haben, bei dem die Dorfidylle sehr häufig mit teuren Deko-Tipps, aber nie mit 24-Tonnen-Güllefässern und Großraumdiscos daherkommt. Ein Elend am Zeitschriftenständer, das nur von den ebenfalls schwer angesagten Eso-Zeitschriften getoppt wird, bei denen das Adjektiv „natürlich“ einen regulären Fetischcharakter hat.

Das natürliche Heilsversprechen

Die eigentümlichsten Blüten treibt das verunglückte Denken jedoch beim Essen. Und das nicht ohne Grund, ist Essen doch nicht nur ein identitätsstiftendes Distinktionsmerkmal, sondern auch – unzweifelhaft – mit der Gesundheit verbunden; rationale und irrationale Momente gehen Hand in Hand. Und die große Verunsicherung.

„Man weiß heutzutage gar nicht mehr, was man überhaupt noch essen kann“, ist der allgegenwärtige Seufzer, obwohl „unser Essen sicherer als jemals zuvor ist“, so der Präsident des Bundesinstituts für Risikoforschung. Aus Angst, sich sonst übers Essen die Gesundheit zu ruinieren, wird nicht nur der letzte schwachsinnige Superfood- oder Detox-Trend mitgemacht, sondern sein (Essens-)Heil in allem gesucht, was „natürlich“ daherkommt. Ein verunglücktes Denken, da die größten Krankmacher und Todbringer im Essen doch Viren wie Norovirus, Bakterien wie Campylobacter und Pilzgifte sind, allesamt Gesundheitsgefahren, auf die das Adjektiv „natürlich“ vollumfänglich zutrifft.

Schwer im Trend, weil angeblich ressourcenschonend und natürlich, ist derzeit die saisonale Ernährung. Gekauft wird nur regional produziertes Obst und Gemüse, das gerade Saison hat. Großer Aufhänger ist dort die Vorstellung, dies sei irgendwie „im Einklang“. Im Einklang mit der Natur, den Jahreszeiten, dem Biorhythmus, der inneren Uhr, you name it. Getrieben von der Vorstellung, dass Südfrüchte im Februar „nicht unserer natürlichen Ernährung entsprechen“, versprechen sich die Anhänger des saisonalen Essens von dieser essenstechnischen „Back to the roots“-Nummer ein gesünderes Leben. Ein komplett verunglücktes Denken, ging doch die saisonale und regionale Ernährung über Jahrtausende mit massiven Mangelerscheinungen einher. Mangelerscheinungen, aufgrund derer noch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik die Kinder mit Lebertran vollgepumpt werden mussten, der den älteren Mitbürgern vornehmlich noch aus geschmacklichen Gründen (eher uncool) in Erinnerung ist. Dass frisches Obst im Februar nicht nur aus gesundheitlichen Gründen eine der großen Errungenschaften der Zivilisation ist, sondern der Weltmarkt auch erheblich zur Stabilisierung der Lebensmittelversorgung beiträgt, da er natürliche regionale Ernteschwankungen ausgleicht, kommt den Anhängern des saisonalen Essens auch nicht in den Sinn, hängen sie in ihrem verunglückten Denken doch Autarkieträumen nach, die politisch zuletzt unterm Schmalspurökonomen Darré en vogue waren.

Against the grain, den Vogel bei den zivilisationskritischen Ernährungsweisen schießen jedoch die Anhänger der Paleo-Diät ab. Glauben sie doch, dass die Menschheit bereits mit dem Beginn des Ackerbaus komplett falsch abgebogen sei und Getreide daher ein absolutes No-Go für den Magen- und Darmtrakt ist. Stattdessen essen sie Steinzeit-Essen. Oder das, was sie dafür halten, zeichnen sich steinzeitliche Gesellschaften doch dadurch aus, dass sie, getrieben vom nackten Überlebenswillen, so ziemlich alles essen; wahllos wird nach dem gegriffen, was das jeweilige Ökosystem an Kalorien hergibt. Häufig der letzte Essensdreck, zumindest aus ernährungswissenschaftlicher Sicht, aber das sind Überlegungen, die dem verunglückten Denken gänzlich abgehen. Großer Aufhänger bei den Paleo-Anhängern sind die überall drohenden „Zivilisationskrankheiten“, also chronisch-degenerative Erkrankungen. Diese nehmen vor allem mit dem Alter zu, ein Grund, warum sie in der Steinzeit womöglich tatsächlich weniger oft auftraten, war das Steinzeit-Leben doch so ungesund, dass sich die Lebenserwartung um die 30 Jahre bewegte. Eine Idiotie, ausgerechnet hier nach Wegen zu einem gesünderen Leben zu suchen, aber logisch naheliegende Forderungen nach höheren Forschungsausgaben für chronisch-degenerative Erkrankungen sind in der bizarren Vorstellungswelt des verunglückten Denkens „im Schulmedizinischen Denkansatz gefangen, der primär krankheitsorientierte, isolierte Faktoren betrachtet, statt ganzheitlich zu denken“.

Prinz Charles, wohl bekanntester Ökobauer und Anthroposoph des Vereinigten Königreichs, kommt das Verdienst zu, die ganze Vorstellungswelt hinter dem Unbehagen an der Moderne, dem Wunsch, wieder im Einklang mit der Natur zu sein, auf den Punkt zu bringen. Und das in der ihm typischen Form aus Pathos und Narzissmus:

„I have come to realize that my entire life has been so far motivated by a desire to heal – to heal the dismembered landscape and the poisoned soul; the cruelly shattered townscape, where harmony has been replaced by cacophony; to heal the divisions between intuitive and rational thought, between mind and body, and soul, so that the temple of our humanity can once again be lit by a sacred flame.“

Ein verkanntes Genie, man kann nur hoffen, dass die Queen dem Thron noch lange erhalten bleibt, haben die Briten doch schon genug unter dem Brexit zu leiden.

Das Goldene Zeitalter

Auf Poppers Zitat über das bessere und längere Leben, das jedoch nur mit Gemaule über die angeblich so schlechte Welt quittiert wird, folgen noch zwei weitere Sätze, in denen er die Folgen des allgegenwärtigen Gejammers benennt: „Ich halte die Verbreitung dieser Lügen für das größte Verbrechen unserer Zeit, denn es bedroht die Jugend und versucht, sie ihres Rechtes auf Hoffnung und Optimismus zu berauben. Es führt in einzelnen Fällen zu Selbstmord oder zu Drogen oder zum Terrorismus.“ Hinter den Ursachen für Selbstmord oder Drogen dürften vermutlich vor allem private Gründe liegen, aber Popper hat einen entscheidenden Punkt: Der Welt wird Hoffnung und Optimismus genommen, wenn in unsäglicher Oswald-Spengler-Manier penetrant eine Geschichte des Niedergangs erzählt wird.

Schlimmer noch, die Geschichte des Niedergangs wird so konstruiert, als hätte es einmal ein besseres Zeitalter gegeben. Ein Zeitalter, in dem der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebte, gesund und ohne „Zivilisationskrankheiten“. Ein Zeitalter ähnlich dem platonischen Mythos von der Herrschaft des Kronos, also ohne Ackerbau und dem Verzehr von Fleisch, dabei aber vollkommen friedlich und ohne Krieg. Das Unbehagen an der Moderne erschafft sich eine Traumwelt, deren imaginierter Zerfall für das Leiden in der Gegenwelt verantwortlich gemacht wird. Eine Denke von einem Goldenen Zeitalter, die vor allem eines ist: reaktionär.

Es ist der Glaube an ein Goldenes Zeitalter, der allen reaktionären Überzeugungen zugrunde liegt. Ein Goldenes Zeitalter, von dem die reaktionären Denker nur noch die im Fluss der Zeit dahintreibenden Trümmer erspähen, so zumindest Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte an der New Yorker Columbia University, der sich in seinem jüngsten Buch „The Shipwrecked Mind: On Political Reaction“ mit eben jenem reaktionären Denken auseinandersetzt hat. Mark Lilla befasst sich in seinem Werk mit Denkern wie Eric Voegelin, Leo Strauss, Alain Badiou und Michel Houellebecq, trotzdem sind die Parallelen zu den „impfkritischen“ Steinzeitkost-Essern unübersehbar. Zeichnen sich die reaktionären Denker laut Lilla doch dadurch aus, dass sie von der Idee getrieben sind, dass es mal ein Zeitalter gab, in dem die kulturelle Blüte erreicht wurde, in dem der Mensch entsprechend seiner (religiösen) Natur leben konnte, in dem sich die Gesellschaft in Harmonie befand. Ein Zeitalter, das jedoch längst in Trümmern liegt, das von den Geschichtsläufen und den modernen Ideen geschliffen wurde. Die von Verzweiflung getriebene Vorstellung, dass der Weltgeist schon vor langer Zeit komplett falsch abgebogen ist.

Marx kann man vieles vorwerfen (etwa die verkorkste Verelendungstheorie), aber er war nie ein Reaktionär, sondern von der revolutionären Überzeugung durchdrungen, dass es in der Zukunft eine neue, eine bessere Welt geben wird. Er hat trotz der Verelendung des englischen Proletariats nie die Vergangenheit glorifiziert, hat sich nie der Nostalgie an ein Goldenes Zeitalter hingegeben. Gleiches gilt für die Arbeiterbewegung, gleich, ob revolutionärer oder reformistischer Flügel, auch sie wurde von einem Fortschrittsoptimismus getrieben, von der Vorstellung einer lebenswerteren Welt, die erst noch erschaffen werden muss. Dabei wurde zwar manch fragwürdige ökonomische Theorie aufgestellt, aber die Arbeiterbewegung ist dem Geist der Aufklärung immer treu geblieben.

Was man über die Denker des verunglückten Denkens nicht sagen kann. Sie halten sich zwar häufig für „links“, für „kritisch“ und „progressiv“, sind aber im Grunde ihres Herzens Reaktionäre. Und mit Reaktionären erschafft man keine bessere Welt.

 


Postskriptum: Hans Roslings Vorträge sind wirklich unterhaltsam. Etwa der über die magische Waschmaschine:




Lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg. Mag Karl Popper, Brutalismus und die Ramones.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com